10. August 2022

9-Euro-Ticket

Eine Frage der Teilhabe

An der Stadtgrenze ist Schluss: Sozialtickets erlauben nur Fahrten in einem begrenzten Radius. Das 9-Euro-Ticket ermöglicht seit Juni besonders Menschen mit kleinem Einkommen erstmals bundesweit Ausflüge und Reisen. "Wir brauchen dringend ein Nachfolge-Angebot für Menschen, die wenig Geld haben", fordert Diakonie RWL-Armutsexpertin Heike Moerland.

  • Die Rückmeldungen zum 9-Euro-Ticket von Nutzer*innen mit geringem Einkommen sind mehr als positiv. Doch es braucht dringend eine Regelung, wie es ab September weiter geht.
  • Ilona Ladwig-Henning, Leiterin von Luthers Waschsalon, vor einer Waschmaschine
  • Aussenansicht von "Luthers Waschsalon"
  • Blick in den Frühstücksraum von "Luthers Waschsalon"
  • Die Bahnhofsmission in Hagen ist am Gleis 10 zu finden. Die Mitarbeiter*innen helfen allen Menschen, die mit Fragen, Sorgen und Problemen zu ihnen kommen.
  • Dieter Bress wartet am Gleis auf ankommende Züge. Als Ehrenamtlicher bei der Bahnhofsmission Hagen unterstützt er Reisende bei allen Fragen.

Mal eine andere Stadt besuchen, abends eine Runde um den Baldeney-See drehen oder sogar mit den Kindern in den Urlaub fahren: Lange Zeit konnte Manfred Herrmann davon nur träumen. Der 68-Jährige verlor nach seiner Scheidung seinen Job, rutschte vom Arbeitslosengeld in Hartz IV und musste jahrelang ganz genau rechnen, wofür sein Geld noch reicht und was er mit seinen Kindern unternehmen kann. Mittlerweile ist er in Rente und hat damit ein Einkommen "knapp über der Hartz-IV-Schwelle", wie der Essener erzählt. 

Die Jahre am Existenzminimum haben ihn geprägt: "Das war damals kein Vergnügen", betont Manfred Herrmann. "Ich konnte an vielen Dingen des Lebens nicht teilnehmen – entweder weil die Eintritte zu teuer waren oder weil ich schlicht nicht hingekommen bin." Im Alltag war er in Essen zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs. "Zum Glück wurde ich nie so krank, dass ich nicht mehr mit dem Fahrrad zum Arzt fahren konnte", sagt Herrmann, der früher als Physiker gearbeitet hat. "Ich hätte den Krankenwagen rufen müssen, weil ich den Bus oder ein Taxi nicht hätte bezahlen können."

Sozialticket reicht nicht

Auch Ausflüge mit seinen kleinen Kindern waren damals schwierig, berichtet Herrmann. Doch der Vater ließ sich etwas einfallen: "Wer kein Geld hat, muss kreativ sein. Ich habe mir immer etwas ausgedacht, damit wir doch etwas unternehmen konnten", so der 68-Jährige. "Wir haben Urlaub zum Null-Tarif gemacht: Zum Beispiel habe ich mich beim Deutschen Alpenverein zum Familien-Gruppenleiter ausbilden lassen – und damit waren die Kinder notwendige und somit ebenfalls kostenfreie Teilnehmer des Lehrgangs auf einer Hütte in den Alpen." Andere Urlaube verbrachten sie im Zelt und campten zum Teil wild. "Für die Kinder war das natürlich ein Abenteuer", erinnert sich Herrmann. "Über das Risiko, dabei erwischt zu werden, habe ich mir damals keinen Kopf gemacht. Ich musste sehr sparsam sein."

Der Radius schrumpft für Menschen, die Sozialleistungen beziehen: Der Hartz-IV-Regelsatz sieht für Mobilität nur 40,27 Euro im Monat vor – das soll für öffentliche Verkehrsmittel sowie die Anschaffung und Unterhalt von einem eigenen Auto oder Fahrrad reichen. Sozialtickets liegen in der Regel knapp darunter, doch gelten sie nur für eine Stadt – wer über das Gebiet hinausfahren möchte oder an der Grenze wohnt, muss teure Zusatztickets kaufen. "Ich wäre gerne mal mit den Kindern mit Bus und Bahn zu Veranstaltungen nach Mülheim, Gelsenkirchen, Bochum oder Bottrop gefahren, vor allem bei schlechtem Wetter oder im Winter, doch das war zu teuer", erzählt der Essener Manfred Herrmann.

Als Sozialarbeiteirn hat Ilona Ladwig-Henning viel mit Menschen zu tun, die wenig Geld zur Verfügung haben.

Ilona Ladwig-Henning  hat einige Klient*innen, die die Fahrt zum Arzt in die Nachbarstadt nicht bezahlen können. "Bedürftige brauchen dringend weiter ein günstiges Ticket", fordert die Leiterin der Hagener Bahnhofsmission und von "Luthers Waschsalon". 

Ohne Fahrschein unterwegs

Unzählige ähnliche Beispiele kennt auch Ilona Ladwig-Henning von der Bahnhofsmission Hagen. Aus Hagen fahren einige Suchtkranke zum Methadon-Arzt ins benachbarte Schwerte, erzählt die Sozialarbeiterin, die neben der Bahnhofsmission auch "Luthers Waschsalon" leitet, eine Einrichtung der Diakonie Mark-Ruhr für Wohnungslose und Menschen mit geringem Einkommen. Die zehnminütige Fahrt von Hagen nach Schwerte kostet 6,10 Euro. "Die Menschen haben keine Alternative – es gibt für einige Klienten keinen anderen Arzt. Doch das Ticket können sie sich nicht leisten." Viele führen ohne Fahrschein – und müssten hohe Strafen zahlen, wenn sie kontrolliert werden. Könnten sie nicht zahlen, landeten sie im schlimmsten Fall mit einer Ersatzfreiheitsstrafe für einige Monate in der Justizvollzugsanstalt.

Ende August läuft das 9-Euro-Ticket aus. Auf ein erschwingliches Nachfolge-Angebot konnten sich Bund und Länder bislang nicht einigen. "Wir brauchen für Bedürftige dringend weiter ein günstiges Ticket, damit sie am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können", betont Ilona Ladwig-Henning. "Es ist absolut notwendig, dass sie kostengünstig Ärztinnen und Ärzte sowie soziale Einrichtungen wie Suppenküchen, Tafeln oder dezentralen Notunterkünften erreichen können."

Heike Moerland dringt auf eine Nachfolgeregelung zum 9-Euro-Ticket.

"Es sollte zusätzlich ein stark vergünstigtes Tagesticket für Menschen geben, die nicht täglich mit Bus und Bahn unterwegs sind", so Diakonie RWL-Armutsexpertin Heike Moerland.

29 Euro Ticket als Alternative

Auch die Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege NRW (LAG FW NRW) fordert ein neues Angebot für Geringverdienende. In Bielefeld gibt es etwa bereits ein Ticket für 29 Euro im Monat, das Menschen mit geringem Einkommen ermöglicht, mobil zu sein. "Wir brauchen günstige Tickets für Menschen mit kleinem Einkommen", fordert auch Heike Moerland, Leitung des Diakonie RWL-Geschäftsfelds Berufliche und soziale Integration. "Es sollte zusätzlich ein stark vergünstigtes Tagesticket für Menschen geben, die nicht täglich mit Bus und Bahn unterwegs sind."

Finanzminister Christian Lindner hatte sich zuletzt ablehnend gegenüber einer Nachfolgeregelung geäußert. Dafür stünden in der Finanzplanung keinerlei Mittel zur Verfügung. Der Wunsch nach einer Nachfolge zum 9-Euro-Ticket entspringe einer "Gratismentalität" . Für Heike Moerland sind die Äußerungen des Finanzministers unverständlich: "Die Energiekrise und Inflation bringen viele Menschen mit geringem Einkommen ans Limit. Sie wissen derzeit nicht, wie sie über die Runden kommen sollen. Ein kostengünstiges Nahverkehrsticket könnte sie erheblich entlasten."

Auch die NRW-Landesregierung sei jetzt gefragt. Sie hatte sich im Koalitionsvertrag darauf verständigt, den öffentlichen Nahverkehr für Schüler*innen, Azubis, Freiwilligendienstleistende, Berufspendler*innen und Senior*innen attraktiver zu gestalten. "Was sind die Angebote für Menschen, die wenig Geld haben?", fragt die Diakonie RWL-Armutsexpertin in Richtung der Schwarz-Grünen NRW-Regierung. "Wir dürfen sie nicht vergessen! Mobil zu sein ist die Grundlage für Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Es müssen Lösungen gefunden werden, die Mobilität von Menschen mit geringem Einkommen auch über die Grenzen der Verkehrsverbünde hinweg ermöglicht."

Es braucht auch günstige Ticket für Menschen mit kleinem Einkommen, die nicht täglich fahren. Eine Möglichkeit wäre ein Fahrschein für einen Euro.

Ob zur Behörde oder in den Supermarkt – Menschen mit kleinem Einkommen müssen genau rechnen, ob sie mit dem Bus fahren fahren können.

Soziales Leben ermöglichen

Die Rückmeldungen zum 9-Euro-Ticket von Nutzer*innen mit geringem Einkommen sind mehr als positiv. Es wird nach Schätzungen aus Beratungsstellen der Freien Wohlfahrtspflege NRW von über 90 Prozent der Empfängerinnen von SGB II, SGB XII, Rentner*innen und Grundsicherungs-Bezieher*innen genutzt. Viele mussten vor dem 9-Euro-Ticket genau rechnen, welche Fahrt sie sich leisten können. 

So genau kalkulieren muss Manfred Herrmann nicht mehr, er ist mit seinem Renteneintritt über die Hartz-IV-Schwelle gekommen und hat seine Mobilität zurückgewonnen: Mit seinem vergünstigten Senioren-Ticket ist er gerne im VRR-Gebiet entlang von Rhein und Ruhr unterwegs. Außerdem profitiert er aktuell vom 9-Euro-Ticket, wünscht sich aber einen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs: "Selbst in einer Großstadt wie Essen ist abends die Taktung deutlich ausgedünnt", erzählt er. "Noch schlimmer ist es auf dem Land, wo es nur ein schlechtes oder gar kein Angebot an Bussen und Bahnen gibt." Es brauche nachhaltige Maßnahmen, um den öffentlichen Nahverkehr zu verbessern. 

Er freut sich, gerade bundesweit reisen zu können. "Doch was kommt danach?", fragt sich der Rentner. Er ist als – wie er selbst sagt – "Experte in eigener Sache" Delegierter der Nationalen Armutskonferenz. Jeder Mensch müsse mal einkaufen, zu einer Behörde oder zum Arzt – oder sich an Orten erholen, die zu Fuß oder mit dem Rad nicht schnell erreichbar sind, sagt Manfred Herrmann. "Wer schon in einer kleinen Wohnung wohnt, vielleicht sogar ohne Balkon, möchte auch mal raus. Sonst fällt einem doch die Decke auf den Kopf!" 

Text: Jana Hofmann, Redaktion: Ann-Kristin Herbst, Fotos: Diakonie RWL, Shutterstock, Pixabay, Frank Schultze/Diakonie Katastrophenhilfe.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Heike Moerland
Geschäftsfeld Berufliche und soziale Integration
Weitere Informationen

Das 9-Euro-Ticket
Das 9-Euro-Ticket ist Teil der Entlastungspakete des Bundes, die die drastischen Preissteigerungen in nahezu allen Lebensbereichen abfedern sollen. Über den Erfolg des 9-Euro-Tickets sind sich Bund und Länder einig, doch wie es weitergehen soll, wird noch diskutiert – vor allem, wer die Finanzierung übernimmt. Bund und Länder sehen sich gegenseitig in der Pflicht, ein günstiges Bahnangebot im Nahverkehr zu schaffen. Besonders im Fokus sind Angebote für Menschen mit kleinem Einkommen oder im Leistungsbezug. Zur Debatte stehen unter anderem Tickets für 365 Euro im Jahr oder 29 Euro im Monat. Bundesfinanzminister Christian Lindner hatte sich zuletzt ablehnend gegenüber einer Nachfolgeregelung geäußert. Dafür stünden in der Finanzplanung keinerlei Mittel zur Verfügung.