26. Mai 2017

Psychosoziales Zentrum Düsseldorf

30 Jahre Hilfe für traumatisierte Flüchtlinge

Das Psychosoziale Zentrum Düsseldorf ist für viele traumatisierte Flüchtlinge ein Ort der Zuflucht und Heilung. Nun ist es dreißig Jahre alt geworden. Rund 8.000 Geflüchtete aus 40 Ländern hat es seit seiner Gründung 1987 betreut. Neben den 21 Mitarbeitern leistet eine Vielzahl von geschulten Ehrenamtlichen Psychotherapie, Beratung, Gruppen- und Sozialarbeit. 

Gedenktafel

Loslassen und Gedenken - Im Garten des PSZ können die Klienten trauern

"Man kann entweder sterben oder noch leben, also ankommen. Entweder. Oder. Ich habe mich in Afghanistan entschieden: Auch wenn ich sterbe – ich gehe diesen Weg", erzählt Diyana. Vier Jahre und einige Tausend Kilometer liegen zwischen der Flucht und heute. Die hat sie physisch überwunden, größenteils zu Fuß.

In der Seele aber liegt diese Flucht wie ein Koloss, den es bis heute zu überwinden gilt. Als sie mit 17 Jahren und ohne ihre Familie in Deutschland ankam und endlich in Sicherheit war, wurde deutlich: Alle Lebensenergie ist aufgebraucht, eine schwere Decke aus Traurigkeit und Alpträumen legte sich über alles. 

Sie habe sich zurückgezogen, viel geweint, schlecht geschlafen, sagt Diyana. Der Wunsch zu leben, Vertrauen ins Leben, in Menschen, gar Freude mussten erst mühsam wieder erlernt werden. Ohne die Therapie im Psychosozialen Zentrum (PSZ) Düsseldorf, einer Mitgliedseinrichtung der Diakonie RWL, hätte sie das nicht geschafft, meint die 21-jährige Frau, die gerade eine Ausbildung zur Fachverkäuferin für Bäckerei und Konditorei macht und frisch verlobt ist.

Portrait

Ewgeni Fink ist erfahrener Traumatherapeut. Wie viele der Mitarbeitenden hat er einen Migrationshintergrund

Lange Wartelisten

Die Therapie ihrer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) begann erst mit zwei Sitzungen pro Woche, inzwischen kommt Diyana einmal im Monat oder seltener ins PSZ. Was ihrer Flucht in Afghanistan vorangegangen war, das spart Diyana aus – klar ist: Es muss gravierend gewesen sein. Sie kam zum PSZ Düsseldorf zu einem Zeitpunkt, als es noch mehr Kapazitäten gab, intensive und längerfristige Therapien anzubieten. 

"Solange die Personen nicht stabil waren, konnten sie weiter herkommen", berichtet Ewgeni Fink, Diplompsychologe und Traumatherapeut. "Inzwischen, nachdem sich die Zahl der traumatisierten und hilfesuchenden Flüchtlinge dramatisch erhöht hat, können wir nur wenige Menschen über längere Zeit begleiten. Bei den meisten können wir nur mit einigen therapeutischen Gesprächen Entlastung schaffen und sie dann weitervermitteln." Die Wartelisten sind lang.

2015 waren es 287 Flüchtlinge, die neu aufgenommen wurden, 2016 waren es 460 bis 460 von circa 1.400, die angefragt haben. Diese Zahlen nennt Annette Windgasse, Sozialwissenschaftlerin, systemische Traumatherapeutin und Leiterin des PSZ Düsseldorf, die das Zentrum 1987 miteröffnet hat. Es ist eine der bundesweit 40 Beratungs- und Therapieeinrichtungen für geflüchtete Menschen und gerade 30 Jahre alt geworden.

Zwei Frauen im Garten

Einrichtungsleiterin Therapie Annette Windgasse begleitet Julie zum Trauerort am SPZ

Abschiebungen gefährden die Heilung

Regelrecht dramatisch findet Windgasse, dass eine posttraumatische Belastungsstörung nicht mehr als Abschiebehindernis gilt, dass nur noch ärztliche Stellungnahmen, aber nicht mehr solche von Psychologen als relevante Grundlage für eine Entscheidung gelten.

Und: "Die Qualität der Anhörungen ist unglaublich gesunken - und es gibt Vorgaben, in bestimmte Richtungen zu entscheiden." Es seien auch schon akut suizidgefährdete Menschen aus der geschlossenen Unterbringung überstellt worden.

Im SPZ haben vor allem Flüchtlinge mit ungesichertem Aufenthalt eine Chance auf einen Therapieplatz. Hinzukommen jene, so erklärt Windgasse, "mit sehr komplexem Störungsbild, die in der Regelversorgung die höchste Wahrscheinlichkeit haben, fehldiagnostiziert zu werden." Es geht also um die besonders Schutzbedürftigen. 

Portrait

Zia aus Afghanistan erlebte als 15-Jähriger, wie sein Vater bei einer Bombenexplosion umkam

So wie Zia. 16 Jahre war er, als er vor fünf Jahren als Einziger aus seiner Familie von Afghanistan und die Türkei über Griechenland und Italien nach Deutschland floh. "Wir waren zwölf Leute auf dem kleinen Boot, neun Stunden hat es gedauert", erzählt er. "Ich habe die ganze Zeit Angst gehabt, ich sterbe." 

Nach vielen schwierigen Etappen, auch in Deutschland, macht Zia gerade seinen Hauptschulabschluss, seinen Führerschein, er hofft auf einen Ausbildungsplatz. Drei extrem schwere Jahre hat er gebraucht, überhaupt weiterleben zu wollen, heraus aus der Depression.

Positive Ressourcen lebendig machen

Auch Julie, heute 42, hätte ohne die professionelle Unterstützung nicht weitergekonnt. Sie hatte in Kinshasa, Kongo, Finanzwesen studiert, fand eine Stelle als Protokollantin bei einer politischen Partei. Wegen Spionage kam sie ins Gefängnis. Irgendwann gelang ihr die Flucht. 

Portrait

Julie gelang die Flucht aus dem Gefängnis. Lange hatte sie Alpträume

Auf verschlungenen Wegen kam sie nach Düsseldorf. Jahrelang konnte sie nicht schlafen, träumte nachts von Polizisten, von den erlittenen Vergewaltigungen im Gefängnis mit vorgehaltener Waffe. Heute ist sie mit einem Kongolesen verheiratet, der ebenfalls fliehen musste. Und kann nach vielen Jahren Therapie und Begleitung auch wieder Freude am Leben empfinden. 

Traumaarbeit heißt vor allem, positive Ressourcen wiederzufinden und lebendig zu machen. Diyana ist jetzt auf der Suche nach einem Brautkleid, im Sommer wollen sie und ihr Verlobter Masoud heiraten.

Und sie hat klare Perspektiven für sich: "Ich lerne, soviel ich kann, ich mache meine Ausbildung. Im Sommer muss ich meinen Aufenthalt verlängern, mit Afghanistan ist es zurzeit schwierig, deshalb will ich richtig gut was vorzuweisen haben!" Sie klingt enthusiastisch, sie strahlt.

Text: Barbara-Maria Vahl, Fotos: Michael Englert

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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