30. Juli 2018

Welttag gegen Menschenhandel

Aus dem Elend in die Sklaverei

Menschenhandel – das klingt nach einem Relikt aus vergangenen Tagen. Doch das Geschäft mit der Handelsware Mensch ist der weltweit am stärksten wachsende Kriminalitätsbereich. Darauf macht der heutige Welttag gegen Menschenhandel aufmerksam. Diakonie RWL-Referentin Lara Salewski erklärt, warum die "moderne Sklaverei" für die Diakonie zunehmend zum Thema wird und wo es Unterstützung für die Opfer gibt.

Portrait

Lara Salewski berät bei der Diakonie RWL sieben evangelische Frauenhäuser.

Der Begriff "Menschenhandel" wird heute gerne im Zusammenhang mit Prostitution, Leiharbeit oder Schleppern verwendet. Doch was genau ist damit gemeint?

Häufig entspricht unser Alltagsverständnis von Menschenhandel nicht dem rechtlichen Begriff. Es geht nicht nur um sehr schlechte Arbeitsbedingungen, sondern um physische und psychische Gewalt, Täuschung, Erpressung und Drohung, mit der Menschen zur Ausübung von ausbeuterischen Dienstleistungen oder Tätigkeiten gezwungen werden. Dazu zählt die sexueller Ausbeutung in der Prostitution, die Arbeitsausbeutung, der Zwang zu Bettelei oder strafbaren Handlungen wie Diebstahl, EC-Kartenbetrug und Drogenhandel. Aber auch das Geschäft mit der Organentnahme fällt darunter. Menschenhandel ist eine Straftat und eine schwere Menschenrechtsverletzung, die oft grenzüberschreitend geschieht.

Die Vereinten Nationen schätzen, dass weltweit rund zwölf Millionen Menschen in einer modernen Form der Sklaverei leben. Andere Organisationen sprechen von rund 40 Millionen Menschen. Wie kommen diese unterschiedlichen Zahlen zustande?

Die Datenlage zum internationalen Ausmaß des Menschenhandels ist sehr lückenhaft, das Dunkelfeld enorm hoch. Die Zahlen aus der polizeilichen Statistik sind niedrig, denn viele Fälle kommen nicht zur Anzeige. Im Jahr 2016 hatten wir in Deutschland nur 488 abgeschlossene Verfahren im Bereich Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung, im Bereich Arbeitsausbeutung waren es sogar nur 48.

Das Team der Mitternachtsmission Dortmund hat zunehmend mit Prostituierten zu tun, die Opfer von Menschenhandel wurden. 

Daher sind die Organisationen auf Schätzungen angewiesen, die stark variieren – je nachdem, wie weit oder eng die Definition von Menschenhandel gehandhabt wird. Es gilt aber als unbestritten, dass der Menschenhandel weltweit der am schnellsten wachsende Kriminalitätsbereich ist.

Für mich sagen die Zahlen der Beratungsstellen viel aus. Allein die Dortmunder Mitternachtsmission hatte im Jahr 2016 341 Klientinnen, die Opfer von Menschenhandel waren. Daran wird schon deutlich, dass es sehr viele Betroffene geben muss.

Also hat auch die Diakonie zunehmend mit Menschen zu tun, die Opfer von Menschenhandel wurden. Ist das allen Fachkräften bewusst?

Zum Teil sicherlich. Beratungsstellen wie die Dortmunder Mitternachtsmission oder die Frauenberatungsstelle Nadescha machen gute Öffentlichkeitsarbeit und sind gut vernetzt. Opfer von Menschenhandel begegnen uns in vielen diakonischen Arbeitsfeldern, in der Notaufnahme von Krankenhäusern, Migrationsberatung, Bahnhofsmission oder Straffälligenhilfe. Doch weil sie ihr Leid nicht offen ansprechen, wird es häufig nicht erkannt. Wir brauchen eine breite Sensibilisierung für das Thema, damit unsere Fachkräfte es im Blick haben und wissen, wohin sie in solchen Fällen vermitteln können.

Wo gibt es denn solche Anlaufstellen?

Ein wichtiges Netzwerk ist der deutschlandweite Koordinierungskreis gegen Menschenhandel e.V., in dem die Diakonie neben 37 weiteren Organisationen Mitglied ist. Der Koordinierungskreis hilft mit Informationen, vermittelt aber auch konkrete Unterstützung durch spezialisierte Fachberatungsstellen. Leider fehlt in Deutschland, aber auch europaweit ein flächendeckendes Netzwerk. Die Stellen, die Opfern von Menschenhandel helfen, sind personell und finanziell nicht gut ausgestattet, insbesondere in ländlichen Regionen. Das muss sich angesichts der gestiegenen Klientinnenzahlen dringend ändern.

Die Initiative "Willkommen Europa" hilft EU-Bürgern, die auf dem deutsche Arbeitsmarkt ausgebeutet werden.

Hat die Diakonie beim Thema Menschenhandel überwiegend Frauen im Blick?

Wenn wir den Bereich der sexuellen Ausbeutung ansehen, haben wir es überwiegend mit Frauen und Mädchen zu tun. Bei der Arbeitsausbeutung betrifft es Männer und Frauen ungefähr gleichermaßen. Leider haben wir in diesem Bereich noch viel zu wenige Beratungsangebote. Aus NRW wissen wir, dass die Betroffenen fast alle aus osteuropäischen oder asiatischen Ländern kommen. Sie arbeiten für einen Hungerlohn oder nur gegen Kost und Logis in der Bau- und Reinigungsbranche, Gastronomie, Haushalt, Pflege oder fleischverarbeitenden Industrie.

Viele wurden in ihren Herkunftsländern mit falschen Versprechungen eines guten Verdienstes angelockt. Manche haben einen Arbeitsvertrag unterschrieben, an den dann ihre Aufenthaltsgenehmigung geknüpft ist. Andere sind illegal hier und arbeiten schwarz, was strafbar ist. Alle haben Angst davor, sofort in ihr Herkunftsland abgeschoben zu werden, wenn sie ihren Arbeitgeber anzeigen. Sie ertragen die Ausbeutung, weil sie das Elend zuhause als noch größer empfinden.

Gibt es für die Opfer von Menschenhandel denn keinen Schutz vor Abschiebung?

Doch, theoretisch gibt es Aufenthaltstitel, die Opfer von Menschenhandel in Anspruch nehmen können. Das System ist aber sehr kompliziert und so brauchen die Betroffenen die Unterstützung von Fachberatungsstellen, um ihre Rechte durchsetzen zu können. Es gibt zum Beispiel eine dreimonatige Bedenk- und Stabilisierungsfrist, die allen Opfern von Menschenhandel zusteht.

Die Dortmunder Mitternachtsmission, bei der seit 2015 immer häufiger zwangsprostituierte Frauen aus Westafrika um Hilfe bitten, nutzt diese Zeit, um ihnen eine Unterkunft zu besorgen und sie zu Behörden zu begleiten. Die Beratungsstelle hat ein großes Netzwerk. Genau das brauchen wir, wenn wir Betroffenen helfen wollen. Opfer von Menschenhandel sind meist völlig erschöpft, verängstigt, körperlich und psychisch am Ende, wenn sie in einer Beratungsstelle ankommen. Es sind Menschen in großer Not, die häufig durch jedes Raster fallen. Deshalb sollten wir sie als Diakonie besonders im Blick haben.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke. Teaserfoto: Jutta Rotter/pixelio.de

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