4. Oktober 2018

Soziale Arbeit 4.0

Digitalisierung - Hilfe oder Last?

Smartphone, Smartwatch und Tablet sind nur der Anfang. Der digitale Wandel beeinflusst die Art, wie Menschen kommunizieren, arbeiten und leben. Das verändert auch die soziale Arbeit der diakonischen Betreuungsvereine. Auf ihrer Jahrestagung diskutierten sie über Robotik, Künstliche Intelligenz und Datensouveränität.

Frau mit Datenbrille

Hilflos angesichts der Flut an Informationen - Sieht so die digitale Zukunft aus?

Das Telefon brauchte siebzig Jahre, um 50 Millionen Nutzer zu erreichen. Das Internet schaffte genau das in vier Jahren – und das Onlinespiel Pokémon Go benötigte dazu gerademal zehn Tage. Der digitale Wandel vollzieht sich in einem rasanten Tempo.

Die Mitarbeitenden in den Betreuungsvereinen der Diakonie RWL spüren die Folgen der neuen Technologien in ihrem Arbeitsalltag vor allem durch eine Flut von E-Mails, Onlineformularen und digitalen Datenbanken, die verstanden und gepflegt werden wollen. "Früher habe ich alles auf Karteikarten geschrieben und dann mühselig in Tabellen übertragen", erzählte eine Teilnehmerin auf der Jahrestagung des Fachverbandes diakonischer Betreuungsvereine und Vormundschaft der Diakonie RWL in Bonn. "Heute gibt es dafür Computerprogramme, was eine enorme Arbeitserleichterung ist." Doch die Zeit, die sie damit spare, könne sie nicht für eine intensivere Betreuung ihrer Klienten nutzen. "Ich habe heute viel mehr Betreuungsfälle auf dem Schreibtisch."

Keine Angst vorm digitalen Wandel - Die Geschäftsführerin des Fachverbands, Waltraud Nagel, und der Vorsitzende Martin Hamburger haben die Tagung organisiert. Nach 19 Jahren bei der Diakonie RWL wurde Waltraud Nagel verabschiedet. Sie geht Ende März 2019 in den Ruhestand.

Arbeitsverdichtung statt Arbeitserleichterung?

Bedeutet Digitalisierung also vor allem Arbeitsverdichtung statt Arbeitserleichterung? Die Skepsis gegenüber den viel gepriesenen Chancen des digitalen Wandels war den rund 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Jahrestagung anzumerken. Gleichzeitig war allen klar, dass der digitale Wandel sich nicht aufhalten lässt und auch für die soziale Arbeit gestaltet werden muss.

Georg Bloch-Jessen, theologischer Referent der Diakonie Deutschland, der sich auch mit den ethischen Aspekten der Digitalisierung beschäftigt, wagte eine Prognose. "Rund die Hälfte der Tätigkeiten eines rechtlichen Betreuers könnten in Zukunft automatisierbar sein." Schließlich haben sie in ihrem Job sehr viel mit personenbezogenen Daten, Anträgen und Gesetzesvorlagen zu tun. Und gerade im Sammeln und Auswerten von Daten ist der digitale Fortschritt unaufhaltsam, Segen und Fluch zugleich.

Portrait

Wem gehören die Daten? Fragen, die dringend geklärt werden müssen, meint Georg Bloch-Jessen von der Diakonie Deutschland.

"Datensouveränität meint Verfügungsgewalt"

Bloch-Jessen verdeutlichte das am Beispiel der digitalen Gesundheitsakte, die durch den Abgleich von persönlichen Gesundheitsdaten, ärztlichen Befunden und Studienergebnissen zu einer besseren individuellen wie allgemeinen Gesundheitsversorgung führen können. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass die sensiblen Daten zum Nachteil der Betroffenen genutzt werden – und zwar, weil sie nicht die Verfügungsgewalt darüber haben. "Uns gehören unsere Daten nicht, sondern denjenigen, die sie sammeln", so der Theologe. "Wir brauchen die rechtliche Souveränität über unsere Daten."

Ein weiterer Knackpunkt ist für Bloch-Jessen die Einschränkung der Privatsphäre zum Beispiel durch digital vernetzte Wohnungen. Zwar könnten High-Tech-Haushaltsgeräte und Sprachassistenten den Alltag von Menschen, die sich unter rechtlicher Betreuung befinden, erleichtern und das selbstständige Wohnen überhaupt ermöglichen. "Andererseits werden alle Lebensgewohnheiten erfasst, analysiert und für den Vormund oder Betreuer offenbar. Das nimmt Klienten die Freiheit und widerspricht auch dem christlichen Selbstverständnis."

Roboter

Roboter Pepper sieht niedlich aus, ist aber noch nicht in der Lage, selbst zu lernen.

Keine eingebaute Ethik

Roland Heuermann, Computerspezialist und IT-Strategieberater im Öffentlichen Dienst, gab hinsichtlich eines vollautomatisierten und damit transparenten Zuhauses Entwarnung. Bislang gebe es noch keine geschlossenen integrierten Systeme und damit keine Gesamtsteuerung. Auch die Entwicklung von humanoiden Robotern, die ebenbürtige soziale Kontaktpartner darstellten, stecke noch in den Kinderschuhen. "Die Künstliche Intelligenz wird überschätzt", sagte der IT-Experte. "Es ist noch ein langer Weg, Geräte so intelligent zu programmieren, dass sie von selbst lernen."

Doch auch für Heuermann ist klar, dass die Digitalisierung auf diesem Weg voranschreitet "und die Systeme keine eingebaute Ethik haben". "Aber die Maschinen bieten, anders als der Mensch, ein stabiles und berechenbares Niveau. Deshalb habe ich die Hoffnung, dass wir in Zukunft ein größeres Maß an Standardqualität bekommen."

Portrait

Roland Heuermann hofft, dass die Digitalisierung zu mehr Transparenz bei deutschen Behörden führt.

Digitalisierung als Chance für Demokratie

Der Computerspezialist denkt dabei vor allem an eine "eGesetzgebung". Schon heute sei es mit Hilfe künstlicher Intelligenz möglich, logische und handwerklich bessere Rechtsregeln zu machen und ihre Auswirkungen auf die Praxis zu simulieren. "Die Digitalisierung ermöglicht einen Abgleich der Daten und führt in der komplizierten Sozialgesetzgebung zu mehr Transparenz." Das könnte in der Praxis zu weniger Widersprüchen aufgrund falscher Entscheidungen der Behörden führen.

Sowohl Heuermann als auch Bloch-Jessen sprachen sich in der Diskussion für mehr Gelassenheit aus. Sie sehen in der digitalen Welt vor allem eine Chance auf mehr Demokratie, weil "viel mehr Menschen mitreden können". 

Gruppenfoto

Die Digitalisierung bietet neue Möglichkeiten, Ehrenamtliche und Klienten zu erreichen. Der Vorstand des Fachverbandes ist dafür aufgeschlossen.

Ehrenamtliche über das Netz erreichen

Beide ermutigten die Teilnehmer, die digitalen Möglichkeiten "angstfrei" zu nutzen. Auch im Hinblick auf die Kommunikation mit Klienten und Ehrenamtlichen, die über verschiedene Plattformen im Netz zu erreichen sind.

"Ich bin Sozialarbeiterin geworden, weil ich mit Menschen arbeiten möchte und nicht mit Maschinen", sagte Stephanie Kravagna vom Betreuungsverein in Dinslaken zum Schluss der Tagung. "Aber ich verstehe, dass ich heute die Maschinen brauche, um die Menschen zu erreichen."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

Ihr/e Ansprechpartner/in
Waltraud Nagel
Betreuungsvereine
Weitere Informationen
Ein Artikel zum Thema:
Recht
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (9 Stimmen)