16. Januar 2020

Sexualstraftäter

Der ewige Ruf nach härteren Strafen

Die Skandale um Kindesmissbrauch und Massenvergewaltigungen in Nordrhein-Westfalen haben die Diskussion um härtere Strafen für Sexualstraftäter neu entfacht. Dabei zeigt eine gerade veröffentlichte Statistik der NRW-Justiz, dass Sexualstraftaten abnehmen. Zudem ist die Rückfallquote bei diesen Tätern im Vergleich niedrig. Sabine Bruns, Expertin für Straffälligenhilfe bei der Diakonie RWL, wünscht sich weniger Emotionen und mehr Sachverstand in der Debatte.

  • Sabine Bruns, Diakonie RWL-Referentin für Straffälligenhilfe, wünscht sich mehr Sachverstand in der Debatte um Sexualstraftäter

Die Missbrauchsfälle von Lügde und Bergisch Gladbach, aber auch der Prozess um eine vermeintliche Massenvergewaltigung einer Jugendlichen in Mülheim erwecken den Eindruck, als wenn es mehr und vor allem brutalere Sexualdelikte gibt. NRW-Innenminister Herbert Reul hat daher noch kurz vor Weihnachten deutlich härtere Strafen bei Kindesmissbrauch gefordert. Ist das ein berechtigtes Anliegen?

Es ist zumindest eins, das Politiker immer wiederholen, wenn in den Medien ausführlich über Sexualverbrechen berichtet wird. Natürlich sind die Fälle, um die es hier geht, erschreckend und sollten auch entsprechend bestraft werden. Doch unser gesetzlicher Strafrahmen, der bei schwerem Kindesmissbrauch bis zu zehn Jahre Haft vorsieht,  ist durchaus angemessen. Das sieht auch die Bundesjustizministerin so. Wenn es um Sexualstraftaten geht, wird schon seit vielen Jahren nicht auf der Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Zahlen argumentiert, sondern von Bedrohungsgefühlen. Ich würde mir hier mehr Sachverstand wünschen. Wir können Menschen nicht einfach ihr Leben lang wegsperren. Das widerspricht unserem Rechtssystem, das Strafe immer auch mit dem Ziel der Reintegration in die Gesellschaft verbindet.

Bundesweit einmalig: Die Evaluation "EVALIS" des nordrhein-westfälischen Justizdienstes

Bundesweit einmalig: Die Evaluation "EVALiS" des nordrhein-westfälischen Justizdienstes

Haben die Sexualstraftaten in Nordrhein-Westfalen tatsächlich zugenommen?

Nein. Das geht klar aus der neuen Datenerhebung des Kriminologischen Dienstes der NRW-Justiz hervor, die vergangene Woche veröffentlicht wurde. In dieser bundesweit einmaligen Statistik mit dem Kürzel "EVALiS" sollen der Erfolg und die Wirksamkeit von Resozialisierungsmaßnahmen unter die Lupe genommen werden. Bislang gibt es eine solche Statistik nur auf Bundesebene. Die aktuellen Zahlen für 2019 zeigen, dass die Zahl der inhaftierten erwachsenen Sexualstraftäter seit dem Jahr 2000 in NRW um 25 Prozent auf knapp 700 abgenommen hat. Bundesweit befinden sich rund 3.400 Sexualstraftäter in Haft. Auch die Rückfallquote ist mit 16 Prozent niedriger als bei anderen erwachsenen Straftätern. Dort liegt sie bei rund 45 Prozent.

Führen Sie die geringere Rückfallquote darauf zurück, dass Sexualstraftäter unter stärkerer Kontrolle stehen und mehr Therapieangebote erhalten?

Das mag ein Grund sein. Es gibt jedenfalls nur wenige Sexualstraftäter, die vorzeitig entlassen werden. Viele haben Therapieauflagen und stehen unter Bewährungs- und Führungsaufsicht. In Nordrhein-Westfalen gibt es erfolgreiche Programme, die von der Landesregierung finanziert werden. Knapp eine Million Euro fließen jährlich in diese Projekte der Straffälligenhilfe. Doch ich beobachte bei Gutachtern, Therapeuten, aber auch innerhalb der Diakonie große Zurückhaltung, wenn es um die Betreuung von haftentlassenen Sexualstraftätern geht. Es fällt vielen schwer, diesen Menschen ohne starke Vorurteile und Misstrauen zu begegnen und ihnen eine zweite Chance zu geben. Sexualstraftäter sind weder per se abartig noch Bestien oder tickende Zeitbomben, sondern Menschen. Oft haben sie sogar viele Ähnlichkeiten mit anderen Klienten, die in Betreuung sind. Sie haben selbst Gewalt erlebt, kommen mit der eigenen Wut, Ängsten und ihrem sexuellen Begehren nicht klar. Wenn wir sie derart ausgrenzen, bestrafen wir sie doppelt.

Sabine Bruns, langjährige Referentin für Straffälligenhilfe der Diakonie RWL, plädiert für einen anderen Umgang mit Sexualstraftätern.

Sabine Bruns, langjährige Referentin für Straffälligenhilfe der Diakonie RWL, plädiert für einen anderen Umgang mit Sexualstraftätern.

Ist es nicht auch positiv zu sehen, dass wir heute sensibel auf Sexualstraftaten reagieren? Vergewaltigung wurde jahrhundertelang als Kavaliersdelikt abgetan und sexueller Missbrauch von Kindern geleugnet oder nicht ernst genommen.

Das ist richtig. Für einen anderen Umgang mit den Tätern zu plädieren, heißt keinesfalls, ihre Taten zu bagatellisieren. Doch in den Debatten wird der Eindruck erweckt, als wenn alle Sexualstraftäter unheilbare Triebtäter sind. Eine alte Faustregel lautet: Je unbekannter etwas ist, desto mehr Angst flößt es ein. Je weniger Kontakt man mit Sexualstraftätern hat, umso unheimlicher erscheinen sie. Folglich bleibt man auf Abstand und erhält sich damit seine Vorurteile.

Die Diakonie hat sich schon immer um die Armen und Ausgegrenzten der Gesellschaft gekümmert. Hört die Fürsorge beim Thema Sex auf?

Auch in der Diakonie fällt es uns oft schwer, über Sexualität zu sprechen. Doch das ist eine Grundvoraussetzung, wenn wir in der Straffälligenhilfe mit Sexualstraftätern arbeiten. Da gibt es viel Sprachlosigkeit, Angst, Misstrauen, Vorurteile. Doch ich sehe es nicht nur als einen Akt der Menschenliebe, auch diesen Straftätern eine Chance zu geben, sondern als eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Niemand wird in Deutschland für immer weggesperrt. Irgendwann kommen die Straftäter wieder aus dem Gefängnis. Es gehört zu unserer Verantwortung, sie für ihren Weg zurück in die Gesellschaft zu befähigen und sie dabei zu begleiten. Deshalb versuchen wir bei der Diakonie RWL, Einrichtungen der diakonischen Straffälligenhilfe zu motivieren, sich für Sexualstraftäter zu öffnen. Wir bieten Inhouse-Schulungen an, laden zu Veranstaltungen in der Sicherungsverwahrung ein, organisieren Begegnungen mit Therapeuten und Straftätern.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke. Fotos: Ann-Kristin Herbst

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Sabine Bruns

Straffälligenhilfe

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Rund 15.000 Menschen befinden sich in den 36 Gefängnissen in NRW. Etwa 600 verschiedene Behandlungsangebote – von der Schuldnerberatung über die Sucht- und Sexualtherapie bis zur beruflichen Qualifizierung – sollen ihnen dabei helfen, nach der Entlassung nicht wieder straffällig zu werden. Dennoch sind die Rückfallquoten mit 45 Prozent bei den Erwachsenen und 65 Prozent bei den Jugendlichen sehr hoch. Mit einer auf mehrere Jahre angelegten "Evaluation im Strafvollzug" sollen die Angebote nun erstmals vom Kriminologischen Dienst des Landes auf ihre Wirksamkeit untersucht werden.