16. Juni 2017

Aktionswoche Schuldnerberatung 2017

Überschuldung stoppen, Beratung ausbauen

Knapp sieben Millionen Menschen in Deutschland sind überschuldet. Mit einer guten Beratung könnte vielen geholfen werden. Doch es fehlen ausreichende Angebote, die kostenfrei sind. Im Superwahljahr 2017 fordert die Aktionswoche Schuldnerberatung, die am Montag beginnt, einen Kurswechsel. Wie der aussehen muss, erklärt Diakonie RWL-Expertin Petra Köpping.

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Petra Köpping

Die bundesweite Aktionswoche Schuldnerberatung findet bereits zum 16. Mal statt. Häufig ist sie ein Anlass für die Sozialverbände, eine bessere finanzielle Ausstattung für ihre Beratungsstellen zu fordern. Denn die Überschuldung nimmt stetig zu. Werden Sie von der Politik überhaupt gehört?

Ja, denn steter Tropfen höhlt den Stein. Den meisten Politikern ist inzwischen klar, dass wir dringend einen bedarfsgerechten Ausbau der kostenlosen Beratung brauchen. Im Wahljahr 2017 steht dieses Thema auch weiter oben auf der Agenda. Insofern haben wir die Hoffnung, dass sich die Situation der rund 1.400 Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen in Deutschland bald bessert. 2015 haben sie knapp 650.000 Menschen beraten, die durchschnittlich 34.400 Euro Schulden hatten. Das waren nur gut 15 Prozent der 6,8 Millionen überschuldeten Menschen in Deutschland. Und die mussten auf ihren Beratungstermin auch noch lange warten. Es ist in der Politik angekommen, dass es so nicht weitergehen kann.

Das Motto lautet diesmal "Überschuldete brauchen starke Beratung". Was verstehen Sie unter einer "starken" Beratung?

Auslösende Ereignisse für eine Überschuldung sind hauptsächlich Arbeitslosigkeit, gesundheitliche Probleme, Trennung oder Tod eines Partners. Um die Klienten erfolgreich aus der Schuldenfalle zu führen, brauchen unsere Berater Know-How und Kompetenz in juristischen wie sozialen Fragen. Diese Fachlichkeit ist da, kann aber bei der großen Zahl an hilfesuchenden Menschen meist nicht effizient ausgeschöpft werden. Zudem sind sie stark mit Dokumentationen und Statistiken für das Jobcenter, Kommunen, Land und Bund beschäftigt. Meistens ist es auch nicht möglich, die Klienten schnell von ihren Schulden zu befreien, weil es immer seltener zu außergerichtlichen Einigungen kommt. Öffentliche Gläubiger, Banken und Versicherungen lehnen zunehmend adäquate Vergleichsangebote ab. So bleibt oft nur der Weg über das Verfahren der Verbraucherinsolvenz, und das dauert in der Regel fünf bis sechs Jahre. Mehr Zeit für Beratung, weniger Bürokratie und schnelle Hilfe durch direkte Verhandlungen mit den Gläubigern – das macht eine starke Beratung aus.

Die kostenlose Hilfe der sozialen Schuldnerberatung haben nur rund 15 Prozent der überschuldeten Menschen in Anspruch genommen. Wie ist das möglich?

Seit einer Gesetzesänderung von 2011 können eigentlich nur noch diejenigen beraten werden, die arbeitslos gemeldet sind, Hartz IV oder eine aufstockende Sozialhilfe beziehen oder bei denen eine besondere Hilfebedürftigkeit nach dem Sozialgesetzbuch XII festgestellt wurde, etwa im Fall einer psychischen Erkrankung. Alle anderen, die Arbeit haben, aber so wenig verdienen, dass sie immer mehr Schulden anhäufen, gehören nicht dazu. Dabei nimmt die Zahl der prekär Beschäftigten, die von ihrem Lohn kaum leben können, rasant zu. Insgesamt leben derzeit rund acht Millionen Menschen in Deutschland von einem Niedriglohn.

Sie fordern, die Schuldnerberatung für alle Bürgerinnen und Bürger zu öffnen. Was würde das für die Beratungsstellen bedeuten?

Sie müssten ausgebaut werden. Wir fordern, dass es für pro 50.000 Einwohner zwei vollzeitbeschäftigte Schuldnerberater geben sollte. Derzeit kommen im Bundesdurchschnitt 1,03 Berater auf 50.000 Einwohner. Die Finanzierung der Beratungsstellen ist kompliziert und lastet derzeit vor allem auf den Kommunen und Trägern. Die Länder sollten hier stärker in die Pflicht genommen werden. In NRW zum Beispiel wurden die Fördermittel von derzeit 5,5 Millionen Euro seit 1999 kaum erhöht. Gemeinsam mit der Freien Wohlfahrtspflege und der Verbraucherzentrale NRW fordern wir eine bedarfsgerechte Erhöhung der Landesmittel in NRW. Das ist dringend nötig, denn unsere 80 diakonischen Schuldnerberatungsstellen in NRW und im Südrhein haben im vergangenen Jahr über 53.000 Menschen beraten. Vor neun Jahren waren es noch rund 49.000 Menschen, die Anzahl der Fachkräfte in den Beratungsstellen ist aber nahezu gleich geblieben.

Sie sagen, das Geld ist gut angelegt, denn mit Hilfe der Beratungsstellen können die Menschen relativ schnell aus einer Überschuldung herausfinden. Wie sieht die Hilfe konkret aus?

Zunächst geht es darum, Ordnung in den meist unübersichtlichen Schuldenberg zu bekommen. Die Berater überlegen gemeinsam mit ihren Klienten, wo Ratenzahlungen eingestellt werden können. Sie verschicken Briefe an die Gläubiger - meistens sind es die Banken - und verhandeln über die Höhe der Tilgung. Außerdem kann ein Pfändungsschutzkonto eingerichtet werden, auf dem ein gewisser Grundfreibetrag stehen bleibt. Schließlich muss die Existenz gesichert sein. Sie sorgen auch dafür, dass der Strom wieder läuft und die Miete gezahlt werden kann. Das entlastet die Menschen sehr.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Petra Köpping
Schuldner- und Insolvenzberatung
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