29. September 2017

Tag des Flüchtlings

Willkommen bei den Temmes

Heute ist "Tag des Flüchtlings". Grund genug, nach jenen zu schauen, die sich ganz allein und minderjährig nach Deutschland durchgekämpft haben. Rund 51.000 junge Flüchtlinge leben derzeit in Wohngemeinschaften und Familien. Wie klappt das Zusammenleben mit den Gasteltern? Diese Frage will ein bundesweites Modellprojekt beantworten, an dem sich die Diakonie RWL beteiligt.

Gruppenfoto Familie Temme

Regina und Martin Temme mit "ihren" mit Mahdi (links) und Ali 

In ihre Küche lässt Regina Temme Besucher nicht gerne schauen. "Seit wir Ali und Mahdi bei uns haben, wird hier oft gekocht. Und so sieht es auch aus", lacht sie, schließt die Tür und bittet ihren Besuch in den Garten. Dort stehen Kaffee, Wasser und Kuchen schon bereit. Gastfreundschaft wird bei den Temmes groß geschrieben. Genauso wie Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Die frühere Erzieherin hat schon immer ein offenes Haus für all jene gehabt, die Unterstützung brauchen.

"In unserer Familie wissen wir, was Flucht bedeutet und wie entwurzelt man sich fühlen kann", erzählt Regina Temme. "Da wollten wir einfach helfen." Vor einem Jahr kam deshalb der damals 15-jährige Ali aus Afghanistan zu ihnen, vor vier Monaten sein 17-jähriger Freund Mahdi. Im Haus ist genug Platz, denn die beiden Töchter sind zum Studium ausgezogen. Seitdem wird der Garten zum Rauchen und Ballspielen, die Küche zum Kochen asiatischer Gerichte und das Wohnzimmer zum Essen, Reden, Telefonieren und Ausfüllen von Formularen für Sprachkurse, Schulen, Ärzte und Jugendamt genutzt. 

Gruppenfoto

Neues Spiel, neues Glück? Ali und Mahdi spielen gerne Karten

Familie – bester Ort für die Integration

"Die Jungs halten mich ganz schön auf Trapp", meint die 54-jährige Düsseldorferin. "Aber ich kann mir ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen." Was sie tut, hätte vor zwei Jahren noch Bewunderung hervorgerufen.

Heute fragen einige Nachbarn und Freunde, ob sie keine Angst davor hat, dass sich ihre Jungs als "Gefährder" entpuppen. Regina Temme kann darüber nur den Kopf schütteln. "Eine Familie ist der beste Ort für die erfolgreiche Integration", ist sie überzeugt.

Doch was ist nötig, damit das Zusammenleben unter einem Dach gelingt? Diese Frage versucht ein bundesweites Modellprojekt der Diakonie Deutschland mit dem Kompetenzzentrum Pflegekinder zu beantworten. Rund 51.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge leben aktuell in Deutschland. Bundesweite Zahlen, wie viele von ihnen in Gastfamilien untergebracht sind, gibt es nicht. Aber es dürfte nur ein Bruchteil sein. 

Portrait

Hildtrud Wegehaupt-Schlund begleitet das Modellprojekt für die Diakonie RWL

Das A und O: eine gute fachliche Begleitung

Dabei, so erste Erkenntnisse des zweijährigen Projekts, lernen die Jugendlichen hier die deutsche Sprache und Kultur besonders schnell und gut kennen. An insgesamt zehn Standorten werden die Erfahrungen von Gastfamilien, Paten und Vormündern ausgetauscht und ausgewertet.

Das Projekt läuft noch bis zum 31. Dezember. Die Diakonie RWL beteiligt sich mit rund 60 Familien daran. Eine von ihnen sind die Temmes. "Schon jetzt ist klar, dass die gute Vorbereitung auf diese Aufgabe und die kontinuierliche fachliche Begleitung der Gastfamilie sowie der Jugendlichen eine große Rolle spielen", betont Hiltrud Wegehaupt, die das Projekt bei der Diakonie RWL koordiniert.

Viele Jugendliche sind traumatisiert, durch ihre Flucht sehr selbstständig geworden und haben Familie in ihren Herkunftsländern anders erlebt. "Das ist ein voller Rucksack, den die Gastfamilien da schultern."

Gruppenfoto

Regelmäßiger Gast bei Familie Temme: Petra Reinke (rechts) vom Adoptions- und Pflegekinderdienst der Diakonie Düsseldorf

Krisen gehören zum Alltag

Die unaufgeräumte Küche gehört dabei zu kleinsten Problemen. Im Gegenteil. "Der Tag, an dem Ali nach Hause kam und sagte, dass er Hunger hat, war für uns ein Festtag", erzählt Regina Temme. Schüchtern und unterernährt sei er gewesen und habe nur wenig gegessen. Hinzu kamen Alpträume und Schlafprobleme. Wenn es ihm besonders schlecht ging, schlief er auf dem Teppich. "

Als er bei uns zur Ruhe kam, brach alles heraus, was er bisher verdrängt hatte: das Heimweh, die Sorge um seine Familie, die traumatischen Erlebnisse in Afghanistan und auf der Flucht", so Regina Temme. "In dieser Zeit habe ich ständig mit Petra Reintke vom Adoptions- und Pflegekinderdienst der Diakonie Düsseldorf und seiner Vormünderin telefoniert."

Die Fachberaterin führte zahlreiche Gespräch mit Ali, seiner Therapeutin und den Lehrern. Für Ali organisierte sie Besuche in anderen Wohngruppen. Doch sie war stets überzeugt, dass er in einer Familie am besten aufgehoben ist und einfach Zeit braucht. So war es auch. Nach zwei Monaten entschied er sich, bei den Temmes zu bleiben. Heute trifft er sich wie andere Jugendliche mit Freunden aus seiner Klasse, ist verliebt, spielt Fußball, kocht, isst viel - und liebt es, mit seiner Pflegemutter shoppen zu gehen. Sich auf Deutsch auszudrücken, fällt ihm immer leichter.

Entspannen auf der Hollywoodschaukel: Mahdi und Ali brauchen Sicherheit und Ruhe

Von der Wohngruppe in die Familie

Die guten Erfahrungen haben Temmes vor vier Monaten bewogen, für einen weiteren jungen Mann aus Afghanistan ihr Haus zu öffnen. Mahdi hat mit Ali in einer Wohngruppe gelebt und ist mit ihm befreundet. Doch im Gegensatz zu Ali hielt ihn lange niemand für "familienkompatibel". Bis auf Petra Reintke, die den Temmes Mut machte, ihn aufzunehmen.

Mit 13 Jahren floh Mahdi vor seiner Stieffamilie aus Afghanistan in den Iran, wo er sich zwei Jahre lang alleine als Näher und mit Bauarbeiten über Wasser hielt. Eine Schule hat er nie besucht. Als er hörte, dass sein großer Bruder nach Griechenland geflüchtet war, machte er sich auf die Suche nach ihm. Ohne Erfolg. So kam er mit vielen anderen jungen Flüchtlingen nach Deutschland. In der Wohngruppe war er oft aggressiv und verschlossen. 

Ali und Mahdi mit Ball

Ali und Mahdi sind begeisterte Fußballfans

Wertschätzung verändert Menschen

Bei den Temmes habe er zum ersten Mal ein liebevolles Familienleben kennengelernt und Wertschätzung erfahren, meint Petra Reintke. "Er ist kaum wiederzuerkennen, lacht viel, wirkt entspannt und spricht viel besser Deutsch." Für die Fachberaterin ist Mahdis Geschichte das beste Beispiel für das erfolgreiche Integrationsmodell der Gastfamilien.

Mit Unterstützung seiner neuen Familie hat Mahdi sogar den großen Bruder wiedergetroffen. Dreimal ist Regina Temme mit ihren "Jungs" schon nach Hamburg gefahren, damit Mahdi ihn sehen kann. Bald darf er dafür das Familienauto nehmen. Zum 18. Geburtstag haben ihm die Temmes Fahrstunden für den Führerschein geschenkt. "Wir tun für Ali und Mahdi, was wir für unsere Kinder auch getan haben", sagt Martin Temme. "Schließlich gehören sie jetzt zur Familie."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

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Sabine Damaschke
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