8. April 2021

Bauen in Kirche und Diakonie

Eigentum nutzen, Wohnungsnot verringern

Selten war ein Zuhause so wichtig wie in der Corona-Pandemie. Doch viele Menschen finden keine bezahlbaren Wohnungen. In Deutschland  müssten jährlich etwa 400.000 Wohnungen gebaut werden, um die Nachfrage zu decken. Oft fehlen aber geeignete Grundstücke. Diakonie und Kirche können mit ihrem Eigentum einen aktiven Beitrag gegen die Wohnungsnot leisten. Ein neuer Praxisleitfaden der Diakonie RWL will sie dazu ermutigen. Einige gute Beispiele gibt es bereits.

  • Unfertiges Modellhaus steht auf einem Bauplan. Daneben liegen Münzen
  • Fotos von Menschen in ihren Wohnungen und dieser Text: Jeder Mensch braucht ein Zuhause! In Deutschland fehlen fast zwei Millionen Wohnungen.

Seniorinnen und Senioren, die mit Studierenden nicht nur unter einem Dach, sondern in Wohngemeinschaften leben: Es war ein ungewöhnliches und gewagtes Projekt, das die Diakonie Michaelshoven im Februar 2019 gestartet hat. Denn eigentlich haben beide Gruppen wenig miteinander zu tun – außer, dass sie auf dem angespannten Kölner Wohnungsmarkt um kleinere und günstige Wohnungen konkurrieren. Gemeinsam mit der Gemeinnützigen Wohnungs-Genossenschaft Köln-Sülz baute die Diakonie Michaelshoven 24 barrierefreie Appartements für einkommensarme ältere Menschen. Sie leben in vier Wohngemeinschaften mit Gemeinschaftsräumen.

In zwei Appartements wohnen Studierende, die sich für eine deutlich geringere Miete verpflichten, fünf Stunden pro Woche für ihre Mitbewohner da zu sein. In der Corona-Pandemie hatte die WG ihre erste harte Bewährungsprobe – und bestand sie, wie die Studenten Jorrit und Philipp in einer Dokumentation erzählen. "Wie in jeder vernünftigen WG sind einem die Leute ans Herz gewachsen. Wir haben das gemeinsam durchgestanden und jetzt weniger Angst vorm Altwerden."

Neubau der Aufbaugemeinschaft Espelkamp, der von der Stadt zur Unterbringung von Geflüchteten angemietet wird (Foto: Aufbaugemeinschaft Espelkamp)

Das Titelbild der neuen Broschüre zeigt den Neubau der Aufbaugemeinschaft Espelkamp, der von der Stadt zur Unterbringung von Geflüchteten angemietet wird.

Verantwortung erkennen und wahrnehmen

Das Wohnprojekt ist eines von mehreren Beispielen, wie Diakonie und Kirche mit ihren Grundstücken und Immobilien dazu beitragen können, günstigen Wohnraum zu schaffen. Mit ihrem neuen Praxisleitfaden "Weil alle ein Zuhause brauchen. Wohnraum planen – sozial und nachhaltig" will die Diakonie RWL auch andere diakonische und kirchliche Träger dazu ermutigen, aktiv zu werden. Immerhin müssten jährlich rund 400.000 neue günstige Wohnungen in Deutschland geschaffen werden, um den Bedarf zu decken. Allein in Köln fehlen 50.000 Wohnungen.

"Wohnen ist in Deutschland zur neuen sozialen Frage geworden. Immer mehr Menschen können die stark steigenden Mieten nicht zahlen und geraten dadurch in Armut", betont Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann. "Als Kirche und Diakonie haben wir eine besondere Verantwortung dafür, dass bedarfsgerechter und bezahlbarer Wohnraum entsteht. Er ist eine wesentliche Grundlage für das Wohlergehen, die Lebensqualität und die Teilhabe von Menschen in unserer Gesellschaft", ergänzt Kirchenrat Volker König von der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Taschenrechner mit Holzhäuschen (Foto: pixabay.de)

Wer bauen will, sollte gut rechnen können - Auch zur Finanzierung gibt der Praxisleitfaden wertvolle Tipps.

Konzept, Planung, Finanzierung

Die Broschüre gibt konkrete Tipps, wie mit einem guten Konzept, sorgfältiger Planung und kreativen Finanzierungsmodellen neue faire Wohnformen entstehen können. Alle Empfehlungen basieren auf Erfahrungen der Evangelischen Kirchen in Rheinland und Westfalen, Diakonischer Werke, der Bank für Kirche und Diakonie (KD-Bank) sowie der Kirchlichen Zusatzversicherungskasse Rheinland-Westfalen (KZVK Dortmund).

Nicht immer müssen Kirche und Diakonie selbst die Bauherrin sein, wie erfolgreiche Kooperationsprojekte mit Baugesellschaften oder Wohnungsgenossenschaften zeigen. Im Kreis Minden realisiert die soziale "Aufbaugemeinschaft Espelkamp", eine von der Kirche mitgetragene Wohnungsbaugesellschaft, gerade ein Bauprojekt für 3,5 Millionen Euro. Die Aufbaugemeinschaft baut auf dem Grundstück einer örtlichen Kirchengemeinde ein Haus, in dem Wohnungen für Jugendliche entstehen, die sozialpädagogisch betreut werden. Eine diakonische Stiftung mietet die Wohnungen. Eine Win-Win-Situation für alle.

Eine Hand mit Farbpinseln (Foto: pixabay.de)

Auch durch die Renovierung alter, leerstehender Häuser kann neuer, günstiger Wohnraum entstehen. Die Diakonie Duisburg zeigt, wie es geht.

Renovieren oder bauen?

In Duisburg hat das Diakoniewerk gemeinsam mit der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GEBAG und der LEG Immobilien AG Häuser und Wohnungen renoviert, die als nicht mehr vermarktbar galten und lange leer standen. Die sanierten Räume werden nun an all jene vermietet, die auf dem Wohnungsmarkt fast keine Chance mehr haben: ehemalige Wohnungslose, einkommensarme Bürger, Familien mit mehreren Kindern oder Alleinerziehende. "Wir haben über 5.000 Quadratmeter in unserer Stadt wieder marktfähig gemacht", erzählt Projektleiter Roland Meier. "Und zwar nicht nur in sozialen Brennpunktvierteln, sondern in ganz Duisburg."

Die rheinische Kirche nutzt ein eigenes Grundstück in bester Lage, um günstige Wohnungen für ältere Menschen und junge Familie zu bauen. Auf dem Gelände ihres ehemaligen Funk-, Film- und Fernsehzentrums errichtet sie derzeit ein Gebäude mit einer Tagespflegeeinrichtung für Senioren, preisgünstigen Wohnungen für ältere Menschen und betreutes Wohnen sowie Wohnungen für junge Familien. Rund 25 Millionen Euro investiert sie in das Projekt.

Eine junge Frau hält die Hand einer Seniorin. (Foto: Adobestock)

Studierende und Senioren unter einem Dach - In immer mehr Städten gibt es "Wohnen für Hilfe"-Projekte. Daran können sich auch Kirchengemeinden beteiligen.

"Unsichtbaren Wohnraum" finden

Doch auch für kirchliche und diakonische Träger, die nicht selbst in Bauprojekte einsteigen möchten, gibt der Praxisleitfaden Tipps, wie sich günstiger Wohnraum fördern und finden lässt. So können Kirchengemeinden dafür werden, "unsichtbaren Wohnraum", wie zum Beispiel leerstehende Einliegerwohnungen, zu nutzen. Andere Möglichkeiten bestehen im Aufbau einer "Wohnungstauschbörse" oder des Angebots "Wohnen gegen Hilfe". Dabei leben Studierende mietfrei in den Haushalten von älteren Menschen oder Familien und unterstützen diese im Alltag.

"Es gibt viele gute Beispiele, wie Kirche und Diakonie daran mitwirken, fairen und barrierefreien Wohnraum zu schaffen", sagt Landeskirchenrat Dr. Jan-Dirk Döhling von der Evangelischen Kirche in Westfalen. "Wir wünschen uns, dass es noch mehr werden. Dazu soll unsere Handreichung ermutigen."

Text: Sabine Damaschke, Fotos: Pixabay, Aufbaugemeinschaft Espelkamp und Adobe Stock. Fotocollage im Slider: Canva.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Heike Moerland

Armut- u. Existenzsicherung, Straffälligenhilfe

 

 

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