12. März 2019

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Viele nutzen ihre Chancen

Im Sommer der Migration kamen sie in Scharen nach Deutschland, die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, liebevoll "UMFs" abgekürzt. Viele sind in Wohngruppen der diakonischen Jugendhilfe betreut worden. Sie haben Deutsch gelernt und sich besser integriert als in den aufgeregten öffentlichen Debatten vermutet wurde. Ein Rückblick.

Junge Flüchtlinge in einer Wohngruppe

In Wohngruppen der diakonischen Jugendhilfe wurden viele UMF betreut. Was ist aus ihnen geworden? (Foto: Diakonie Deutschland)

Weltweit sind Jahr für Jahr fast 66 Millionen Menschen auf der Flucht. Mehr als die Hälfte davon sind laut UN-Flüchtlingshilfe Kinder und Jugendliche. Als ab 2014 die Zahl der nach Deutschland Geflüchteten kontinuierlich anstieg, reisten auch Minderjährige in großer Zahl ein. Der Höchststand wurde im Februar 2016 erreicht, damals befanden sich 60.638 unbegleitete Minderjährige in der Zuständigkeit der Kinder- und Jugendhilfe.

Jetzt hält der neueste "Bericht über die Situation unbegleiteter ausländischer Minderjähriger in Deutschland" von September 2018 fest: "Die Anzahl der (vorläufig) in Obhut genommenen unbegleiteten ausländischen Minderjährigen sinkt kontinuierlich." Wurden im Dezember 2016 noch 1.306 Kinder und Jugendliche vorläufig in Obhut genommen, waren es im Januar 2018 nur noch 557. Und dieser Trend setzt sich fort.

Kinder und Jugendliche fliehen genauso vor dem Krieg in ihren Herkunftsländern wie Erwachsene.

Minderjährige auf der Flucht

Es sind mit gut 90 Prozent eher Jungen als Mädchen, die sich auf den mühevollen Fluchtweg machen. Die 16- und 17-Jährigen stellen die größte Altersgruppe. Die meisten Kinder und Jugendlichen, die 2017 nach Deutschland eingereist sind, stammen aus Afghanistan, Eritrea und Somalia. Junge Menschen fliehen aus denselben Gründen wie Erwachsene, sie fliehen vor Krieg, Verfolgung und Unterdrückung. Hinzu kommen oft kinderspezifische Fluchtgründe wie Kinderprostitution, Rekrutierung als Kindersoldaten oder drohende Genitalverstümmelung. Während ihrer Flucht sind Jugendliche, die sich allein durchschlagen, besonderen Gefahren ausgesetzt.

Nach ihrer Ankunft in Deutschland brauchen sie vor allem Schutz, sichere und gute Unterbringung, gesundheitliche Versorgung, Sprachkurse und Schulbildung. Die Lebensgeschichten der jungen Geflüchteten sind sehr heterogen. Die Allermeisten sind hoch motiviert, brauchen oft aber besondere Hilfen, etwa um Deutsch zu lernen oder um Traumata zu bewältigen. Von hoher Bedeutung ist auch ein sicherer Aufenthaltsstatus.

Flüchtlingsmädchen an der Tafel

In Deutschland gilt die Schulpflicht – auch für geflüchtete Kinder und Jugendliche.

"Verbesserung der Unterbringung und Betreuung"

Der deutsche Sozialstaat ist ganz wesentlich ein Staat der Sozialgesetze. Das gilt auch hier. Für die unbegleiteten Minderjährigen trat schon am 1. November 2015 das "Gesetz zur Verbesserung der Unterbringung, Versorgung und Betreuung ausländischer Kinder und Jugendlicher" in Kraft. Ziel des Gesetzes ist es, so der zitierte Bericht, "durch ein am Kindeswohl ausgerichtetes Verteilverfahren eine bedarfsgerechte Unterbringung, Versorgung und Betreuung von unbegleiteten ausländischen jungen Menschen in ganz Deutschland sicherzustellen".

In Nordrhein-Westfalen leben mehr als 21 Prozent der jungen Geflüchteten. Den Vorrang des Kindeswohls insgesamt sichert das Achte Sozialgesetzbuch. Kinder und Jugendliche, die als UMFs nach Deutschland gekommen sind, haben dieselben Rechte und Ansprüche auf Hilfe wie alle Gleichaltrigen, die immer schon in Deutschland leben. Und natürlich gilt auch die Schulpflicht.

Gruppenfoto Familie Temme

Regina und Martin Temme aus Düsseldorf haben die beiden UMF Mahdi (links) und Ali aufgenommen. (Foto: Sabine Damaschke)

Jugendhilfe am Limit

Nur ganz wenige UMFs kamen in Gastfamilien, Pflegefamilien oder bei Verwandten unter – gut 90 Prozent fanden einen Platz in den Wohngruppen der Jugendhilfe. Für die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge konnte viel erreicht werden. Aus den Jugendlichen, die zur Mitte des Jahrzehnts kamen, sind junge Volljährige geworden. Diese jungen, vom Gesetz her Erwachsenen, stellen jetzt die Mehrheit. Eine topaktuelle Zahl aus Nordrhein-Westfalen: Am 5. Februar 2019 waren von den 8.729 Hilfen für junge Geflüchtete 4.330 Hilfen für junge Volljährige.

Aus Sicht der Diakonie ist wichtig, dass auch die volljährig gewordenen Heranwachsenden mit ihrem besonderen Unterstützungsbedarf Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe erhalten. Der nüchterne, aktuelle Bericht der Bundesregierung mit seinen vielen Zahlen und Tabellen nennt auch die Knackpunkte: Die Suche nach adäquatem Wohnraum ist zu einer großen Herausforderung geworden, ebenso wie die Integration in den Arbeitsmarkt.

Oliver Nickel sitzt zu Kopf an einem Tisch mit jungen Flüchtlingen

Jugendliche in einer Wohngruppe der Graf-Recke-Stiftung (Foto: Graf Recke Stiftung)

Zwei, die es schaffen

Harun und Chinonso sind zwei junge Männer, die schon viel erreicht haben. Roelf Bleeker von der Graf Recke Stiftung in Düsseldorf hat zweimal intensiv mit ihnen gesprochen, einmal kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland Anfang 2015 und dann noch einmal gut drei Jahre später. Harun stammt ursprünglich aus dem Irak, Chinonso aus Nigeria. Die Zeit in der Wohngruppe in Duisburg-Huckingen ist Vergangenheit. Allerdings eine Vergangenheit, auf die die beiden dankbar und voll des Lobes zurückblicken.

"Inzwischen sind sie volljährig und leben beide in eigenen Apartments. Beide haben einen Ausbildungsplatz. Beide haben ihren Führerschein gemacht." So kann Bleeker diese persönlichen Erfolgsgeschichten zusammenfassen. Das kann man wohl – in der Sprache der Jugendhilfe – als einen gelungenen "Verselbstständigungsprozess" bezeichnen. 

Straßenarbeiter

Viele Flüchtlinge haben in Deutschland Arbeit gefunden, aber oft nur in prekären Jobs.

Flüchtlinge kommen in Arbeit

Die Integration von Flüchtlingen in Deutschland laufe besser als gedacht, sagt Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer. Während in Politik und Medien zum Teil schrille, diskriminierende Debatten geführt werden, schaffen es, wie die Frankfurter Rundschau berichtet – nach Asylverfahren und Deutschkursen – immer mehr Flüchtlinge in reguläre Beschäftigung. Hatten Mitte 2017 knapp 157.000 Flüchtlinge einen sozialversicherungspflichtigen Job, so waren es ein Jahr später schon fast 90.000 mehr, nämlich nahezu 246.000. 50 Prozent von ihnen arbeiten als Helfer, 40 Prozent als Fachkräfte, zehn Prozent als Spezialisten.

Zur statistischen Wahrheit gehört aber auch, dass gut die Hälfte aller nach Deutschland Geflüchteten zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts auf staatliche Unterstützung angewiesen ist und dass von denen, die Arbeit haben, zwei Drittel im Niedriglohnsektor beschäftigt sind. Dennoch: In den meisten Bundesländern sinkt die Zahl der arbeitslosen Flüchtlinge kontinuierlich. So ging etwa ihre Zahl in Nordrhein-Westfalen von 54.521 im Jahr 2017 auf 53.173 ein Jahr später zurück.

Viele "Gastarbeiter" wanderten zum Beispiel aus Sizilien nach Deutschland.

Migration, Armut, Aufstieg

Diese Entwicklung erinnert an die Frühgeschichte der Bundesrepublik Deutschland als Einwanderungsland. Auch die "Gastarbeiter" der 1950er und 1960er Jahre hatten überwiegend Hilfsarbeiterjobs und die Armutsforschung kann bis heute einen Zusammenhang von Migration und Armut aufweisen – zugleich können die längst erwachsenen Töchter von Zugewanderten heutzutage im Einzelfall durchaus Sportstudio-Moderatorin oder Staatssekretärin in Nordrhein-Westfalen werden.

Die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge der Jahre ab 2014 sind ohne ihre Familien gekommen. Sie haben Schweres erlebt und müssen in jungen Jahren viel Eigenverantwortung zeigen. Unterstützt wurden und werden sie dabei von einem professionellen Hilfesystem, das sich sehr schnell auf ihre besonderen Bedürfnisse einstellen konnte und von einem Netzwerk aus Ehrenamt und Zivilgesellschaft, das sich nach wie vor nicht davon abbringen lässt, empathisch und ausdauernd zu helfen – erst den UMFs und jetzt den jungen Volljährigen.

Text: Reinhard van Spankeren

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Migration und Flucht
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