30. September 2019

Unterstützte Entscheidungsfindung

Den Raum geben, zu wählen

Sich festlegen, Entscheidungen treffen und das eigene Leben gestalten – das fällt nicht leicht. Selbstbestimmt zu leben ist besonders schwierig für Menschen, die mit einer rechtlichen Betreuung konfrontiert sind. Bei ihnen besteht häufig die Gefahr, dass sie übergangen werden oder andere für sie entscheiden – manchmal unfreiwillig und unbewusst. Wie man Menschen in ihrer Autonomie unterstützt, ohne sie zu bevormunden, war das Thema der Jahreskonferenz der Betreuungsvereine der Diakonie RWL.

  • Alexander Engel (von links), Wolfram Schül, Christiane Wallat und Jürgen Etzel während der Tagung der Betreuungsvereine der Diakonie RWL.
  • Zeit für Fragen: Alexander Engel hat die Jahrestagung der Betreuungsvereine organisiert.
  • Christiane Wallat vom Betreuungsverein der Diakonie Münster und Jürgen Etzel vom Betreuungsverein der Diakonie Trier tauschen sich mit ihren Kollegen aus.

Artikel 12 Absatz 3 der UN Behindertenrechtskonvention: Menschen mit Behinderungen brauchen Zugang zur Unterstützung, um ihre Rechts- und Handlungsfähigkeit ausüben zu können. Konkret heißt das: Menschen mit Behinderungen und Personen, die eine rechtliche Betreuung benötigen, haben genauso ein Recht darauf, Entscheidungen über ihr eigenes Leben zu treffen wie jeder andere auch. Nur, wie hilft man einem Menschen dabei, zu entscheiden, ohne für ihn oder sie die Wahl zu treffen? Über diese Frage haben sich rund 60 Teilnehmende während der Jahrestagung der Betreuungsvereine der Diakonie RWL ausgetauscht.

Dr. Christoph Lenk gibt Einblicke in seine Arbeit als Facharzt für Psychiatrie.

Dr. Christoph Lenk gibt Einblicke in seine Arbeit als Facharzt für Psychiatrie.

Unsicherheit beim Betreuungsrecht

Eine junge Frau mit Downsyndrom und Schmerzen in der Brust geht gemeinsam mit ihrer rechtlichen Betreuerin zum Arzt. Der Doktor wendet sich an die Betreuerin, erklärt ihr die Symptome der jungen Frau, beschreibt, dass sie Krebs hat. Und verlangt eine Entscheidung, wie die Therapie fortgesetzt werden soll. Von der Betreuerin. Die Patientin wird nicht gefragt.

Betreute Menschen werden immer wieder übergangen – sei es beim Arzt, der Bank oder anderen Institutionen. Das berichten viele der bei der Jahrestagung anwesenden Fachleute. Die Ursachen, warum ihre Klienten nicht selbst gefragt werden, sind vielfältig. Zum einen seien viele Menschen unsicher, was eine rechtliche Betreuung genau bedeute. "Mediziner und Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten, lernen oft nichts über das Betreuungsrecht während ihrer Ausbildung", sagt Dr. Christoph Lenk, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie während der Jahrestagung über den Bereich der Medizin.

Ein gut gefülltes Programm: Die Jahrestagung der Vormundschafts- und Betreuungsvereine fand an drei Tagen statt.

Ein gut gefülltes Programm: Die Jahrestagung der Vormundschafts- und Betreuungsvereine fand an drei Tagen statt.

Stereotype und Vorurteile 

Außerdem ließen sich Menschen oft unbewusst von Stereotypen und Vorurteilen beeinflussen, ergänzt die Linguistin Dr. Ortrun Kliche. Sie hat Gesprächssituationen in medizinischen Kontexten erforscht. "Menschen mit rechtlicher Betreuung gelten häufig als emotional, labil und kognitiv nicht leistungsfähig", so Kliche.

Verunsichert von der rechtlichen Lage und unter Zeitdruck würden viele Mediziner es versäumen, die Diagnosen in einfacher Sprache und in "einzelnen Häppchen" mitzuteilen. Stattdessen forderten sie schnell eine Antwort auf Therapievorschläge von den gesetzlichen Betreuern, obwohl das gegen das Recht auf Selbstbestimmung der Erkrankten verstoße. "Viele Ärzte setzen rechtliche Betreuung noch immer mit Vormundschaft gleich, obwohl das ganz was anderes ist", sagt Alexander Engel, Geschäftsführer des Fachverbands der Betreuungsvereine in der Diakonie RWL.

Diskussionen unter Fachleuten: Christiane Wallat (Betreuungsverein der Diakonie Münster), Jürgen Etzel (Betreuungsverein der Diakonie Trier),  Claus Bratek (Ev. Betreuungsverein Minden) und RalpfhSattler (Betreuungsverein Ludwigshafen im Diakonischen Werk

Diskussionen unter Fachleuten: Christiane Wallat (Betreuungsverein der Diakonie Münster), Jürgen Etzel (Betreuungsverein der Diakonie Trier),  Claus Bratek (Ev. Betreuungsverein Minden) und Ralph Sattler (Betreuungsverein Ludwigshafen im Diakonischen Werk Pfalz).

Einfach mal nichts sagen

"Es ist immer noch notwendig darauf hinzuweisen, dass die Klienten in der Lage sind, selbst einzuwilligen", sagt einer der Tagungsteilnehmer. Ärzte müssten die Klienten mit einbeziehen und ihnen erlauben, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. 

Nicht immer würden die Klienten offensiv übergangen, erklärt Ortrun Kliche. Bei sogenannten triadischen Gesprächen – also Gesprächen zwischen drei Gesprächsteilnehmern – würden die Klienten oft vordergründig mit einbezogen. Tatsächlich entwickele sich das Gespräch zwischen drei Partnern schnell zu einem Dialog zwischen Betreuer und Fachleuten. Den gesetzlichen Betreuern sei das häufig nicht bewusst, sie hätten den Eindruck, dass sie die Betreuten mit einbezogen hätten.

Tagungsraum mit Blick ins Grüne: Die Teilnehmenden hören konzentriert Dr. Ortrun Kliche zu.

Tagungsraum mit Blick ins Grüne: Die Teilnehmenden hören konzentriert Dr. Ortrun Kliche zu.

Zuhören, erklären und sich hinwenden

Kliche verweist auf Studien, die zeigten, dass die Sensibilität seitens der rechtlichen Betreuer da sei, sie möchten ihre Klienten dazu ermutigen, Entscheidungen selbst zu treffen. Bei den Analysen der konkreten Gesprächssituation stellte sich jedoch heraus, dass den Betroffenen häufig viel zu wenig Zeit gelassen werde, auf Fragen zu reagieren. "Einfach mal nichts zu sagen, ist vielleicht der wichtigste Rat, den ich geben kann", sagt Kliche. Außerdem sollten die Betreuer verständlich erklären, ihren Klienten viel Zeit geben, zu reagieren und sich körperlich zu ihnen hinwenden. Nur dann könne eine andere Gesprächskultur geschaffen werden, in der sich die Betreuten sicher und wohl fühlten.

Entscheidungen zu treffen, muss man lernen. "Rechtliche Betreuer müssen sich an den Ressourcen des jeweiligen Klienten orientieren", betont Alexander Engel. Es gehe darum, den Menschen zu signalisieren, dass es in Ordnung sei, selbst zu wählen, stimmt Ralph Sattler vom Betreuungsverein Ludwigshafen im Diakonischen Werk Pfalz zu. Viele seien es durch lange Jahre in Heimen und anderen Einrichtungen nicht gewohnt, sich zu positionieren. In vorauseilendem Gehorsam schlössen sie sich oft der Meinung der Betreuer an.

Ins Gespräch vertieft: Martin Hamburger (links - Vorsitzender des Fachverbands ) diskutiert mit Alexander Engel und Wolfram Schül vom Ev. Betreuungsverein Minden.

Ins Gespräch vertieft: Martin Hamburger (links - Vorsitzender des Fachverbands ) diskutiert mit Alexander Engel und Wolfram Schül vom Ev. Betreuungsverein Minden.

Der Weg ist das Ziel

"Unsere Aufgabe ist es, eine echte Vertrauensebene aufzubauen und uns dann aber auch ein Stück weit zurückzuziehen", betont der Vorsitzende des Fachverbands Martin Hamburger von der Diakonie Wuppertal. "Besonders für rechtliche Betreuer, die aus der eigenen Familie stammen, ist es schwer. Sie wollen die Betreuten im übertragenen Sinne ganz fest umarmen und nicht mehr loslassen", berichtet Jürgen Etzel vom Betreuungsverein der Diakonie Trier. So könnten die Menschen nicht lernen, autonom zu werden. 

"Wir haben häufig das Ergebnis im Blick, dabei geht es eigentlich um den Weg zur Entscheidungsfindung. Denn da geht das meiste verloren", sagt Kliche. Wer mit einer eigenen Meinung in die Diskussion gehe, lasse kaum Raum für einen echten Austausch. Die betreuten Menschen spürten das und schalteten ab. 

Rechtliche Betreuer, Mediziner, Angehörige und das Umfeld müssten lernen, den Betreuten zuzutrauen, eigene Entscheidungen zu treffen, so der Tenor der Jahrestagung. Ihre Aufgabe sei es, die Menschen zu begleiten und sie zu unterstützen, aber nicht ihre Entscheidungen für sie zu treffen. Nur so könnten Menschen, denen häufig zu wenig zugetraut werde, erfahren, dass es sich lohne, eigene Erfahrungen zu sammeln und zu entdecken, was sie für ihr eigenes Leben möchten und dieses dann auch in die Tat umsetzen. 

Text und Fotos: Ann-Kristin Herbst

Ihr/e Ansprechpartner/in
Alexander Engel

Betreuungsvereine

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Recht
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