26. Juli 2018

Verstärkung der Abschiebungs-Beobachtung

Doppelter Blick auf die Menschenrechte

Die Abschiebungsbeobachterin der Diakonie RWL, Dalia Höhne, hat Verstärkung bekommen. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Elena Vorlaender achtet sie bei Rückführungen auf die Einhaltung der Menschenrechte. Die personelle Aufstockung ist bitter nötig, denn kein anderes Bundesland schiebt so viele Flüchtlinge ab wie NRW. Innerhalb von sechs Jahren sind die Abschiebungen vom Düsseldorfer Flughafen um das Vierfache gestiegen.

Portrait

Sehnsuchtsort Flughafen - Wo andere sich auf den Urlaub freuen, begleitet Elena Vorlaender Menschen, die in ihre Heimat zurückkehren müssen.

Auf dem Weg zu ihrem Büro muss sich die neue Abschiebebeobachterin der Diakonie RWL in diesen Tagen durch die volle Abflughalle des Düsseldorfer Flughafens schlängeln, vorbei an aufgeregten, fröhlichen Urlaubern mit farbenfrohen Hüten und bunten Koffern. In den Sommerferien ist die Freude auf eine Reise in ferne Länder besonders zu spüren. Der Kontrast zu dem, was Elena Vorlaender seit dem frühen Morgen erlebt hat, könnte kaum größer sein.

Nicht weit von den langen Schlangen in der Abflughalle entfernt, hat sie in einem gesonderten Bereich des Flughafens eine Sammelabschiebung mit knapp 100 Betroffenen begleitet. Seit Juni unterstützt Elena Vorlaender die Abschiebungsbeobachterin der Diakonie RWL, Dalia Höhne. Fünf Sammelabschiebungen hat sie bislang erlebt. "Die Atmosphäre ist bedrückend", sagt sie. "Viele Menschen sind sehr angespannt. Manche weinen, andere wirken wie erstarrt, wieder andere reagieren mit Widerstand."

Vorlaender vor Poster "Asyl ist Menschenrecht"

Das Poster an der Bürotür drückt aus, was Elena Vorlaender wichtig ist.

Migration und Menschenrechte als Thema

Kein leichter Job für die 25-jährige Sozialarbeiterin, die vorher beim Deutschen Roten Kreuz in der stationären Jugendhilfe gearbeitet und unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut hat. Neben ihrer halben Stelle als Abschiebungsbeobachterin macht sie noch ihren Master in "Empowerment-Studies" mit entwicklungspolitischem Schwerpunkt. Migration und Menschenrechte sind ihre Themen, seit sie nach dem Abitur einen Freiwilligendienst in Gambia absolviert hat. Auch in Marokko hat Elena Vorlaender schon einige Monate gelebt und dort mit benachteiligten Kindern gearbeitet.

Jede Woche erwartet sie nun im Durchschnitt eine Sammelabschiebung. Vom Düsseldorfer Flughafen gehen sie meist in die Westbalkanstaaten, nach Georgien oder Subsahara-Afrika. Nach Afghanistan wird deutschlandweit etwa einmal im Monat von verschiedenen Flughäfen abgeschoben. Hinzu kommen zahlreiche Einzelabschiebungen. Insgesamt wurden 2017 über den Flughafen Düsseldorf 4.845 Menschen in ihre Herkunftsländer zurückgeführt. Vor sechs Jahren, als Dalia Höhne ihre Stelle antrat, waren es rund 1.200.

Am Bürotisch vor einem Aktenordner

Elena Vorlaender und Dalia Höhne dokumentieren Missstände, die sie bei Abschiebungen beobachten.

Humanitäre Standards im Blick

Als unabhängige Beobachterinnen achten Dalia Höhne und Elena Vorlaender mit einem Stellenumfang von insgesamt 150 Prozent bei Abschiebungen auf die Einhaltung humanitärer Standards. Ein anspruchsvoller Job, der für Dalia Höhne alleine immer schwerer zu bewältigen war. In diesem Jahr stimmten das Landesintegrationsministerium und die Bundespolizei endlich einer Stellenausweitung zu. Damit ist NRW nun am besten aufstellt. Zwar gibt es auch in Frankfurt zwei unabhängige Beobachterinnen, aber auf zwei halben Stellen. In Hamburg arbeitet ein Beobachter, in Berlin jeweils eine Beobachterin.

Wenn Dalia Höhne und Elena Vorlaender einen Verstoß gegen die Standards bei Abschiebungen feststellen, melden sie dies dem "Forum Flughäfen in NRW". Diesem Gremium gehören neben der Diakonie RWL noch die evangelische und katholische Kirche, weitere Nicht-Regierungsorganisationen wie Amnesty International, UNHCR sowie das NRW-Integrationsministerium, die Bundespolizei und die Zentralen Ausländerbehörden an.

Höhne vor einer Weltkarte

Perspektivwechsel - Dalia Höhne hat einen anderen Blick auf Abschiebungen als manche Ausländerbehörde.

Hauptsache zurück – trotz Krankheit

Seit 2016 mehren sich die Fälle, über die sie das Forum informiert. Immer wieder kommt es vor, dass offensichtlich schwerkranke und hochgradig traumatisierte Flüchtlinge oder hochschwangere geflüchtete Frauen abgeschoben werden sollen. Familien wurden voneinander getrennt, weil sich einzelne Familienmitglieder zum Zeitpunkt der Abschiebung im Krankenhaus befanden. "Bei der Umsetzung der Rückführungen am Flughafen habe ich keine unverhältnismäßig groben Behandlungen seitens der Behördenvertreter vor Ort erlebt", sagt Dalia Höhne. "Aber im Vorfeld trafen manche Ausländerbehörden Entscheidungen, die ich für problematisch halte."

Rückführungen können die Abschiebungsbeobachterinnen nicht verhindern, aber sie machen auf Missstände aufmerksam und vermitteln zwischen allen Beteiligten. So hat Dalia Höhne schon dafür gesorgt, dass Betroffene noch dringend benötigte Medikamente oder Koffer erhielten, die in der Aufregung der Abschiebung vergessen worden waren. Kindern, die ohne Schuhe am Flughafen ankamen, wurden noch welche gekauft.

Die Abschiebungsbeobachterinnen geben den Menschen Adressen von sozialen Organisationen, die ihnen im Zielland weiterhelfen können. In Einzelfällen kann auch ersatzweise ein Handgeld in Höhe von bis zu 50 Euro an Betroffene ausgezahlt werden, die mittellos sind und kein Geld bei sich haben.

Gruppenfoto vor Flughafen

Zusammen behalten Dalia Höhne und Elena Vorlaender einen besseren Überblick.

Vier Augen sehen mehr als zwei

"Bei diesen Sammelabschiebungen passiert oft viel auf einmal", berichtet Elena Vorlaender. "Da wir keine Akteneinsicht haben, bekommen wir unsere Informationen erst vor Ort, was die Identifizierung problematischer Fälle erschwert." Es sei nicht allzu viel, was sie für die Menschen tun könnten, betont die Sozialarbeiterin. "Eine Abschiebung ist immer eine Zwangsmaßnahme und von daher für alle belastend. Viele interpretieren sie als persönliches Scheitern und habe Sorge, ihre Familien zu enttäuschen." Doch allein die Frage, ob sie Unterstützung benötigten und das aufmerksame Zuhören trügen dazu bei, dass sie sich besser fühlten.

"Außerdem sehen vier Augen mehr als zwei", ergänzt Dalia Höhne. "Das macht unsere Beobachtung glaubwürdiger und damit objektiver und unabhängiger." Was sie täglich hinter den schönen Urlaubskulissen des Flughafens sehen, ist eine andere Reisegeschichte, die ebenfalls dokumentiert und erzählt werden muss.

Text und Fotos: Sabine Damaschke

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Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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