6. April 2018

Welttag der Roma

"Wir sind Bürger zweiter Klasse"

Bis heute werden Roma abfällig als "Zigeuner" bezeichnet und mit Armut, Müll und Kriminalität in Verbindung gebracht. An ihre jahrhundertealte Diskriminierung und Verfolgung erinnert der Welttag der Roma am 8. April. Sami Dzemailovski kämpft schon lange mit dem Düsseldorfer Roma-Verein "Carmen" gegen die Vorurteile - und hat dabei die Diakonie an seiner Seite.

Sami Dzemailovski mit Zeitung

Sami Dzemailovski liest mit Interesse, was die Medien über Roma schreiben - oft bleibt ihm dabei das Lachen im Hals stecken. (Foto: Christian Carls)

Als Sami Dzemailovski in die Grundschule in Mazedonien kam, sollte er aufstehen und sich vorstellen. Stolz verkündete er damals: "Ich bin Zigeuner" – und wurde ausgelacht. "Das habe ich überhaupt nicht verstanden", erzählt der 55-jährige Rom, der heute in Düsseldorf wohnt. "Meine Familie hatte seit Generationen eine Schmiede in unserer Stadt. Wir waren angesehene Leute, aber eben auch Roma oder 'Zigeuner' wie meine Großmutter gerne betonte." Auf das Gelächter der Schulkameraden folgten Schläge auf dem Pausenhof.

1973 kam Sami Dzemailovski nach Düsseldorf in die jugoslawische Schule, weil die Eltern dort als Gastarbeiter lebten. Seine Lektion hatte er da schon gelernt und bezeichnete sich schlicht als "Mohammedaner". Zuhause sprach er mit seinen Eltern Romanes, Mazedonisch oder Türkisch, denn die Mutter gehörte zu den türkischsprachigen Roma in Mazedonien. Schnell lernte der kleine Sami, dass es auch unter den Gastarbeitern in Deutschland eine Art "Ranking" in der Beliebtheit gab – und Roma ganz unten standen.

Gruppenbild

Sich wehren oder schweigen? Sami Dzemailovski mit selbstbewussten jungen Roma, die boxen.

Angst, sich als Roma zu "outen"

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. 2016 gaben sechs von zehn deutschen Bürgern laut einer Studie der Heinrich-Böll-Stiftung an, sie hätten ein Problem mit Roma in ihrer Nachbarschaft. Rund die Hälfte fand, Roma sollten aus den Innenstädten verbannt werden, weil sie betteln und stehlen würden. Mit dem Begriff "Armutszuwanderer" sind in Deutschland vor allem Roma gemeint. Dabei führen viele der schätzungsweise rund 500.000 Roma, die nach Deutschland immigriert sind, ein bürgerliches Leben mit Jobs, Wohnung und Kleinfamilie. So wie Sami Dzemailovski.

"Mir erzählen Eltern, dass ihre Kinder ausgegrenzt werden, wenn sie sich als Roma outen", sagt er. Sie werden gehänselt, gemieden, erhalten schlechtere Schulnoten und bekommen nur schwer einen Ausbildungsplatz. Seine beiden Söhne stehen offen zu ihrer Herkunft, seit sie studieren. Doch als sein jüngerer Sohn eine Banklehre machte, verschwieg auch er, dass er zu den Roma gehört.

Fußballspieler

Als nationale Minderheit nehmen die Roma im Fußball an WM-Qualifikationsländerspielen teil.

 

Bürger zweiter Klasse

Zwischen acht und zwölf Millionen Roma leben in der Europäischen Union. Genau weiß es niemand, denn viele geben ihre Herkunft aus Angst vor Diskriminierung nicht an. Die meisten Roma in Deutschland stammen aus den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens. Grundsätzlich sind die deutschen Sinti und Roma in der Bundesrepublik als nationale Minderheit anerkannt und genießen damit staatlichen Schutz. Das aber schützt sie nicht vor einer Abschiebung in die südosteuropäischen Länder. "Mit allen gibt es Rückführungsabkommen, obwohl die Roma fast überall diskriminiert oder sogar verfolgt werden", kritisiert Sami Dzemailovski.

In Bosnien dürften sie keine politischen Ämter bekleiden, in Tschechien wohnten sie oft in heruntergekommenen Ghettos ohne Strom und Wasser und in Rumänien und Bulgarien besuchten viele nur zwei bis drei Jahre die Schule, berichtet der Düsseldorfer Rom. Um auf die prekäre Situation seiner Bevölkerungsgruppe aufmerksam zu machen und die vielen Vorurteile zu entkräften, gründete Dzemailovski 1991 den Roma-Verein "Carmen". "Wir haben keine Lobby und sind Bürger zweiter Klasse", betont er. "Das muss sich endlich ändern."

Gruppenfoto

Hoher Besuch im Verein "Carmen": NRW-Staatssekretärin Serap Güler informierte sich über die Roma in Düsseldorf.

Junge Roma als Vorbilder

Seit 27 Jahren ist der 55-jährige Rom für seinen Verein in Schulen und Beratungsstellen unterwegs. Er hat Diskussionsveranstaltungen, Theaterstücke und Sportevents organisiert, mit Politikern in Deutschland und der EU gesprochen und Projekte wie "Junge Roma aktiv" angestoßen. Dabei arbeitete der Verein eng mit dem Jugendmigrationsdienst der Diakonie Düsseldorf zusammen. In seinen Räumen trifft er sich jede Woche. "Wir haben jungen Roma beim Übergang von der Schule in den Beruf geholfen", erzählt Dzemailovski. "Viele machen jetzt eine Ausbildung oder ein Studium und sind damit Vorbilder für andere."

Für Zugewanderte sei es oft schwierig, das komplexe deutsche Bildungssystem zu verstehen, meint er. Und spricht dabei aus eigener Erfahrung. Dzemailovski wollte Abitur machen, wusste aber nicht, wie das nach seinem Hauptschulabschluss möglich war. Also zog er zurück zu seinen Großeltern nach Jugoslawien, machte dort Abitur und studierte Deutsch und Literatur. 1989 kam er nach Düsseldorf zurück. Doch hier wurde sein Studium nicht anerkannt.

Sami Dzemailovski mit Kanzlerin Angela Merkel

Sami Dzemailovski beeindruckt Frauen auch ohne Gitarre. Der Schnappschuss mit Kanzlerin Angela Merkel entstand auf dem Integrationsgipfel 2014.

Klischee vom musikalischen Zigeuner

Also arbeitete Dzemailovski im Kiosk und Imbiss seiner Eltern mit, kellnerte, jobbte im Lager und machte schließlich eine kaufmännische Ausbildung. Nebenbei engagierte er sich intensiv im Verein "Carmen". Er heiratete eine Frau, die ebenfalls zu den Roma gehört – und das genauso wenig verschweigt wie er. Obwohl sie als Haushaltshilfe allen Grund dazu hätte, denn das Vorurteil, Romafrauen würden stehlen, hält sich hartnäckig. "Wenn Düsseldorfer Familien wüssten, wie viele Roma 'under cover' in ihren Haushalten arbeiten, würden sie sich wundern", schmunzelt Dzemailovski.

Und noch ein Klischee kann er entkräften: Nicht jeder Rom ist musikalisch und spielt Geige oder Gitarre. "Ich beherrsche leider kein Instrument und kann auch nicht singen", sagt er, fügt aber augenzwinkernd hinzu: "Ehrlich gesagt, hätte ich schon gerne mit der Gitarrre die Herzen der Frauen erobert."

Text: Sabine Damaschke, Copyright der Fotos: Sami Dzemailovski und Ruppert Warren

Aus Anlass des Welt-Roma-Tages lädt der Jugendmigrationsdienst der Diakonie Düsseldorf gemeinsam mit "Carmen e.V."  am 12. April zu einer Informations- und Diskussionsveranstaltung zum Thema "Roma 2018" ein. 

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Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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