3. Juni 2019

Aktionswoche Schuldnerberatung

Albtraum Miete

Rund sieben Millionen Menschen in Deutschland sind überschuldet. Angesichts stetig steigender Mieten haben immer mehr von ihnen Probleme, ihre Wohnung zu behalten. Eine neue zu finden, ist für viele nahezu unmöglich. Die Aktionswoche Schuldnerberatung, die an diesem Montag startet, fordert Politik und Bauwirtschaft auf, mehr für bezahlbaren Wohnraum zu tun.

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Jürgen van der List ist mit seinem Team in Bielefeld unterwegs, um Wohnungskündigungen bei Mietschulden zu verhindern. (Foto: von Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel)

Wenn Jürgen van der List mit seinem Team in Bielefelder Mietshäusern unterwegs ist, kann er oft schon am vollen Briefkasten erkennen, ob jemand aufgegeben hat. Ungeöffnete Rechnungen und Mahnungen stapeln sich. Seit einigen Monaten wurde auch die Miete nicht überwiesen, die Kündigung der Wohnung droht. Jürgen van der List ist da, um genau das zu verhindern.

"Wir kommen zu all denjenigen, die aus verschiedenen Gründen keine Kraft haben, eine Schuldnerberatungsstelle aufzusuchen und Gefahr laufen, auf der Straße zu landen", erklärt der Sozialarbeiter. Seit zehn Jahren gibt es die "Mobile Mieterhilfe" von Bethel.regional in Bielefeld. Um 80 bis 100 Fälle von drohendem Wohnungsverlust durch Mietschulden kümmern sich die fünf Mitarbeitenden pro Jahr. "Wir helfen den Menschen, die Prioritäten neu zu setzen, denn Mietschulden sind vorrangig zu bedienen. Dafür können andere Ratenzahlungen ausgesetzt werden."

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Leonard Wohlfahrt kommt zur Beratung zu den Mietern. (Foto: von Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel)

Zwangsräumung wird teuer

In den meisten Fällen schafft es das Team, die Kündigung der Wohnung abzuwenden. "Eine Zwangsräumung kann zwischen 8.000 und 20.000 Euro kosten", weiß Mitarbeiter Leonard Wohlfahrt. "Das wollen auch viele Vermieter verhindern." Wenn die Wohnung gerettet ist und die Menschen wieder einen Überblick über ihre Finanzen haben, vermittelt die "Mobile Mieterhilfe" an die sozialen Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen in Bielefeld.

Unter dem Dach der Diakonie RWL arbeiten rund 80 Schuldnerberatungsstellen, die im vergangenen Jahr über 53.000 überschuldete Menschen unterstützt haben. "Immer häufiger spielt das Thema Miete dabei eine wichtige Rolle", sagt Petra Köpping, die bei der Diakonie RWL für die Schuldnerberatungsstellen zuständig ist.

Kein Wunder, schließlich sind die Nettokaltmieten in Deutschland seit 1991 von durchschnittlich vier Euro auf über zehn Euro gestiegen. Bei immer mehr Haushalten wird durch steigende Mieten die kritische Grenze von 30 Prozent des Haushaltseinkommens für Wohnkosten überschritten. Da bleibt nur sparen oder eine günstigere Wohnung suchen.

Plakat der Aktionswoche Schuldnerberatung

Stigmatisierung durch Schufa-Auskunft

Besonders hart trifft es überschuldete Menschen, wie die diesjährige Aktionswoche Schuldnerberatung zeigen möchte. Sie steht unter dem Motto "Albtraum Miete" und findet vom 3. bis 7. Juni statt. Viele Schuldnerberatungsstellen der Diakonie beteiligen sich, denn sie erleben täglich, dass ihre KIienten so gut wie keine Chance auf dem hart umkämpften Wohnungsmarkt haben, wenn sie eine neue Wohnung suchen. Denn Vermieter verlangen heute weitergehende Informationen über die finanzielle Situation der Bewerber.

"Die Schufa-Auskunft führt häufig zu einer Stigmatisierung. Dabei sagt sie nichts darüber aus, ob der Mieter seine Miete nicht zahlen kann", kritisiert Petra Köpping. Im Gegenteil. Wenn er sich in einem Insolvenzverfahren befinde, unternehme er damit alles, um Zahlungsstörungen zu vermeiden, erhalte aber noch drei Jahre nach Ende des Verfahrens eine schlechte Schufa-Benotung.

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Guido Stephan, Geschäftsführer der kirchlichen Antoniter Siedlungsgesellschaft, war auf dem Diakonie RWL-Fachtag "Wohnen trotz Schulden" zu Gast.

Persönlicher Eindruck des Mieters zählt

Dass es auch anders geht, zeigt die Antoniter Siedlungsgesellschaft in Köln. Sie ist laut Geschäftsführer Guido Stephan das einzige Wohnungsunternehmen in Deutschland, das zu 100 Prozent der Evangelischen Kirche gehört. Die Gesellschaft verwaltet rund 100.000 Quadratmeter Wohnfläche und verlangt keine Schufa-Auskunft, wie Stephan betont. "Für uns zählt der persönliche Eindruck der Bewerber."

Wenn Mietschulden entstehen, sucht das Wohnungsunternehmen gemeinsam mit dem Mieter nach einem Weg, die Wohnung zu erhalten. "Jeder Mietwechsel kostet Geld. Das wollen wir vermeiden", so Stephan. So kommt es selten zu Kündigungen. Außerdem sind die meisten Mieter bei einem Preis von sieben Euro Kaltmiete pro Quadratmeter sehr interessiert daran, weiterhin bei der Antoniter Siedlungsgesellschaft zu wohnen.

Schuldnerexpertin Petra Köpping (vorne) auf dem Fachtag der Diakonie RWL. Mit dabei: die Kolleginnen Sonja Brönner und Heike Moerland sowie Ulrich Hamacher, Vorsitzender des Fachverbandes Schuldnerberatung der Diakonie RWL (v.l.).

Mehr Hilfen für Geringverdiener

In Köln sind - wie in vielen anderen Großstädten – günstige Wohnungen Mangelware. Da viele überschuldete Menschen nur ein sehr niedriges oder kein Einkommen haben, fordert die Aktionswoche Schuldnerberatung Politik und Bauwirtschaft auf, mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Doch die Schuldnerberatungsstellen wünschen sich auch weitergehende finanzielle Hilfen für Menschen mit geringem Einkommen.

So sollte das Wohngeld dynamisch gestaltet sein und die Energie- und Heizkosten angemessen berücksichtigen. Für Hartz IV-Empfänger müssten die Kosten der Unterkunft an die realistischen ortsüblichen Vergleichsmieten angepasst werden. "Es gibt viele Stellschrauben, an denen Politik, Bau- und Wohnungswirtschaft drehen können, um Wohnen wieder bezahlbar zu machen und die zunehmende Überschuldung durch zu hohe Mieten zu stoppen", betont Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann. "Die Aktionswoche fordert dazu auf, gemeinsam Lösungen zu entwickeln und aktiv zu werden."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

Ihr/e Ansprechpartner/in
Petra Köpping

Schuldner- und Insolvenzberatung

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