16. November 2018

Caritas-Diakonie-Sprechstunde

Mit Herz und Hand gegen Armut

Statt Butterbrote und Almosen an der Pfarrtür gibt es in der evangelischen Kirchengemeinde Gerresheim Frühstück, Lebensmittelgutscheine und diakonische Beratung. Gemeinsam mit der Caritas bietet die Düsseldorfer Gemeinde eine Sprechstunde für arme Menschen in ihrem Stadtteil an. Das Vorzeigeprojekt von Kirche und Diakonie hat Eingang ins neue Armutsbuch der Diakonie RWL gefunden. Jetzt wurden Buch und Projekt NRW-Staatssekretär Edmund Heller vorgestellt.

Portrait

Eckhard Liebert kennt fast alle Besucher, die sich bei ihm anmelden.

Wer zur "Sprechstunde" ins Gemeindehaus der evangelischen Kirche in Düsseldorf-Gerresheim kommt, muss sich erstmal anmelden und erhält eine Nummer. Doch das ist auch schon alles, was Menschen, die hier Hilfe suchen, an eine Behörde erinnern kann. Im großen Gemeindesaal sind Tische gedeckt. Für 50 Cent gibt es ein Frühstücksbuffet, das die Wartezeit verkürzt.

Zwischen 60 und 100 Besucher kommen jeden Dienstag in die Sprechstunde, um zu frühstücken, zu reden, sich Lebensmittel- und Kleidergutscheine ausstellen zu lassen und sich bei Mitarbeiterinnen von Diakonie und Caritas Rat zu holen. "Wir kennen die meisten von ihnen", sagt Presbyter Eckhart Liebert. Der 65-jährige Düsseldorfer nimmt die Menschen oft in Empfang. Kästen mit rund 500 Karteikarten stehen vor ihm. Hinter jeder Karte steckt ein Schicksal, das oft von bitterer Armut erzählt.

Diakonin Beate Albert vergibt Gutscheine für den Einkauf in Lebensmittelläden, Sozialkaufhäusern oder den Besuch eines Cafés. (Foto: Ulrich Erker-Sonnabend)

Altersarmut bekommt ein Gesicht

 "Es ist frappierend, wie viele Rentnerinnen zu uns kommen", sagt Liebert. "Darunter sind Frauen, die nur 500 Euro Rente beziehen – und das, nachdem sie mehrere Kinder großgezogen und ihre alten Eltern gepflegt haben." 

Seit 2005 gibt es die Sprechstunde in der Kirchengemeinde, in der eine Sozialarbeiterin der Diakonie und eine Migrationsberaterin der Caritas bei Wohnungssuche, Sozialbescheiden oder Antragstellungen unterstützen und weiterführende Hilfsangebote vermitteln. Auch im wohlhabenden Düsseldorf wächst die Zahl der Menschen, die die hohen Mieten und Lebenshaltungskosten nicht mehr tragen können und in Armut rutschen.

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Noch ein Brötchen? Roswitha Sulemann bedient jeden Dienstag am Frühstücksbuffet.

Abschied von der "Türdiakonie" 

Zwölf Ehrenamtliche sorgen mit Essen und dem Verteilen von Gutscheinen für die Linderung der unmittelbaren Not. In der Kleiderkammer der Kirchengemeinde können sich die Besucher ebenfalls bedienen.

Statt der üblichen "Türdiakonie" - der Abfertigung vor allem wohnungsloser Bittsteller an der Pfarrhaustür – gibt es im Stadtteil Gerresheim einen festen Ort und eine feste Zeit, zu der sich Bedürftige mit ihren Nöten an die Kirchengemeinde wenden können.

"Die Caritas-Diakonie-Sprechstunde ist ein gutes Beispiel dafür, dass Kirchengemeinden Armut und Ausgrenzung in ihrem Umfeld wahrnehmen und gemeinsam mit der Diakonie etwas dagegen tun", betont Gerhard K. Schäfer, früherer Rektor der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe.

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Joachim Deterding, Barbara Montag, Edmund Heller und Gerhard K. Schäfer (v.l.) mit dem neuen Armutsbuch.

Kirche und Diakonie gemeinsam gegen Armut

Zusammen mit Pastorin Barbara Montag, Leiterin der Stabsstelle Theologie und Grundsatzfragen bei der Diakonie RWL, und Joachim Deterding, Superintendent des Kirchenkreises Oberhausen, hat er den neuen Sammelband "Arme habt ihr immer bei euch" herausgegeben.

Das Buch beleuchtet Armut unter wissenschaftlichen und diakonischen Aspekten und zeigt anhand von lokalen Praxisbeispielen wie der Caritas-Diakonie-Sprechstunde, wie Armutsbekämpfung gelingen kann.

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Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann (l.) mit der Besuchergruppe und Ehrenamtlichen der Kirchengemeinde (Foto: Ulrich Erker-Sonnabend)

Armut zwischen Aktendeckeln

Jetzt besuchten die Herausgeber das Vorzeigeprojekt persönlich und luden dazu Edmund Heller, Staatssekretär im NRW-Sozialministerium, ein. "In unserem Ministerium haben wir sehr viel mit Armut zu tun, aber sie befindet sich dort überwiegend zwischen zwei Aktendeckeln", gab der Politiker zu.

Daher nutzte er bei seinem Besuch nicht nur die Gelegenheit, mit den Herausgebern und Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann über Armutsursachen und deren Bekämpfung zu diskutieren, sondern auch mit den Ehrenamtlichen der Sprechstunde zu reden.

"Die Wohnungsnot in NRW macht uns große Sorgen, denn in der zunehmenden Wohnungslosigkeit zeigt sich die absolute Armut", sagte Heller. "Aber ohne Sie kommen wir an die betroffenen Menschen nicht heran."

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Aufmerksamer und interessierter Zuhörer: NRW-Staatssekretär Edmund Heller diskutierte mit den Herausgebern, aber nahm sich auch Zeit für Gespräche mit den Ehrenamtlichen.

Brüderlichkeit und Brötchen

Genau das ist für Heller gelebte "Brüderlichkeit", wie sie in der Französischen Revolution beschworen wurde. "Aber ohne diese Brüderlichkeit sind Freiheit und Gleichheit nicht zu realisieren."

Für Roswitha Sulemann zeigt sich diese "Brüderlichkeit" ganz praktisch darin, dass sie jeden Dienstag über 100 Brötchen für das Frühstücksbuffet schmiert. 18 Jahre lang hat die 74-jährige Rentnerin morgens in einer Bäckerei und abends im Restaurant gearbeitet, fünf Kinder großgezogen und ihre alte Mutter gepflegt. 

Gruppenbild

Gemeinsam geht's besser, finden Küster Andreas Schäfer und Roswitha Sulemann.

Not macht einsam

Roswitha Sulemanns Rente ist schmal. Aber sie könne sparen, betont sie. "Ich weiß, wie sich viele Menschen, die nicht wissen, wie sie über den nächsten Monat kommen sollen, fühlen." Das Schlimmste sei aber, sich in seiner Not zurückzuziehen, einsam und verbittert zu werden.

Küster Andreas Schäfer wundert es deshalb nicht, dass viele Menschen regelmäßig an der Sprechstunde teilnehmen. "Sie suchen nicht nur materielle Hilfe, sondern auch Gemeinschaft." Und so manch einer, dem dort geholfen wurde, findet den Weg in die Gottesdienste, Kirchengruppen und die ehrenamtliche Arbeit der Gemeinde. "Was wir hier tun, ist absolut sinnvoll", bestätigt Presbyter Eckhard Liebert. "Wir sorgen dafür, dass Menschen wieder am Leben teilhaben."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

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