15. März 2018

Angehörige von Suchtkranken

Das Schweigen brechen

Rund 3,4 Millionen Menschen in Deutschland konsumieren zu viel Alkohol  oder sind alkoholabhängig. Ihre Familien leiden oft genauso unter der Sucht wie sie. Doch während es für Abhängige eine Vielzahl an Hilfsangeboten gibt, gehen ihre Partner und Kinder meist leer aus. In Dorsten haben Angehörige daher eine eigene Selbsthilfegruppe gegründet. Hier können sie offen über ihre Probleme sprechen und sich Rat und Hilfe holen.

Gruppenbild

Haben sich und andere Betroffenen den Rücken gestärkt: Uschi Grimm und Nina Zimmermann (v.r.)

Wer Uschi Grimm und Nina Zimmermann heute begegnet, trifft zwei selbstbewusste humorvolle Frauen. Das war nicht immer so. Beide haben schwere Zeiten mit alkoholkranken Männern erlebt. Zeiten, in denen sie einen Ort zum Reden dringend gebraucht hätten. Doch den gab es damals nicht. Alles drehte sich um die Alkoholsucht ihrer Männer. "Wir sind ja genauso krank wie die Alkoholkranken, nur anders", meint Nina Zimmermann. "Aber das interessierte niemanden."

Damit sich das ändert, haben die beiden Frauen vor vier Jahren in Dorsten eine Gruppe für Angehörige von Suchtkranken beim Blauen Kreuz in der Evangelischen Kirche gegründet. Dort geben sie Erfahrungen weiter, die sie damals selber dringend gebraucht hätten. Einmal im Monat treffen sich zwölf Frauen und ein Mann. Es war eine der ersten Angehörigengruppen. Bisher konnten die Angehörigen nur an den Gruppensitzungen der Betroffenen teilnehmen. "Nicht alle waren begeistert von der Idee", erzählt Uschi Grimm. "Uns wurde unterstellt, dass wir nur über unsere Männer lästern wollen. Doch wir brauchten einen Ort, an dem wir offen reden und unsere eigenen Bedürfnisse wiederentdecken konnten."

Schild Wartezimmer

Draußen vor der Tür - Angehörige warten bei Arzt und Therapeuten, dabei hätten sie selbst Hilfe nötig. (Foto: Rainer Sturm/pixelio.de)

Sorge um Haus und Kinder

Wenn in einer Ehe der Partner alkoholkrank wird, dreht sich alles um den Betroffenen. Wie kann ihm geholfen werden? Welche Therapie braucht er? Hat er wieder getrunken? Uschi Grimm hat damals ihren Mann zur Arbeit gebracht und ist dann selber zur Arbeit gehetzt. Er hatte ja keinen Führerschein mehr. Auch zu den Therapien hat sie ihn gebracht. "Ich selber saß draußen vor der Tür", erzählt sie. Sehr alleine sei sie damals gewesen mit ihrer Existenzangst, der Sorge um Haus und Kinder und dem Getuschel der Leute. "Keiner hat mich gehört und ich habe auch nicht laut auf mich aufmerksam gemacht." 

Schließlich wurden ihre Knochenschmerzen so stark, dass sie als Einzelhandelskauffrau nicht mehr arbeiten konnte. Die Ärztin schrieb sie erwerbsunfähig. Heute, so erzählt Uschi Grimm, sei ihre Hausärztin davon überzeugt, dass die Schmerzen mit dem Kampf gegen den Alkohol zu Hause zu tun hatten. Immer den Schein einer intakten Familie wahren, die Verantwortung für Kinder, Geld und Haus alleine tragen, weil der Partner mit Therapien und Rückfällen beschäftigt ist.

Wenn in einer Ehe der Partner alkoholkrank wird, sind Angehörige oft sehr alleine. (Foto: Timo Klostermeier/pixelio.de)

Alles ertragen um des Friedens willen

"Ich habe ihm alles abgenommen, damit Ruhe und Frieden ist", berichtet Nina Zimmermann. Auch sie kennt den Stress in der Rush-Hour des Lebens. Sie machte eine Umschulung, brachte der krebskranken Mutter das Essen und kümmerte sich um die Kinder. Ihr Mann dagegen trank immer mehr.

Irgendwann nicht nur Bier, sondern Weinbrand. "Wenn er abends den Schlüssel nicht richtig in das Schloss der Haustür bekam, dann wusste ich schon Bescheid", erinnert sie sich. Zum Glück sei ihr Partner nie gewalttätig gewesen, betont sie.

Im Gegensatz zu ihrem Vater, der ebenfalls alkoholkrank war. Heute erkennt sie die Muster in ihrem Leben. Das hat sie in der Selbsthilfegruppe gelernt. Dass sie selbst auch mal die Frau eines Alkoholikers werden würde - so wie die eigene Mutter - hätte sie nie gedacht. Dabei ist das keine Seltenheit.

Portrait

Diakonie RWL-Referent Ralph Seiler fordert mehr Hilfen für Angehörige von Suchtkranken.

Sucht als Generationenproblem

"Wer aus einer suchtkranken Familie kommt, hat ein deutlich höheres Risiko selbst süchtig zu werden oder auch mit einem Partner zusammenzuleben, der davon betroffen ist", erklärt Ralph Seiler, Suchtexperte der Diakonie RWL.

"Wir alle sind stark geprägt von unseren Familien und der Art und Weise, wie dort Probleme gelöst wurden. Es kommt häufiger vor, dass wir diese Rollen auch als Erwachsene wieder übernehmen." Auch deshalb ist es für den Suchtexperten besonders wichtig, Familienangehörige von Suchtkranken stärker in den Blick zu nehmen.

"Wenn man davon ausgeht, dass jeder der rund 3,4 Millionen von Alkoholsucht Betroffenen mindestens einen Angehörigen hat, sind das eben auch mindestens 3,4 Millionen Angehörige", so Ralph Seiler. Schätzungen zufolge leiden rund drei Millionen Kinder unter der Alkoholsucht ihrer Eltern. Das Blaue Kreuz engagiert sich bundesweit in rund 1.400 Gruppen und unterstützt Abhängige und Angehörige, einen Weg aus der Sucht zu finden. "Wir brauchen ein flächendeckendes, regelfinanziertes Hilfesystem – auch für die Angehörigen von Suchtkranken", fordert Seiler.

Frauen sitzen um einen Tisch und reden

Die Selbsthilfegruppe für Angehörige trifft sich in Dorsten einmal im Monat.

Alle haben es gewusst

Die Selbsthilfegruppe hat Uschi Grimm und Nina Zimmermann verändert. Sie haben gelernt, dass es nichts bringt, sich ständig um ihre alkoholkranken Partner zu kümmern und eigene Bedürfnisse und Interessen völlig zurückzustellen. "Solange ich meinem Mann alles abgenommen habe, musste er ja nichts ändern", weiß Nina Zimmermann heute - auch durch ihre Schulungen beim Blauen Kreuz. "Man kann den anderen nicht trocken legen, das muss er schon selber tun." Uschi Grimm erzählt, dass sie eine klare Abmachung mit ihrem Mann getroffen hat. Nimmt er bei einem Rückfall keine Hilfe an "trennen sich unsere Wege", sagt sie entschieden.

Viele Jahre hat sie sich für das Alkoholproblem in ihrer Familie geschämt. Als ihr Mann dann endlich den Entzug machte und dies in seiner Firma bekannt wurde, war ihr klar: „Alle haben es gewusst. Aber niemand hat mit mir gesprochen.“ Eine Erfahrung, die auch Nina Zimmermann machte. „Ich habe mich da schon gefragt, warum haben mich alle alleine gelassen?“

Heute ist sie diejenige, die andere darauf anspricht, wenn sie mitbekommt, dass in einer Familie zu viel Alkohol im Spiel ist. Sie bietet ihre Hilfe an, verweist auf professionelle Hilfsangebote und die Selbsthilfegruppe. "Ohne diese Gruppe wären wir sicher nicht so stark, offen und selbstbewusst unseren Weg gegangen", sind sich Uschi Grimm und Nina Zimmermann sicher.

Text und Fotos: Sabine Portmann

Über die Angehörigengruppe des Blauen Kreuzes in Dorsten hat auch das WDR-Fernsehen berichtet. Mehr dazu hier

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Ralph Seiler
Suchthilfe und Aids
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