9. November 2020

Welttag gegen Antisemitismus

Die Kippa unter der Baseballkappe

Der Welttag gegen Faschismus und Antisemitismus erinnert an die Novemberpogrome 1938. Wie zeigt sich Antisemitismus heute? Darüber diskutieren Michael Szentei-Heise, ehemaliger Direktor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, und Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann. Sie setzen sich in der Freien Wohlfahrtspflege NRW für eine Kultur des Miteinanders ein.

  • Mann mit Baseballkappe

Herr Szentei-Heise, sind Sie mit der Kippa auf der Straße unterwegs? Und wenn Ja, wie fühlen Sie sich dabei?

Michael Szentei-Heise: Ich persönlich bin kein religiöser Mensch. Draußen trage ich keine Kippa. Vor etwa sechs Jahren habe ich in einem Interview gesagt, dass ich keinen Stadtteil in Düsseldorf kenne, wo ich nicht mit einer Kippa hätte hingehen können. Diese Aussage musste ich vor zwei Jahren revidieren, als ein Jugendlicher mit Kippa in der Düsseldorfer Altstadt angegriffen wurde. In den letzten 10 Jahren stellen wir eine langsame und in den letzten drei Jahren eine verstärkte Zunahme von Antisemitismus fest. Die religiösen Menschen aus meiner Gemeinde, die ständig eine Kippa tragen, verstecken sie heute unter einem Hut oder einer Baseballkappe.

Sie waren 33 Jahre lang Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. In Ihrer Zeit wuchs die Düsseldorfer Gemeinde zur größten in ganz NRW heran, sie gründeten die größte Kita in Düsseldorf, eine Grundschule und das erste jüdische Gymnasium in NRW. Ist der zunehmende Antisemitismus in der jüdischen Schule ein Thema? 

Michael Szentei-Heise: In der jüdischen Grundschule und im Albert-Einstein-Gymnasium, die auch für nicht-jüdische Schüler*innen offen sind, ist die Behandlung von Antisemitismus, beispielsweise in Politik- und Gesellschaftskunde, selbstverständlich. In nicht-jüdischen Lehrinstitutionen sollte das auch auf jeden Fall behandelt werden. Die Frage ist aber, ob die Aufklärung der Lehrerinnen und Lehrer oder der latente Antisemitismus aus dem Elternhaus langfristig überwiegen wird. Das ist eine Konkurrenzsituation. Ist der Lehrer schlecht motiviert, dann wird die Aufklärung nicht klappen. 

Gegen strukturellen Rassismus. Für eine Landesantidiskriminierungsstelle NRW.

Mit einer Landesantidiskriminierungsstelle NRW könnten wir den strukturellen Rassismus in unser Gesellschaft erheblich schwächen, sagt Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann.

Herr Heine-Göttelmann, brauchen wir in allen Schulen des Landes mehr politische Bildung über Antisemitismus?

Christian Heine-Göttelmann: Bildung ist nicht nur eine der stärksten Maßnahmen gegen Antisemitismus, sondern gegen jegliche Art von Ausgrenzung. Die Aufklärung in der Schule über Rechtsextremismus ist unentbehrlich. Trotz unserer Geschichte gibt es Menschen in unserer Gesellschaft mit zahlreichen Vorurteilen gegen andere Religionen und Gruppen.

Mir bereitet der zunehmende Rassismus in unserer Gesellschaft Sorgen. Gegen diesen müssen wir strukturelle Hilfe anbieten. Gemeinsam mit der Freien Wohlfahrtspflege NRW haben wir uns für eine Antidiskriminierungsstelle des Landes im Landtag eingesetzt. Diese Stelle hätte durch Forschung, Präventions-Konzepte und landesweite Kampagnen die rechtliche und institutionelle Kraft, um Polizei, Ämter, Wohnungsmarkt und Gewerbe zu erreichen. Diese erreichen wir in der Wohlfahrt nicht. Gemeinsam mit ihr, den 190 Integrationsagenturen und unseren Servicestellen für Antidiskriminierungsarbeit in NRW, könnten wir den strukturellen Rassismus erheblich schwächen. 

"Für Corona gibt es keine einfache Erklärung", sagt Christian Heine-Göttelmann.

"Für Corona gibt es keine einfache Erklärung", sagt Christian Heine-Göttelmann. (Foto: pixabay)

Wie denken Sie über die vermehrte Angst und Einsamkeit in der Corona-Pandemie – Ist unsere Gesellschaft zu schwach, um sich gegen rechtsradikale und verschwörungstheoretische Gedanken zu wehren?

Michael Szentei-Heise: Verschwörungstheoretiker eint ihr Antisemitismus. Für sie hat der Jude an der Pandemie Schuld. Sie übersehen, dass Israel mit die stärksten Corona-Einschränkungen hatte. Das ist Blind- und Dummheit. 

Christian Heine-Göttelmann: Gibt es in der Gesellschaft Spannungen, folgt auch immer das Phänomen, dass Menschen sich einfache Lösungen und einen Schuldigen suchen. Für Corona gibt es keine einfache Erklärung. Eine Krise ist ein Nährboden für Verschwörungstheoretiker, bei der Feindbilder, die antisemitisch sein können, abgerufen werden. 

"Wir als soziale Verbände und Kirche müssen gegen Antisemitismus wirken", betont Christian Heine-Göttelmann.

"Wir als soziale Verbände und Kirche müssen gegen Antisemitismus wirken", betont Christian Heine-Göttelmann. (Foto: pixabay)

Was hilft Ihnen in der Krise – angesichts der Pandemie und dem zunehmenden Antisemitismus?

Michael Szentei-Heise: Den Optimismus vom Anfang meiner Arbeit habe ich über Jahrzehnte aufgebraucht. Letzten Sommer hat die AfD in Thüringen über 23 Prozent erreicht. Meine Prognose: 2021 wird es noch keine Regierungsbeteiligung der AfD in der Bundesregierung geben. Aber spätestens 2025 ist das möglich. Spätestens dann sollten die 130.000 Jüdinnen und Juden in Deutschland massiv über das Auswandern nachdenken. Momentan zerfleischt sich die AfD noch selbst, so dass es 2025 nicht dazu kommen könnte. Die Gesamttendenz ist aber verheerend.

Christian Heine-Göttelmann: Ich finde es erschreckend, wenn über Flucht nachgedacht wird, wie es Herr Szentei-Heise berichtet. Die Jüdische Gemeinde ist hier ein wichtiger Seismograf. Wir als soziale Verbände und Kirche müssen gegen strukturellen Rassismus, gegen Antisemitismus wirken, um dieses Szenario einer Flucht zu verhindern. Als religiöser Mensch ziehe ich meine Kraft aus der Erinnerung an die Hoffnung. Die Idee der Nächstenliebe prägt und trägt mich. Auch in der Pandemie. Normalerweise schöpfen wir unsere Hoffnung durch Gemeinschaft, was aktuell durch die notwendigen Kontaktbeschränkungen beschnitten wird. Aber ich glaube, dass Familie und Digitalisierung uns helfen, in dieser Krise die Verbindung zu halten. 

Für eine flächendeckende und finanziell besser ausgestattete Antidiskriminierungsarbeit in NRW.

Michael Szentei-Heise will eine flächendeckende und finanziell besser ausgestattete Antidiskriminierungsarbeit in NRW. (Foto: pixabay)

Was würden Sie sich von der Landesregierung in Bezug auf die Antidiskriminierungsarbeit in NRW wünschen?

Michael Szentei-Heise: In Düsseldorf haben wir eine Antidiskriminierungsstelle. Hier können sich Menschen melden, die Erfahrungen mit Antisemitismus gemacht haben und sich Rat und Hilfe holen. Die Antidiskriminierungsarbeit ist hier proaktiv in Schulen und Bildungsinstituten unterwegs. Sie spricht junge Menschen an, um über Vorurteile zu sprechen und sich mit negativen Einschätzungen über Minderheiten auseinanderzusetzen. Davon bräuchten wir im ganzen Land flächendeckend mehr. 
Vergangenen Herbst hat das Schulministerium eine pädagogische Kraft für diese Arbeit eingestellt. Das ist zu wenig. Diese Arbeit braucht mehr Geld, um eine breite Bildungsarbeit im ganzen Land  effektiv anzustoßen. 

Christian Heine-Göttelmann: Dem schließe ich mich an. Wir bräuchten vom Land mehr Pragmatismus und Engagement – besonders in der Antidiskriminierungsarbeit bei Polizei und Ämtern.

Das Interview führte Christoph Bürgener. Fotos: Pixabay, Shutterstock.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Christiane Grabe

Migration und Flucht

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Die Reichspogromnacht in NRW:

In der Nacht vom 9. auf 10. November 1938 wurden auf Befehl der Nationalsozialisten überall im Land Synagogen in Brand gesetzt und jüdische Bürgerinnen und Bürger misshandelt, verschleppt und ermordet. Die Nationalsozialisten setzten zahlreiche Synagogen in Brand und zerstörten Wohnungen, Geschäfte und Büros. Eine Studie geht für das Gebiet des heutigen NRW von mindestens 131 Opfern aus, die in oder nach der Pogromnacht durch Misshandlungen zu Tode kamen. Die tatsächliche Zahl liegt vermutlich höher.