21. März 2018

Welttag gegen Rassismus

Mit Postkarten für Vielfalt und Menschenrechte

Am heutigen Welttag gegen Rassismus setzt die Diakonie RWL gemeinsam mit der Diakonie Düsseldorf ein Zeichen. Sie hat eine Postkartenaktion gestartet, mit der sie für Vielfalt und Menschenrechte wirbt. Die bunten und kreativ gestalteten Karten sollen zum Nachdenken und Schmunzeln anregen. Sie liegen in den 32 Integrationsagenturen der Diakonie RWL, diakonischen Einrichtungen und Düsseldorfer Kneipen aus. 

Drei Frauen halten Postkarten hoch

Gemeinsam stark für Vielfalt und Menschenrechte: Heike Kasch, Aynur Tönjes und Susanna Thiel (v.l.)

Die Idee zu der ungewöhnlichen Aktion hatten Susanna Thiel, Diakonie RWL-Flüchtlingsreferentin und Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit, Heike Kasch von der Integrationsagentur der Diakonie Düsseldorf und Aynur Tönjes vom Projekt "Bilder im Kopf" der Diakonie Düsseldorf. Die drei Expertinnen beschäftigen sich schon länger mit Rassismus. Einem gesellschaftlichen Phänomen, das  – so betonen sie im Gespräch – in den letzten drei Jahren deutlich zugenommen hat.

Portrait

Wirklich eine Pfeife? Susanna Thiel mit der Postkarte, bei der Betrachter um die Ecke denken müssen 

Sie haben rund 9.000 Postkarten mit drei unterschiedlichen Motiven in Umlauf gebracht. Was war Ihnen dabei wichtig?

Susanna Thiel: Mit unseren Postkarten wollen wir erkennbar Position gegen Rassismus und Rechtsextremismus beziehen, aber dies auf eine prägnante, kreative und humorvolle Weise tun. Leute sollen sie mitnehmen, weil ihnen Inhalt und Design gefällt und sie diese Karten zuhause an ihre Pinnwand heften oder an Freunde schicken wollen. Dabei haben wir das plakative Wortspiel "Menschenrechte statt rechte Menschen" wie ein gelbes Warnschild gestaltet. Vor dem Hintergrund eines Irrgartens fordern wir dazu auf: "Sei kein Mitläufer". Und für all jene, die gerne quer denken, gibt es noch die Postkarte mit der Darstellung einer Pfeife, wie sie auf einem berühmten Gemälde René Magrittes zu sehen ist. Dort spielt der französische Maler mit der Illusion von Bildern. Rassismus ist für uns auch ein Bild, das Menschen über andere Menschen im Kopf haben, das aber mit der Realität nichts zu tun hat.

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"Menschenrechte statt rechter Menschen": Heike Kasch präsentiert die Postkarte, die an ein Warnschild erinnert 

Mit dem Internationalen Tag gegen Rassismus können viele Menschen hierzulande nicht so viel anfangen, denn sie meinen, der deutsche Rassismus der Nazi-Zeit sei längst überwunden. Was erleben Sie?

Heike Kasch: Beim Thema Rassismus kommt es oft zu einer Abwehrhaltung. Tatsächlich verbinden viele Menschen in Deutschland damit die Apartheit in den USA oder Südafrika und die deutschen Rassegesetze aus der NS-Zeit. Sie betonen dann gerne, diese Zeiten seien ja wohl vorbei. Studien und meine Erfahrungen zeigen aber, dass es in unserem Alltag viel Rassismus gibt. Seit dem Erstarken der AfD und rechter Bewegungen berichten mir viele, dass sie offene Feindseligkeit erleben. Sie werden diskriminiert, verspottet und beschimpft. Es gibt aber auch einen "positiven Rassismus", der freundlich daherkommt, doch hinter dem die vermeintliche Überlegenheit Weißer gegenüber Menschen mit dunkler Hautfarbe steckt.

Das sollten Sie näher erklären.

Heike Kasch: Immer wieder werden Menschen mit dunkler Hautfarbe gefragt, wo sie denn herkommen. Und wenn sie dann antworten, dass sie aus dieser oder jener deutschen Stadt kommen, weil sie dort aufgewachsen sind und sich als Deutsche verstehen, dann wird das nicht akzeptiert und die Leute fragen weiter. Sie greifen schwarzen Frauen einfach in ihre geflochtenen Zöpfe, um zu wissen, "wie sich das anfühlt" oder streicheln die Haare ihrer Kinder. Das ist respektlos und übergriffig. Für mich ist es Ausdruck eines Machtgefälles.

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Aynur Tönjes fordert mit der Postkarte dazu auf, kein "Mitläufer" zu sein

Frau Tönjes, erleben Sie diesen "positiven Rassismus" auch in Ihrer Arbeit für das Projekt "Bilder im Kopf"? Sie suchen in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur nach antirassistischen Büchern, die Vielfalt positiv darstellen und empfehlen diese Bücher dann Fachkräften in Kita oder Schule.

Aynur Tönjes: In der Tat werben viele Kinder- und Jugendbücher damit, dass sie für Antirassismus und Toleranz stehen. Aber da müssen wir genau hinsehen. Häufig geht es in den Büchern um ein Kind, das aufgrund seiner Hautfarbe oder Religiosität nicht dazu gehört und zum Opfer stilisiert wird. Dann findet es Weiße, die ihm helfen, in dieser Mehrheitsgesellschaft akzeptiert zu werden. Vielfalt wird leider nicht als Normalität dargestellt. Bücher, die positiv und selbstverständlich mit Vielfalt umgehen, sind nicht einfach zu finden.

Sie alle versuchen, für Alltagsrassismus zu sensibilisieren – sei es im Umgang mit Büchern, in Trainings oder eben auch mit dieser Postkartenaktion. Wie erfolgreich sind Sie damit?

Susanna Thiel: Ich beobachte durchaus eine Offenheit für das Thema. Viele Menschen sehen mit Sorge, dass Rassismus, Antisemitismus und Fremdenhass in Europa wieder offen geäußert wird. Sie erleben, wie Menschen mit dunkler Hautfarbe in aller Öffentlichkeit verspottet und beschimpft werden. Und sie fragen sich, wie sie selbst couragierter Position für Menschenfreundlichkeit in diesem Land beziehen können. Dazu ermutigen wir in der Diakonie unter anderem mit diesen Postkarten.

Gelbe Postkarte

Eigene Vorurteile überprüfen, die Menschenrechte im Blick behalten - dazu will die Postkartenaktion ermutigen

Aynur Tönes: Aber uns ist auch wichtig, dass wir uns alle beim Thema Rassismus fragen, welche Vorurteile wir im Kopf haben und wo wir uns – oft auch unbewusst - überlegen fühlen und anderen vermitteln, dass sie "nicht richtig" sind. Denn das ist der Kern jedes Rassismus. Und wer dauerhaft damit konfrontiert ist, dass andere ihn oder sie für "nicht richtig" halten - sei es aufgrund der Hautfarbe, Religion oder Herkunft -, kann daran richtig krank werden. Das dürfen wir nicht zulassen.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke. Fotos: Sabine Damaschke

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Susanna Thiel
Servicegruppe Flucht
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