16. Oktober 2017

Diakonie gegen Armut

Vom Gefängnis auf die Straße – Der verzweifelte Kampf gegen die Obdachlosigkeit

Wer aus dem Gefängnis kommt, braucht ein Dach über dem Kopf. Doch das wird für immer mehr Haftentlassene in Deutschlands Großstädten zum Problem. Sie finden keine Wohnung und landen in Notunterkünften oder auf der Straße. Das trifft selbst jene, die nur kurz im Gefängnis saßen, weil sie eine Geldstrafe nicht bezahlen konnten. Die Diakonie Düsseldorf versucht zu helfen, aber der angespannte Wohnungsmarkt macht es ihr schwer.

Portrait

Willkommen in der Beratungsstelle - Natascha Zippro hatte ein Zimmer frei für Martin Müller 

Genau 3,10 Euro hatte Martin Müller (Name geändert) noch im Portemonnaie, als er an einem Freitag im Februar in der Beratungsstelle für Haftentlassene der Diakonie Düsseldorf klingelte. Er hatte Glück. Sozialarbeiterin Natascha Zippro konnte ihm eines der vier Zimmer in der kleinen Wohngemeinschaft, die sie dort betreut, anbieten.

Nur für ein paar Wochen, so war der Plan. Jetzt lebt Martin Müller schon seit acht Monaten dort. Er bekommt Hartz IV. Maximal 410 Euro warm kann er für eine Wohnung ausgeben. In einer Stadt, in der die durchschnittliche Kaltmiete bereits bei 10 Euro liegt.

"In den über zwei Jahren, die ich jetzt in der Beratungsstelle arbeite, habe ich gerade mal acht Haftentlassenen helfen können, eine Wohnung zu finden", erzählt Natascha Zippro. "Das Wohnungsamt in Düsseldorf hat nicht genügend günstige Wohnungen, die es vermitteln kann, und bei privaten Vermietern stehen Haftentlassene ganz unten auf der Liste." Dabei sei ganz egal, ob es sich um einen Mörder oder notorischen Schwarzfahrer handele. "Sobald ich erzähle, dass ich für einen Haftentlassenen, den ich betreue, eine Wohnung suche, wird es schwierig."

Natascha Zippro am Schreibtisch

Die gemeinsame Wohnungssuche beginnt in Natascha Zippros Büro

Absturz nach dem Knast

Die Chance, sich persönlich vorzustellen, hat Martin Müller bislang nicht bekommen. "Ich bin kein gefährlicher Verbrecher, sondern habe in meinem Leben viel Pech gehabt", sagt er enttäuscht. "Und einen Fehler gemacht, den ich nicht wiederholen werde." Nach einem fünffachen Bandscheibenvorfall hatte der gelernte Fleischermeister seinen Job verloren. Ein Versicherungsbetrug sollte etwas mehr Geld in die knappe Haushaltskasse bringen. Doch der Betrug flog auf und Martin Müller wurde zu 6.000 Euro Geldstrafe verurteilt.

Jeden Monat stotterte er 30 Euro ab. Dann stieg die Rate und er konnte sie nicht mehr bezahlen. Freiwillig ging er für vier Monate ins Gefängnis. Zwar ist die Geldstrafe damit beglichen, aber seine Freundin verließ ihn. Damit war die gemeinsame Wohnung weg. Freunde wandten sich von Martin Müller ab. Als er aus dem Gefängnis kam, stand der 49-jährige Düsseldorfer plötzlich ganz alleine da. Im Internet fand er die Adresse der Evangelischen Gefangenenfürsorge der Diakonie Düsseldorf – und ein Zimmer für den Übergang.

Hauseingang

Postadresse für 30 Haftentlassene: die Beratungsstelle der Diakonie Düsseldorf

Notunterkünfte schon im Sommer voll

Rund dreißig ehemalige Straftäter haben hier ihre Postadresse. Ein Teil lebt in Notunterkünften, ein anderer schläft mal bei alten Bekannten, mal draußen. Eine Statistik, wie viele Haftentlassene angesichts der zunehmenden Wohnungsnot in Deutschlands Großstädten auf der Straße landen, gibt es nicht. Natascha Zippro weiß nur, dass Düsseldorfs Notunterkünfte mittlerweile bereits im Sommer voll belegt sind und sich darunter immer mehr Menschen befinden, die sie aus ihrer Beratung kennt. Und dass so manch einer noch einmal an die Gefängnispforte klopft, um dort übernachten zu können. Diese Möglichkeit gibt es seit 2016 in allen NRW-Gefängnissen.

Nach Schätzungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes müssten jährlich bundesweit rund 450.000 neue Wohnungen gebaut werden, um den gestiegenen Bedarf an günstigem Wohnraum zu decken. In Düsseldorf sind es mindestens 1.500 pro Jahr. "Gut die Hälfte der Düsseldorfer Bevölkerung hat aufgrund ihres Einkommens Anspruch auf geförderten Mietraum", erklärt Dirk Redemann, Leiter der Straffälligenhilfe bei der Diakonie Düsseldorf. "In Anspruch nehmen können es aber gerade mal sieben Prozent, denn die günstigen Wohnungen gibt es schlichtweg nicht." Unter anderem auch deshalb, weil unter der schwarz-gelben Regierung in NRW zwischen 2005 und 2010  rund 90.000 Wohnungen der Landesentwicklungsgesellschaft LEG verkauft wurden.

Zimmer mit Bett und Couch

Klein, aber gut ausgestattet: das Zimmer von Martin Müller

Ohne Wohnung keine soziale Betreuung

"Die akute Wohnungsnot gefährdet die Resozialisierung", kritisiert Natascha Zippro. Es sei schwer genug für haftentlassene Menschen, einen Job zu finden, ohne Wohnung aber so gut wie unmöglich. Wer keine Wohnung habe, könne zudem keine Hilfe bei den Wohlfahrtsverbänden in Form des betreuten Wohnens beantragen. Die sei aber für viele Haftentlassene wichtig, damit sie nach dem streng geregelten Alltag im Gefängnis überhaupt wieder in der Lage seien, mit dem Alltag in Freiheit zurechtzukommen. Viele sind suchtkrank, überschuldet und waren schon vor der Haft arbeitslos. Bundesweit wird fast jeder zweite ehemalige Häftling wieder straffällig. Die Hälfte davon bereits im ersten Jahr nach der Haftentlassung.

Ein Schicksal, das zunehmend auch jene über 1.000 Menschen in NRW trifft, die wegen kleinerer Delikte wie Diebstähle, Betrug oder Schwarzfahrens ins Gefängnis kommen, weil sie eine Geldstrafe nicht bezahlen können. Natascha Zippros Kollege Olaf Hagemeier kümmert sich seit 2010 in der JVA Düsseldorf um diese Menschen. Er hilft ihnen, eine Haftverkürzung zu bekommen, indem er mit den Gläubigern Ratenzahlungen vereinbart. Meist handelt es sich um Schulden von 300 bis 500 Euro. Die Hälfte der jährlich rund 200 Menschen, die er in der JVA berät, kann diesen Betrag selbst in geringen Raten von monatlich zehn Euro nicht abzahlen. 

Portrait

Olaf Hagemeier kümmert sich in der JVA um Menschen, die zu Geldstrafen verurteilt wurden

Arbeit statt Knast

Ein Weg bestünde darin, sie gemeinnützige Arbeit ableisten zu lassen. Doch dazu, erklärt Hagemeier, müsste die Rechtspflege zustimmen. "Das heißt dann aber, dass diese Menschen betreut werden müssen, damit sie den Arbeitsalltag auch durchstehen. Es ist einfacher, sie ins Gefängnis gehen zu lassen." Aber auch teurer. Jeder Tag im Knast kostet den Steuerzahler 110 Euro. Jährlich sind es bundesweit rund vier Milliarden Euro. "Die Chance, diese Menschen überhaupt wieder mit Arbeit zu konfrontieren, wird vertan", kritisiert Hagemeier. Zumal er rund 25 Prozent der Kleinkriminellen nach der Haftentlassung wiedersieht.

"Viele verlieren schon in der vergleichsweise kurzen Zeit des Gefängnisaufenthaltes ihre Wohnung und sozialen Kontakte", beobachtet Hagemeier. "Wieder in Freiheit, landen sie auf der Straße oder bei anderen entlassenen Kriminellen und begehen wieder ein Delikt." Ein Teufelskreis, der sich durch die akute Wohnungsnot verschärft. "Wir brauchen dringend mehr sozialen Wohnungsbau", sagt Natascha Zippro. "Aber auch mehr soziale Hilfen für straffällig gewordene Menschen, die schon während der Haftzeit beginnen und in Freiheit weitergeführt werden."

Dazu gehört auch das betreute Wohnen. In der kleinen Düsseldorfer Wohngemeinschaft lernt Martin Müller, sich sein Geld besser einzuteilen. Er kauft ein und kocht für die Mitbewohner. Und Natascha Zippro ermutigt ihn immer wieder, aktiv zu werden – trotz aller Rückschläge bei der Wohnungssuche. Mittlerweile kann er sich auch vorstellen, außerhalb Düsseldorfs und der umliegenden Städte eine Wohnung zu suchen. Eines ist für ihn jedenfalls klar: "Ich gehe auf keinen Fall in eine Notunterkunft. Eher wandere ich aus."

Text und Fotos: Sabine Damaschke, Teaserfoto: Schubalu/pixelio.de

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (10 Stimmen)