20. Februar 2018

Welttag der sozialen Gerechtigkeit

Wohlstand und Ressourcen teilen

Heute ist Welttag der sozialen Gerechtigkeit. Beim Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung sind schon vom Namen her Themen der lokalen und globalen Gerechtigkeit eng verknüpft. "Brot für die Welt"-Präsidentin Cornelia Füllkrug-Weitzel bringt es im Interview mit der Diakonie RWL auf den Punkt: "Die Armen sollen genug zum Leben haben – und die Wohlhabenden sollten es genug sein lassen."

Portrait

Cornelia Füllkrug-Weitzel (Foto: Brot für die Welt)

Beim Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung sollen Fragen der regionalen und nationalen Gerechtigkeit mit Fragen der weltweiten Gerechtigkeit verknüpft werden. Gelingt das?

Wir sind jetzt seit gut fünf Jahren unter einem Dach – "Brot für die Welt", die Diakonie Katastrophenhilfe und die Diakonie Deutschland. Wir arbeiten zunehmend an Themen, Aufgaben und Projekten zusammen, die angesichts fortschreitender Globalisierung sinnvoll nur noch global und national gemeinsam betrachtet und beantwortet werden können. Die Agenda für Nachhaltige Entwicklung, die ausdrücklich Hausaufgaben für alle Länder vergeben hat, ist so ein Thema. Flucht und Migration, wo die Fluchtursachen im Süden von uns stark mitbeeinflusst werden und die Flüchtlinge vom Süden zu uns kommen, ein anderes. Die wachsende nationale und internationale soziale Ungleichheit und die Frage eines "social protection floor" sind weitere Beispiele. Zur gemeinsamen Analyse tragen wir unser Wissen aus allen unseren jeweiligen Quellen zusammen, entwickeln gemeinsam Positionen und diskutieren angemessene Lösungen – politische wie Hilfsmaßnahmen.

Hände, die einen Teppich knüpfen

Kinderhände sollen keine Teppiche knüpfen. Dafür steht das Rugmark-Siegel (Foto: Uta Wagner / Brot für die Welt)

"Brot für die Welt" prangert seit Jahrzehnten den westlichen Lebensstil an, den manche Soziologen heute auch als "imperiale Lebensweise" oder "Externalisierungsgesellschaft“ bezeichnen, aber die Erfolge scheinen mir sehr bescheiden.

Verhaltensänderungen beginnen mit Wissen um Zusammenhänge. Und wir helfen, Alternativen für den eigenen Konsum, das eigene Investment, die eigenen Reisen zu schaffen – um nur einige Beispiele zu nennen. Denn wir wollen nicht anprangern, sondern ermutigen, andere Wege zu gehen. Dazu hat "Brot für die Welt" einen wichtigen Beitrag geleistet, zum Beispiel mit dem Rugmark-Siegel für Teppiche ohne Kinderarbeit. Damit einher ging die kontinuierliche Förderung des fairen Handels. Hier waren wir ein echter Motor.

Wir haben auch die Klimakollekte zur Kompensation von auf Reisen emittiertem Kohlendioxid mitbefördert. Zuletzt haben wir mit der Entwicklung von Kriterien für ökologisch und sozial nachhaltige Geldanlagen und der Anregung eines darauf basierenden FairWorldFonds einen deutlichen Anstoß für mehr ethisches Gebaren im Finanzwesen geschaffen. Der Fonds ermöglicht Anlegern, mit ihrer Geldanlage faire Entlohnung im Industriesektor und umweltfreundliche Produktionsweisen zu stärken. Der unglaubliche Boom dieses Fonds zeigt, dass Konsumenten auch in diesem Bereich eine echte Chance haben, an positiven Veränderungen mitzuwirken.   

Soldaten mit Waffen in einem afrikanischen Staat

Wo Gewalt und Bürgerkrieg herrschen, gibt es keine soziale Gerechtigkeit (Foto: Christoph Püschner / Brot für die Welt)

Alle wollen irgendwie Gerechtigkeit und sind irgendwie dafür. Doch gewählt werden Parteien, die Sicherheitsbedürfnisse und fragilen Wohlstand bedienen – warum?

Der Wunsch nach Sicherheit und Wohlstand ist legitim, denn niemand kann ohne Schutz vor Gewalt und von der Hand in den Mund leben. Es ist gut, sich das auch klar zu machen, wenn man über die Menschen in anderen Teilen der Welt nachdenkt. Überall sollten Konflikte friedlich gelöst werden, denn die Menschen brauchen alltägliche Sicherheit. Dazu gehört neben der politischen auch soziale und wirtschaftliche Sicherheit. Die Welt ist heute so verwoben, dass kein Frieden mehr gedeihen kann, wenn andere nicht auch ihren Teil vom Wohlstand und den Ressourcen der Welt abbekommen. Das entspricht auch unserem christlichen Verständnis vom guten Leben.

Zwei Afrikanerinnen mit einem Wasserkanister

Kein Wasser mehr - der Klimawandel führt zu Dürrekatastrophen (Foto: Christoph Püschner / Brot für die Welt)

Wovon wird der mögliche Fortschritt an weltweiter sozialer Gerechtigkeit vor allem bedroht?

Der Klimawandel ist ein großer Treiber sozialer Ungerechtigkeit, denn er trifft die, die am wenigsten dazu beigetragen haben, zuerst und am härtesten. Die Übernutzung begrenzter und durch den Klimawandel - Stichwort Dürren – weiter abnehmender Ressourcen führt bereits zu Konflikten um Ackerland, um Weidegründe, um Wasser. Der große Hunger auf Fleisch, der nur durch Futtermittelimporte im großen Stil zu befriedigen ist, trägt mit bei zur Abholzung brasilianischer Regenwälder für den Soja-Anbau. Das wiederum befördert den Klimawandel. Autoritäre Regime und Despoten, die ihr Land ausplündern und jegliche Opposition unterdrücken, verhindern, dass die Zivilgesellschaft in ihren Ländern Hilfe und Schutz für die Ärmsten und Schwächsten einfordert. So entsteht der Nährboden für Konflikte und Terror, worunter dann vor allem die Zivilbevölkerung zu leiden hat.

Lebensmittelverteilung in Afrika

Genug Lebensmittel für alle - das muss keine Utopie bleiben (Foto: Christoph Püschner / Brot für die Welt)

Wie sieht Ihre Vision von weltweiter sozialer Gerechtigkeit aus? Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung – ist mit diesem Dreiklang alles gesagt?

Im Prinzip: Ja! Aus christlicher Sicht können alle Menschen in gerechtem Frieden miteinander und im Einklang mit der Natur leben und genug zum Leben haben, weil diese schöne Vision mit Christus schon begonnen hat, Realität zu werden. Die Armen sollen genug zum Leben haben – und die Wohlhabenden sollten es genug sein lassen. Konkret stehen die wohlhabenden Industrieländer vor der Herausforderung, ihren ökologischen Fußabdruck drastisch zu verkleinern und damit ihren Ressourcenverbrauch und ihr Konsumniveau auf ein international verträgliches Maß zu reduzieren. Und alle stehen vor der Herausforderung, Geist, Logik und Praxis der Gewalt entgegenzutreten: häuslicher Gewalt, sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Frauen, Gewalt gegen Fremde, gegen Andersdenkende und anders Lebende, gegen Menschen anderer Religionen und Kulturen.  

Kinder sammeln Müll auf einem Müllberg

Welche kleinen Schritte kann jeder von uns alltäglich tun und worin liegt der besondere Beitrag von Kirche und Diakonie?

Jeder und jede einzelne kann sich für den Schutz der Umwelt, nachhaltiges Wirtschaften und die Einhaltung der Menschenrechte einsetzen – ganz privat in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Gemeinde oder einer politischen Partei. Kirche und Diakonie halten dazu Angebote bereit - angefangen von Tipps, wie Lebensmittel- und Rohstoffverschwendung vorgebeugt werden kann bis hin zu nachhaltigen Geldanlagen. Kirche und Diakonie brauchen nicht zu moralisieren. Sie können von der Freude und der Hoffnung reden, die von einem Leben in der Nachfolge Christi ausgehen und Mut dazu machen, umzukehren. 

Das Interview führte Reinhard van Spankeren.

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