13. Juni 2017

Diakonie gegen Armut

Schuldenfalle Alter - Wenn die Rente nicht reicht

Ältere Menschen in Deutschland sind immer öfter überschuldet. Deutlich sichtbar wird das in Köln, wo überdurchschnittlich viele Rentner auf Unterstützung durch das Sozialamt angewiesen sind. Dort helfen die Schuldenberaterinnen des Diakonischen Werks immer mehr Senioren aus der Schuldenfalle.

Portrait

Schuldnerberatinnen mit Herz: Claudia Lautner und Maike Cohrs (von links)

Auf dem Tisch stapelten sich Berge von Post, der Strom war abgestellt: Als Claudia Lautner die Wohnung von Helmut Müller (Name geändert) betrat, war sie entsetzt. "Der Mann hatte sich aufgegeben", erinnert sich die Schuldnerberaterin des Diakonischen Werkes Köln und Region. Lautner krempelte die Ärmel hoch, arbeitete sich durch die Stapel unbezahlter Rechnungen und konnte schließlich gerade noch eine Zwangsräumung der Wohnung verhindern.

Helmut Müller ist kein Einzelfall. Claudia Lautner und ihre Kollegin Maike Cohrs stellen fest, dass sich immer mehr überschuldete Senioren an sie wenden. Kamen im vergangenen Jahr insgesamt 56 Menschen über 60 Jahre in die Beratungsstelle der Kölner Diakonie, so waren es im ersten Halbjahr 2017 bereits 36. 

Nicht nur im Kölner Raum, sondern auch bundesweit schnellt die Zahl verschuldeter Senioren nach oben. Zwar sind ältere Menschen immer noch deutlich seltener verschuldet als die Durchschnittsbevölkerung. Doch der Trend ist besorgniserregend. Laut Schuldneratlas Deutschland stieg die Verschuldungsquote bei über 70-jährigen in den vergangenen fünf Jahren um 58 Prozent auf insgesamt 174.000 Menschen. Auch bei den jüngeren Senioren im Alter von 60 bis 69 Jahren gab es ein Plus von sieben Prozent auf 504.000 Fälle.

Sparstrumpf mit Kleingeld

Zu wenig Geld im Sparstrumpf - das geht immer mehr älteren Menschen so (Foto: doro52/pixelio.de)

Altersarmut ist bereits Realität

"Altersarmut ist nichts, was erst in ferner Zukunft auf uns zukommt. Sie ist bereits Realität“, stellt Schuldnerberaterin Cohrs bei ihrer täglichen Arbeit fest. In Köln waren Ende 2015 insgesamt 7,3 Prozent der Rentner auf Unterstützung durch das Sozialamt angewiesen. Damit liegt die Domstadt deutlich über dem Landesdurchschnitt von 3,8 Prozent und ist in Nordrhein-Westfalen Spitzenreiter.

Dabei geraten viele erst im Alter in finanzielle Schwierigkeiten. "Wir haben nur selten ältere Menschen hier, die schon immer verschuldet waren", sagt Lautner. Die meisten konnten gut leben, solange sie berufstätig waren. Manchmal sind es wie bei Helmut Müller Schicksalsschläge, die im Alter die finanziellen Reserven aufzehren. Eine späte Scheidung etwa führt nicht selten dazu, dass aus einem gut situierten Ehepaar zwei arme Haushalte werden. Wenn dann noch, wie bei Helmut Müller, chronische Krankheiten dazu kommen, reicht das Geld oft nicht mehr aus.

Hand zeigt auf Schuldnerbrief

Typische Schuldenfalle: Nachzahlungen bei Telefongesellschaften

Übergang in die Rente oft nicht genügend vorbereitet

Ein häufiger Grund für Verschuldung sei aber auch, dass der Übergang in die Rente nicht genügend vorbereitet werde, beobachtet Lautner. Deutsche Rentner haben durchschnittlich nur noch knapp die Hälfte ihres früheren Einkommens zur Verfügung. Das machten sich viele nicht klar. "Wenn das Einkommen sinkt, müssen auch die Ausgaben weniger werden." Das könne unter Umständen bedeuten, dass man sich rechtzeitig nach einer günstigeren Wohnung umschauen müsse.

Immer wieder treffen die Schuldnerberaterinnen auf Senioren, die unter dem Existenzminimum leben, aber keine Hilfen beim Sozialamt beantragen wollen. Ihre Einkünfte reichen gerade für das Allernötigste. Kommen jedoch unerwartete Ausgaben hinzu, wird es schwierig. Dann werden Kredite aufgenommen, etwa um die kaputte Waschmaschine zu ersetzen. Und so summierten sich kleine Raten, die irgendwann mit der schmalen Rente nicht mehr beglichen werden können.

"Gerade ältere Menschen schämen sich oft furchtbar für ihre Schulden", weiß Cohrs. "Sie essen eher nichts, um irgendwie die Raten zahlen zu können." Oft versuchten die verschuldeten Senioren dann viel zu lange, alleine mit den Problemen fertig zu werden, bevor sie zur Schuldnerberatung gehen. Sie empfinden sich als Bittsteller.

Portrait

Post sichten, zuhören, Lösungen finden - Maike Cohrs in der Beratung

Wege aus der Schuldenfalle

Immer wieder beobachten Lautner und Cohrs aber, wie erleichtert die Menschen sind, wenn sie ihnen Lösungswege für ihre Situation aufzeigen. "Viele leben mit der Angst, dass sie ins Gefängnis müssen, wenn sie ihre Raten nicht mehr zahlen können", erzählt Cohrs. Häufig setzen Inkassobüros die Rentner unter Druck, ihre Schulden in kleinen Raten abzustottern.

"Wir raten dann häufig, den Inkassobüros keine Raten mehr zu zahlen", so Lautner. Denn dadurch reduzierten sich die Schulden in der Regel überhaupt nicht. Mit den kleinen Raten würden nur die laufenden Gebühren der Inkassobüros beglichen. Zu einer Tilgung der Schulden reicht es nicht. Ein Teufelskreis. Rentner, die weniger als 1.000 Euro im Monat zur Verfügung haben, sind aber nicht betroffen. Sie können nicht gepfändet werden, auch wenn sie die Zahlungen einstellen.

Portrait

Keine Angst vor Gläubigern - Claudia Lautner verhandelt am Telefon

Verschuldung im Alter vorbeugen

Falls das Einkommen eine Pfändung erlaubt, versuchen die Beraterinnen mit den Gläubigern einen Vergleich auszuhandeln. "Oft haben wir damit Erfolg", erzählt Lautner. In einem zweiten Schritt helfen sie den Rentnern, ihre Finanzen zu ordnen und einen Haushaltsplan aufzustellen, damit diese künftig mit ihrem Geld über die Runden kommen. Manchmal beantragen sie auch Hilfen, die die Senioren bis dahin aus Scham nicht in Anspruch nehmen wollten.

Besser ist es aber, gar nicht erst in die Schuldenfalle zu rutschen. Die Diakonie Köln setzt deshalb verstärkt auf Vorbeugung. Lautner und Cohrs arbeiten an einem Präventionskonzept. Geplant sind Veranstaltungen und Bildungsangebote, die Menschen über 50 Jahren dafür sensibilisieren sollen, schon jetzt die Zeit nach dem Berufsleben im Blick zu haben."Man muss für das Alter frühzeitig mitdenken", sagen die Beraterinnen. Das gilt etwa bei der Aufnahme von Krediten, beim Abschluss von Versicherungen oder auch im Hinblick auf die Wohnsituation. "So lässt sich die Verschuldung im Alter in vielen Fällen verhindern."

Text und Fotos: Claudia Rometsch

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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