10. Mai 2017

Diakonie gegen Armut

Sozialhilfe statt Strukturwandel – Armut im Ruhrgebiet

Das Ruhrgebiet gilt als armutspolitische Problemregion Nummer 1 in Deutschland. Nirgendwo sonst ist die Armut in den vergangenen zehn Jahren so stark gewachsen. Jeder Fünfte gilt hier als arm. Das sind eine Million Menschen. Stephan Kiepe-Fahrenholz, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes Duisburg, lebt und arbeitet seit über dreißig Jahren im Ruhrgebiet. 

Portrait

Stephan Kiepe-Fahrenholz

Wie lebt es sich in einer Stadt, die bundesweit den Ruf hat, besonders arm zu sein?

Ich wohne gerne in Duisburg. Hier gibt es viele Menschen, die offen und direkt sind. Das gefällt mir. Wie überall im Ruhrgebiet sammeln sich die armen Menschen - darunter viele Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende, Kinderreiche und Migranten - in bestimmten Vierteln vorwiegend im Norden der Stadt. Dort zeigt sich deutlich, dass Duisburg den viel beschworenen Strukturwandel nicht geschafft hat. Viele Häuser sind heruntergekommen, Geschäfte stehen leer, die Straßen sind voller Müll. In diesen Stadtteilen ballt sich die Kombination von schwierigen ökonomischen Verhältnissen und billigem Wohnraum. Wenn Sie nach Süden fahren, etwa nach Kaiserberg, bestimmen dagegen Villen das Bild des Stadtteils. 

Müll vor Wohnblocks - ein Bild aus Duisburg, das sich in vielen "Problemvierteln" des Ruhrgebiets zeigt

Warum hat Duisburg den Strukturwandel nicht geschafft?

Kohle und Stahl haben die Städte im Ruhrgebiet nach dem Zweiten Weltkrieg innerhalb kürzester Zeit zu Boomregionen gemacht. Doch für die vielen Arbeitsplätze, die in der alten Montanindustrie entstanden sind, gab es nach deren Abbau keinen gleichwertigen Ersatz. Bochum hat mit seinen Universitäten und Hochschulen auf den Bildungsbereich gesetzt, Essen auf den Dienstleistungssektor und Duisburg auf den Transport- und Logistikbereich. Aber dort sind letztlich nur ein paar tausend Stellen entstanden. Seit den achtziger Jahren gingen aber alleine in Duisburg mehrere zehntausend Arbeitsplätze verloren. Die Stadt hat heute rund 500.000 Einwohner, aber nur gut 140.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse.

Duisburgs Bevölkerung ist in den vergangenen Jahren gewachsen, vor allem durch Zuwanderung aus Südosteuropa. Die damit verbundenen Probleme sind bundesweit durch alle Medien gegangen. Wie wirkt sich das auf die Stadt aus?

Die Berichterstattung über Duisburg-Marxloh als "No go"- Area und das überfüllte "Problemhaus" in Duisburg-Rheinhausen mit Rumänen und Bulgaren macht es der Stadt sicher nicht leichter, Investoren zu finden. Rund 18.000 Menschen sind aus Bulgarien und Rumänien in die armen Stadtteile Duisburgs gezogen, wo sie günstig wohnen können. Keine andere Stadt in Deutschland hat eine so massive Zuwanderung armer EU-Bürger erlebt. Doch Duisburg wurde damit alleine gelassen. Es gab kaum Unterstützung von Bund und Land für Integrationsprogramme. Für mich sind nicht die Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien das Problem, sondern die Stadt hat ein Armutsproblem, das sich durch die Zuwanderung massiv verschärft. 

Zeichen der Hoffnung: Blumengraffiti auf Hauswänden

Sie leiten das Diakonische Werk in einer armen Stadt. Was bedeutet das für Projekte und Angebote, die Sie machen – im Vergleich etwa zu einer Stadt wie Düsseldorf oder Bonn?

Auch in Düsseldorf und Bonn gibt es sozial benachteiligte Stadtteile. Aber dort können die Kirchengemeinden, die in reichen Kommunen von höheren Kirchensteuern profitieren, die soziale Arbeit der Diakonie anders unterstützen. In Duisburg haben die Gemeinden selbst kein Geld. Unsere hochverschuldete Stadt ist ebenfalls nicht in der Lage, mehr Fördermittel aufzubringen als sie im Rahmen ihrer Pflichtaufgaben zu leisten hat. Nehmen wir nur die Flüchtlingshilfe. Sie wurde in Duisburg hauptsächlich über kurzfristige Mittel des Bundes und Landes NRW finanziert. Diese Mittel müssten jetzt in die Regeldienste umgeleitet werden, denn von 6.500 Asylbewerbern sind mittlerweile 2.500 anerkannt, die aber weiterhin Unterstützung benötigen. Sie müssen von den Unterkünften in Wohnungen umziehen, brauchen Qualifizierungen für den Arbeitsmarkt und Hilfe beim Spracherwerb. Das kann man nicht alles mit ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern leisten.

Armut hat viel mit sozialer Isolation zu tun. Quartiersentwicklung setzt deshalb auf Nachbarschaftshilfe und ein breites Netz an sozialen Hilfen. Wie wichtig ist das Quartier für die Armutsbekämpfung und -prävention?

Ich halte sie für das A und O. Inklusion, also die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen an unserer Gesellschaft, funktioniert nur über eine gut durchdachte und finanziell gut ausgestattete Sozialraumarbeit. Da gibt es überall im Ruhrgebiet gute Ansätze. In Duisburg-Marxloh zum Beispiel geht die Kriminalität dank der sozialen Stadtteilarbeit trotz des Problemdrucks zurück. Doch es fehlt die Nachhaltigkeit. Die Quartiersentwicklung basiert im Wesentlichen auf Projektmitteln, die für zwei Jahre bewilligt werden. Dann kommt der nächste Antrag oder sogar der nächste Träger, der aber wieder nur befristet vor Ort tätig ist. Ich vermisse den politischen Willen, Armut langfristig zu bekämpfen.

Verwelkte Blumen, Deutschlandfahne und Satellitenschüssel - Wer es sich leisten kann, sucht sich eine andere Nachbarschaft

Wenn wir über Armut reden, fällt immer wieder das Schlagwort der Bildung. Aber ist sie tatsächlich das Allheilmittel gegen Armut?

Natürlich ist Bildung ein wichtiger Baustein, aber der sollte auch von zwei Seiten betrachtet werden. Wer gut ausbildet ist, bleibt nicht in einer Stadt, in der er keine adäquate Arbeit findet. Das habe ich früher als Gemeindepfarrer in Duisburg immer wieder erlebt. Mit unserer Unterstützung wurden Bildungschancen genutzt, aber dann haben die Menschen die Stadt verlassen. Es bleiben die wenig Qualifizierten und gerade denen müssen wir auch eine Perspektive geben, um Armut und Verelendung zu verhindern. Im Ruhrgebiet fordern wir als Diakonie daher schon seit langem einen öffentlich geförderten Arbeitsmarkt.

Genau dafür spricht sich jetzt auch die SPD im Wahlkampf aus. Was erwarten Sie von der Politik im Hinblick auf das Thema Armut?

Ich habe nun weit über zehn Jahre Neoliberalismus erlebt, der zu sozialen Verwerfungen geführt und die Armutsproblematik in meiner Stadt deutlich verschärft hat. Ich bin für Markt und Wettbewerb, aber zu glauben, dass es eine halbwegs sozial gerechte Gesellschaft ohne die Steuerung des Staates geben kann, ist ein Irrtum. Und diese Erkenntnis scheint sich in Teilen der Politik, aber auch der Gesellschaft durchzusetzen. Das stimmt mich für die Wahlen vorsichtig zuversichtlich.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

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Sabine Damaschke
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