22. Mai 2018

Ambulante Suchthilfe

Kein Geld für Sucht-Berater vor Ort

Rund 1,7 Millionen Menschen in Deutschland sind alkoholabhängig. Geholfen wird ihnen und den Angehörigen nicht nur in Suchtkliniken. Es gibt auch ein breites Angebot an ambulanten Beratungsstellen in Kirche und Diakonie. Doch deren Finanzierung wird immer schwieriger. Warum, erläutert Annette Potthoff vom Diakonischen Werk  im evangelischen Kirchenkreis Lennep und Mitglied im Vorstand des Fachverbandes Sucht der Diakonie RWL.

Portrait

Annette Potthoff

Was unterscheidet die ambulante von der stationären Suchthilfe?

In der stationären Suchthilfe steht die suchtkranke Person im Mittelpunkt. Die Beratungsstellen der ambulanten Suchthilfe kümmern sich auch um die Angehörigen, denn es ist ja das ganze soziale Umfeld betroffen, auch Ehepartner und Kinder. Oft sind wir die erste Anlaufstelle für suchtkranke Menschen und ihre Familien. Sucht ist immer noch ein Stigma. Die Kinder haben das Gefühl, sie müssten ein Geheimnis bewahren. Gemeinsam mit den Angehörigen überlegen wir deshalb, was diese tun können, um die Betroffenen zu bewegen, Hilfe anzunehmen.  Das Schwierigste dabei ist immer, dass der Betroffene einsieht, dass sein Alkoholkonsum gefährlich ist. Die Motivation, das eigene Verhalten zu ändern, ist bei Alkoholkranken ein langer Weg und ein wichtiger Bestandteil der ambulanten Arbeit.

Wartezimmer einer Beratungsstelle

Die Beratungsstellen der ambulanten Suchthilfe kümmern sich um die Suchtkranken und ihre Familien. (Foto: Freie Wohlfahrtspflege NRW)

Wann kommen Suchtkranke mit ihren Familien in die Beratungsstelle?

Manchmal merken die Betroffenen selbst, dass sie ein Alkoholproblem haben und Hilfe benötigen. Oft sind es auch die Ehepartner, die darauf drängen, dass sich etwas verändert.

In anderen Fällen macht der Arbeitgeber Druck, weil die Sucht am Arbeitsplatz aufgefallen ist. Experten gehen davon aus, dass etwa fünf bis acht Prozent aller Beschäftigten in Deutschland ein Alkohol- oder anderes Suchtproblem haben.

Wie helfen Sie konkret?

Wir machen in der Beratungsstelle eine individuelle Erstberatung. In vielen Fällen ist es zum Beispiel sinnvoll, dass Suchtkranke ein Trinktagebuch führen und aufschreiben, in welchen Situationen sie zur Flasche greifen. Es kann ihnen helfen zu reflektieren, ob sie angespannt und gestresst waren oder es einen Streit gab. Sie erkennen dann für sich, ich brauche den Alkohol. Im weiteren Verlauf wird ein individueller Hilfeplan entwickelt oder wir vermitteln  in weiterführende Maßnahmen. Das kann die Entgiftung im Krankenhaus, aber auch eine Kurzzeit- oder Langzeittherapie sein. Wichtig ist auch die Vermittlung  in eine Selbsthilfegruppe. Wir kümmern uns aber auch bei Fragen zu Problemen mit dem Jobcenter, der Wohnungssuche etc. Wenn Menschen wieder abstinent leben,  haben sie oft auch viel mehr Zeit. Da überlegen wir gemeinsam, wie sie den Tag  gestalten können.

Schild Wartezimmer

Ohne die zusätzlichen Gelder der Kirchenkreise wären viele diakonischen Beratungsstellen am Anschlag. (Foto: Freie Wohlfahrtspflege NRW)

Ihre Arbeit ist wichtig und anerkannt. Warum haben Sie Probleme bei der Finanzierung der Beratungsstellen?

Die ambulante Suchthilfe wird von den Kommunen, mit einer geringen Pauschale vom Land und nicht unerheblichen Eigenmitteln der Träger  finanziert. Doch weder das Land NRW noch viele  Kommunen passen ihre Pauschalen an die steigenden Lohn- und Nebenkosten an. In Remscheid haben wir zum Beispiel seit acht Jahren die gleiche Pauschale. Bis vor vier Jahren hatten wir sechs Vollzeitstellen in der Beratungsstelle. Mittlerweile mussten wir eine Stelle kürzen. Jetzt haben wir Wartelisten, und das geht letztlich auf Kosten der Klienten.

Sind Sie mit den Kommunen zu diesem Thema im Gespräch?

Wir suchen immer wieder das Gespräch. Auf Konferenzen stimmen wir uns ab, was in der Kommune  zur Unterstützung der Suchthilfe gebraucht wird. Laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen sollte es pro 100.000 Einwohner zehn Suchtberater geben. Davon sind wir weit entfernt. Wir wissen natürlich, dass die Kommunen sparen müssen. Aber die Suchtproblematik in unserer Gesellschaft nimmt eher zu als ab.

Unsere 70 evangelischen Beratungsstellen vor Ort in Rheinland, Westfalen und Lippe werden also dringend gebraucht, denn wir helfen schnell und unkompliziert. Weil Land und Kommunen die realen Kosten der Beratungsstellen nicht refinanzieren, werden die Eigenmittel, die sie von ihren Kirchenkreisen bekommen, immer wichtiger. Sie können jedoch auf Dauer nicht immer weiter erhöht werden. Im Durchschnitt  liegen sie bei uns  bei circa 20 Prozent. Ohne diese zusätzlichen Gelder wären viele diakonischen Beratungsstellen am Anschlag.

Glas Wein

Die ambulanten Beratungsstellen sind oft erste Anlaufstelle für suchtkranke Menschen. (Petra Bork/pixelio.de)

Gibt es auch andere, neue Finanzierungsquellen?

Wir gehen flexibel auf die Wünsche der Klienten  ein und bieten etwa im Rahmen unserer Präventionsarbeit Aufklärungskurse an, die dann zusätzlich finanziert werden. Ein weiteres Angebot sind Vorbereitungskurse für die medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU).  Denn viele Alkoholkranke haben den Führerschein verloren. Die Kosten müssen die Klienten dann selbst aufbringen. Oder wir bieten in Betrieben Suchtberatung an, die refinanziert wird. Wir suchen immer wieder neue Wege, um unsere Beratungsstellen zu finanzieren. Dies darf jedoch nicht dazu führen, dass die Grundversorgung darunter leidet.

Wie geht es weiter mit der ambulanten Suchthilfe?

Wir verändern uns. Hat man zu Beginn der Arbeit der ambulanten Suchthilfe sehr stark niederschwellig gearbeitet – zum Beispiel mit Streetworkern –, gab es danach eine Phase, in der viele unserer Berater eine therapeutische Zusatzausbildung gemacht haben. Mittlerweile kehren wir zurück zur klassischen Sozialarbeit, die fragt, was braucht der Mensch, der in unsere Beratungsstelle kommt. In der Suchthilfe geht viel über die Beziehung und es braucht einen langen Atem. Es lohnt sich beim Thema Sucht in Prävention, Aufklärung und ambulante Beratung zu investieren.

Das Gespräch führte Sabine Portmann.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ralph Seiler
Suchthilfe und Aids
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