24. September 2018

Theater gegen Rechtspopulismus

Mutmacher für Zivilcourage

"Hatten Sie schon mal Zuvielcourage?" Das fragen die Schauspieler Karin Kettling und Jürgen Albrecht in ihrem "bühnenreifen Crashkurs" für den Umgang mit Stammtischparolen. Jetzt treten sie in einer Reihe von Veranstaltungen auf, zu denen die Integrationsagenturen in der Diakonie RWL einladen. Der Auftakt findet am Mittwoch im Rahmen der Interkulturellen Woche statt.

Zwei Schauspieler mit Apfelkorb

Diskussionen, die "Früchte tragen" -  wie das geht, zeigen Jürgen Albrecht und Karin Kettling mit ihrem Bühnenprogramm. (Foto: Lotti Kettling)

Wenn es um Zivilcourage geht, erzählt der Kölner Schauspieler Jürgen Albrecht gerne von seinem "Schlüsselerlebnis" vor einigen Jahren. Da saß er in einem Taxi und sagte kein Wort, als der Fahrer Schimpftiraden gegen "die Flüchtlinge" losließ. "Ich war wie vor den Kopf gestoßen und bin mit einem sehr unguten Gefühl ausgestiegen." Damals hat er sich mehr Courage gewünscht. "Ich hätte Stellung beziehen müssen statt zu schweigen."

Heute tritt Jürgen Albrecht mit Schauspielkollegin Karin Kettling bundesweit in einem Bühnenprogramm auf, das genau diese Zivilcourage unter die Leute bringen will. Der Titel "Hatten Sie schon mal Zuvielcourage?" ist dabei ein bewusst gewähltes Wortspiel. Denn der Großteil des Publikums kommt mit Erfahrungen, wie sie auch Albrecht gemacht hat. Die Zuschauer sind unsicher, wie sie Stellung beziehen sollen, wenn Nachbarn, Kollegen oder auch Fremde plötzlich mit rechten Stammtischparolen loslegen. Statt "zu viel" haben sie "zu wenig" Zivilcourage. Sie wünschen sich mehr Mut und klare Worte. 

Wie das geht, zeigen Jürgen Albrecht und Karin Kettling in ihren Theaterszenen, Moderationen und Diskussionen mit dem Publikum. Bekannt geworden ist das Duo mit seinem Kneipenprogramm "Sach wat! Tacheles für Toleranz". 

Portrait

Ioanna Zacharaki, bei der Diakonie RWL für die Integrationsagenturen zuständig, freut sich über die Theaterreihe, die in Kooperation mit der Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit entstand und mit Mitteln der Bezirksregierung gefördert wird.
 

"Argumentationstraining in Theater gegossen"

Jetzt lädt es gemeinsam mit sechs Integrationsagenturen in der Diakonie RWL zu einem "bühnenreifen Crashkurs in politischer Einmischung" ein. Die Federführung der Veranstaltungen liegt bei Diakonie RWL-Referentin Ioanna Zacharaki. Am Mittwoch geht es im Rahmen der Interkulturellen Woche, die bundesweit am Sonntag eröffnet wurde, im "Haus der Kulturen" in Herten los.

Grundlage für den unterhaltsamen und ermutigenden "Crashkurs" ist ein schmaler Ratgeber von 140 Seiten, den Pädagogikprofessor Klaus-Peter Hufer geschrieben hat. "Wir haben das Argumentationstraining gegen Stammtischparolen in Theater gegossen", sagt Karin Kettling. In gespielten Streitgesprächen greifen die beiden Schauspieler typische Argumente und Verhaltensweisen auf. Etwa Pauschalurteile über "die Flüchtlinge, die ihren Müll nicht wegräumen" oder "die Migranten, die Deutschen den Job wegnehmen".

Theaterszene mit zwei Personen

Erst spielen, dann analysieren - Beim "bühnenreifen Crashkurs" sollen die Zuschauer mitdiskutieren. (Foto: Rolf Schönfeld)

Nicht in die "Wut-Falle" tappen

Dabei beziehen sie immer wieder das Publikum ein, stellen Fragen, kommen ins Gespräch über verschiedene Möglichkeiten, auf rechtspopulistische Parolen zu reagieren. Die Argumente werden gemeinsam analysiert und mit einem Punktesystem beurteilt. "Die Zuschauer sind oft überrascht, wie viel in einem Gespräch stecken kann", berichtet Jürgen Albrecht, "und dass es oft nach einem bestimmten Muster abläuft."

Im Vordergrund steht dabei meist der "Sündenbock-Mechanismus". Für alle lokalen und globalen Probleme wird eine bestimmte Gruppe von Menschen verantwortlich gemacht. Oft sind es alte Feindbilder, die damit bestätigt werden. Statt sich von den aggressiven Pauschalierungen in die Defensive drängen zu lassen, ermutigen die Schauspieler ihr Publikum dazu, im Streitgespräch Fragen zu stellen und nicht in die "Wut-Falle" zu tappen. "Es geht darum, sachlich und ruhig die Parolen zu hinterfragen und eine eigene Werteposition zu formulieren", sagt Albrecht.

Schauspieler Jürgen Albrecht ermutigt das Publikum, sich "einzumischen". (Foto: Mawo)

Zivilcourage ist anstrengend, aber nötig

Vorurteile entkräften, Grenzen setzen, humorvoll reagieren – all das verstehen die Schauspieler unter Zivilcourage. Albrecht erzählt, dass so mancher Teilnehmer darüber stöhnt, wie anstrengend das Debattieren ist. "Leider haben wir es in Deutschland verlernt zu diskutieren und uns zu positionieren." Genau dazu will er auch die eher schüchternen, zurückhaltenden und unsicheren Zuschauer ermutigen. Denn, so betont der Schauspieler, "um mich einzumischen, muss ich kein Experte mit Fachwissen über Asylrecht und Migrationspolitik sein. Jeder kann Argumente mit eigenen Erfahrungen untermauern."

In den zwei Jahren, in denen die beiden Schauspieler mit ihrem Programm unterwegs sind, haben sie viel Zuspruch bekommen. "Der Wille, sich ins Gespräch zu begeben statt zu schweigen, nimmt zu", beobachtet Jürgen Albrecht. Übrigens nicht nur beim Publikum. "Ich bin viel offensiver geworden", erzählt der Kölner Schauspieler, "und spreche Menschen direkt an, die mit rechten Parolen und fremdenfeindlichen Sprüchen laut sind."

Text: Sabine Damaschke

Veranstaltungen mit dem Duo "Zuvielcourage":

26.09.2018 Haus der Kulturen in Herten des Diakonischen Werkes im Kirchenkreis Recklinghausen,   Integrationsagentur Herten, Ansprechpartnerin: Jessica Großer, i.grosser@haus-der-kulturen.de

30.09.2018 Evangelische Kirchengemeinde Bottrop, Integrationsagentur Bottrop, Ansprechpartnerin: Daniela von Bremen, daniela.vonbremen@ev-kirche-bottrop.de

15.11.2018 Soziale Dienste der Diakonie Südwestfalen, Integrationsagentur Siegen, Ansprechpartnerin: Anna Butzek, anna.butzek@diakonie-sw.de

16.11.2018 Diakonie Paderborn, Integrationsagentur Paderborn, Ansprechpartnerin:  Brigitte Kaese, kaese@diakonie-pbhx.de

21.11.2018 Diakonisches Werk Solingen, Integrationsagentur Solingen, Ansprechpartnerin: Eleni Thomou, eleni.thomou@evangelische-kirche-solingen.de

22.11.2018 Diakonisches Werk Köln und Region, Integrationsagentur Fachdienst Migration Köln, Ansprechpartnerin: Caterine Münch, caterine.muench@diakonie-koeln.de

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ioanna Zacharaki
Migration und Flucht
Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (21 Stimmen)