3. Juli 2017

Diakonie gegen Armut

Da sein, wo alle wegsehen – Beratung für Prostituierte

Seit dem 1. Juli gilt das Prostitutiertenschutzgesetz. Es soll die Arbeitsbedingungen in den Bordellen verbessern. Doch mit einem Gesetz kann das kaum gelingen, meint Katharina Hontscha-Stavropoulos. Die Sozialarbeiterin der diakonischen Beratungsstelle "Theodora" in Herford kennt viele Prostituierte, die gesellschaftlich isoliert und arm sind. Von den rund 15 Milliarden Euro, die jährlich mit Prostitution in Deutschland verdient werden, kommt bei den Frauen wenig an. 

Portraitfoto

"Wir sind wir oft die einzigen, die das Gespräch mit den Frauen suchen und auch ihre Sprache sprechen": Katharina Hontscha-Stavropoulos

Bei Prostitution denkt man besonders an Großstädte. Wie kommt es dazu, dass Frauen in Herford in dieses Gewerbe einsteigen?

Es gibt da keine einfache Antwort. In Bordellen in Ostwestfalen arbeiten viele Frauen, die aus Bulgarien und Rumänen stammen. Für sie ist Prostitution oft die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen. Denn Sozialleistungen bekommen die EU-Bürgerinnen nicht. Viele Prostituierte sprechen  die deutsche Sprache nur gebrochen oder gar nicht. Sie erhoffen sich von der Prostitution zunächst einen lukrativen Job, mit dem sie ihre Familie unterstützen können. Andere sind alleinerziehend und ohne Job. Viele haben Schulden. Aus der Not heraus rutschen sie in die Arbeit als Prostituierte hinein.

Was verdient eine Frau als Prostituierte in Ostwestfalen und welche Kosten hat sie?

Der Verdienst von Prostituierten – die meistens zwischen 25 und 35 Jahre alt sind – ist unterschiedlich. Man darf nicht vergessen, dass sie zum Teil hohe Kosten haben. Ich kann mal ein Beispiel nennen: Ein Zimmer in einem Bordell, das die Prostituierte anmieten muss, kostet täglich zwischen 50 und 150 Euro an Miete. Da braucht sie mindestens zwei bis drei Freier, um allein diese Miete bezahlen zu können. Hinzu kommen noch Kosten für Kleidung, Kontaktanzeigen und auch Steuern von 10 bis 25 Euro pro Tag. Vielen bleibt letztlich nicht mehr als der Hartz-IV-Satz zum Leben übrig. Wer auf den Straßenstrich geht, verdient noch weniger. Hier gibt es Sex für zehn Euro.

Wo können die Frauen denn überhaupt gut verdienen?

Im Begleit-Service verdienen Prostituierte in der Regel deutlich besser. Aber das gelingt nur wenigen Frauen. Viele andere  leben sogar privat in dem Zimmer, in dem sie arbeiten, um Miete zu sparen. Ich erlebe, dass es eine enorme psychische Belastung für die Frauen ist, auch ihre Freizeit in den Bordellen zu verbringen. Sie sind da total isoliert. Die anderen Prostituierten sind ja nicht unbedingt Freundinnen, sondern eher Konkurrentinnen. 

Prostituierte aufgestützt auf ihrem Bett

Selbstportrait einer Prostituierten / Public Domain

Sie beschreiben, dass viele Prostituierte arm sind. Was kennzeichnet ihre Armut?

Sie haben nicht nur wenig Geld, sondern meist auch keine Krankenversicherung und damit keine medizinische Versorgung. Wenn wir Beraterinnen zu den Frauen in die Bordelle fahren, dann sind wir oft die einzigen, die das Gespräch mit den Frauen suchen und auch ihre Sprache sprechen. Meine beiden Kolleginnen und ich sprechen auch Russisch, Bulgarisch, Polnisch und Englisch. Die Allermeisten müssen ihren Familien, Eltern und Kindern, ja, ihrem gesamten privaten Umfeld – wenn es überhaupt eins gibt – ihre Arbeit verheimlichen.

Was macht es mit den Frauen, wenn sie ihre Tätigkeit als Prostituierte verheimlichen? 

Diese Sprachlosigkeit, diese Angst, dass alles rauskommt, diese Armut an Kontakten ist ein ganz großes Problem. Das ist für mich neben der oft finanziellen Armut eine Notlage der Frauen, die mich in den Beratungsgesprächen immer wieder berührt. Viele der Frauen sind völlig überrascht, dass unsere Beratungsleistung bei „Theodora“, die von der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen getragen wird, nichts kostet. Wir verlangen keine Gegenleistung, das kennen die Frauen nicht. Ich arbeite bei der Frauenhilfe. Es entspricht unserer christlichen Überzeugung, auch Prostituierte zu unterstützen.

Kann das Prostituiertenschutzgesetz, das am 1. Juli in Kraft trat, die Situation von Prostituierten verbessern?

Ein Gesetz alleine verbessert gar nichts. Im Gegenteil: viele Frauen haben sich bei uns besorgt nach dem neuen Gesetz erkundigt. Es schreibt vor, dass Prostituierte ihre Tätigkeit künftig persönlich anmelden müssen. Davor findet eine gesundheitliche Beratung statt. Damit möchte der Gesetzgeber den Zugang für Prostituierte zu Beratungs- und Unterstützungsangeboten und die Arbeitsbedingungen in den Bordellen verbessern. Aber viele Frauen haben Bedenken, dass es an andere Stellen weitergegeben wird, wenn sie einmal registriert sind. Das darf auf keinen Fall passieren. 

Außenwand eines sogenannten Laufhauses mit rot beleuchteten Fenstern

Sog. "Laufhaus" in einem Rotlichtbezirk. Foto: Quinn Norton / Wikimedia

Wie helfen Sie den Frauen in Ihrer Beratungsstelle?

Wir fahren in die Bordelle, sprechen mit den Frauen, die das möchten, und informieren über unsere Hilfsangebote. Wir unterstützen die Frauen bei Anträgen, Konflikten oder Problemen mit den Kindern. Wir vermitteln auch Ärzte, von denen sie sich untersuchen und behandeln lassen können, selbst wenn sie keine Krankenversicherung haben. In der Beratung versuchen wir ein neues Ziel für ihr Leben zu finden und überlegen gemeinsam, welche Berufsalternativen es geben kann. Ich rate immer zu einer Ausbildung und kenne viele Frauen, die es geschafft haben und mittlerweile eine Praxis als Physiotherapeutin oder Masseurin haben oder als Altenpflegerinnen oder Reinigungskräfte arbeiten. 

Wo können Sie selbst nicht helfen?

Prostituierte erleben in ihrem Beruf viele Grenzüberschreitungen. Manche können ihren Freiern gut Grenzen setzen, anderen gelingt das nur schlecht – mit dem Ergebnis, dass sie viele schreckliche und traumatische Erlebnisse mit sich herumschleppen. Da raten wir dann zu einer Therapie und vermitteln diese Frauen an psychologische Frauenberatungsstellen. Bis auf eine Kollegin  sind wir keine Psychologinnen. Aber wir verstehen die Situation der Prostituierten und sind zum Teil Vorbilder. Ich komme zum Beispiel aus Polen. Meine Eltern hatten nicht viel Geld. Ich musste mir im Studium Geld mit Putz-Jobs dazu verdienen. Eine Frau hat mal zu mir gesagt: „Das möchte ich auch, so wie Du anderen helfen.“ Das ist ein guter Anfang und ein neues Ziel. Man kann sein Leben verändern.

Das Gespräch führte Sabine Portmann.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Lara Salewski
Frauenhäuser, Frauenberatungsstellen, Frauenhandel und Zwangsprostitution
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Neues Prostituiertenschutzgesetz
Das neue Prostituiertenschutzgesetz hat für Prostituierte maßgebliche Konsequenzen. Menschen, die in der Prostitution tätig sein möchten, sind verpflichtet, sich anzumelden. Nach einem persönlichen Beratungsgespräch, bei dem sie nachweisen müssen, dass zuvor eine Gesundheitsberatung erfolgt ist, erhalten sie für ein bis zwei Jahre eine Anmeldebescheinigung. Die müssen sie immer dabei haben. Das Gesetz macht aber auch Gewerbetreibenden bestimmte Vorgaben. Sie brauchen eine Erlaubnis für ihre Prostitutionsstätte, müssen ein Betriebskonzept vorlegen und gewisse Mindestanforderungen und Auflagen erfüllen. Das Bundesgesetz ist nicht unumstritten. Die Umsetzung ist Sache der Bundesländer. "Viele Prostituierte haben Angst, dass ihre Daten nicht ausreichend geschützt werden", so Lara Salewski, Referentin bei der Diakonie RWL. Die Pflicht zur Mitführung der Anmeldebescheinigung berge außerdem die Gefahr, dass die Papiere von Dritten eingesehen werden. "Wir haben Sorge, dass sich viele Prostituierte nicht anmelden und somit unter illegalen Bedingungen arbeiten."