22. Januar 2020

Papier gegen Rechtspopulismus

"Warum hilfst Du denen auch noch?"

Mitarbeitende aus der freien Wohlfahrt müssen ihre Arbeit für Flüchtlinge gegen Nachbarn, Freunde oder der Familie verteidigen. Fünf Migrationsexpertinnen des Fachverbandes der Diakonie RWL haben sich zusammengetan und ein Papier verfasst, das den Mitarbeitenden den Rücken stärken soll. Zwei von ihnen erklären im Interview ihr Papier für eine solidarischere Welt.

Selbst Freunde und Verwandte hinterfragen heute die Arbeit von Mitarbeitenden aus dem Bereich Migration und Flucht. Immer häufiger müssen sie ihre Arbeit verteidigen, die sie mit großem Engagement betreiben. Das kann den ohnehin großen Arbeitsdruck weiter erhöhen und gerade bei neuen Mitarbeitenden zu Verunsicherungen führen. Unsere Migrationsexpertinnen Christiane Grabe und Antonia Annoussi haben mit vier weiteren Expertinnen ein Papier mit acht "Leitlinien für ein gutes Miteinander" verfasst. Das Papier ist eine Antwort auf die Kritik an der diakonischen Arbeit im Bereich Migration und Flucht.

Die Leitlinien, die zusammen mit den Expertinnen Heike Spielmann, Hava Zaimi und Lena von Seggern aus dem Fachverband Flucht und Migration in der Diakonie RWL entwickelt wurden, sind am 22. Januar bei der Mitgliederversammlung in Düsseldorf vorgestellt worden. Im Interview sprechen Christiane Grabe und Antonia Annoussi über die Leitlinien.

Christiane Grabe von der Diakonie RWL

Christiane Grabe, Referentin für Migration und Flucht, Diakonie RWL.

Sie haben mit einem Team die Leitlinien für 150 Fachdienste und Beratungsstellen von Kirche und Diakonie in NRW und angrenzenden Bundesländern entwickelt. Was steht in diesen Leitlinien?

Es geht darum, wie man mit Vielfalt in einem professionellen Rahmen umgeht. Das betrifft einmal die  die Vielfalt der Mitarbeitende mit unterschiedlichen Nationen und Religionen in den Fachdiensten und Beratungsstellen – wie Asylverfahrensberatung, Integrationsagenturen, Jugendmigrationsdiensten, Migrationsberatung für Erwachsene oder Abschiebebeobachtung am Flughafen. Ebenso vielfältig sind ihre Klienten, die Zugewanderten mit unterschiedlichsten kulturellen, religiösen Hintergründen und Lebensstilen. Neben der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Spaltungstendenzen steht daher auch die Frage nach der eigenen Weiterentwicklung der interkulturellen Öffnung im Fokus. Wie geht man gut miteinander um. Das ist auch eine Frage der interkulturellen Öffnung. Dazu heißt es in den Leitlinien: "Wir sind unterschiedlicher kultureller, religiöser, sexueller und ethnischer Prägungen und Überzeugungen. Wir schätzen und achten uns in unserer Vielfalt."

Antonia Annoussi, Referentin für Migration und Flucht, Diakonie RWL.

Warum brauchen wir so ein Papier?

Die Leitlinien sind ein bewusstes Statement nach innen und außen gegen rechte Ideologien. Sie sind zugleich Leitplanken in der täglichen Arbeit und Rückenstärkung gegenüber Anfeindung von außen, wenn sich beispielsweise Mitarbeitende dafür rechtfertigen müssen, Geflüchtete bei der Wohnungssuche zu unterstützen. In der Öffentlichkeit gab es dazu in unverantwortlicher Weise Diskussionen, die dazu beigetragen haben, dass Hilfebedürftige wie beispielsweise Wohnungslose und Geflüchtete gegeneinander ausgespielt wurden. Das Einschleichen rechter Ideologien in Bevölkerungsgruppen, die sich eigentlich als demokratisch und menschenfreundlich begreifen, bereitet zu Recht Sorge. So sehen es die Mitglieder des Fachverbands als wichtige Aufgabe an, das Demokratieverständnis zu stärken und ihren Mitarbeitenden Orientierung in schwierigen Zeiten zu geben.

Heike Spielmann, stellvertretende Vorsitzende vom Fachverband Migration und Flucht der Diakonie RWL, Einrichtungsleitung Zuwanderungsberatung, Diakonie Mark-Ruhr gemeinnützige GmbH.

Meinen Sie damit das "rauere Klima" in unserer Gesellschaft?

Ja, als sicher geglaubte Grundhaltungen und Werte geraten ins Wanken, wenn Schwarz-Weiß-Denken, Skandalisierungen und Tabubrüche scheinbar einfache Lösungen für komplexe und herausfordernde Aufgabenstellungen bieten. Diese Entwicklungen machen auch vor Mitarbeitenden im Arbeitsfeld Flucht und Migration nicht halt. Ihre solidarische Arbeit wird im Freundesskreis, der Nachbarschaft und sogar in der eigenen Familie hinterfragt. Wie: "Warum machst Du diese Art der sozialen Arbeit noch? Warum hilfst Du denen auch noch?" Dabei wurden sie früher noch für ihre Arbeit bewundert. Umso mehr ist Haltung zeigen und Rücken stärken angesagt.

Hava Zaimi, Zentrum für Sozial- und Migrationsberatung, Evangelische Gemeinde zu Düren.

Wie können die von Ihnen mitverfassten Leitlinien dabei helfen?

Indem wir daran appellieren, den Problemen einen Raum zu geben und unverrückbare Prinzipien des Zusammenlebens und guter sozialer Arbeit aufzuzeigen. Am besten wird das an Leitlinie sieben erkennbar. Darin heißt es: "Wir geben Ängsten und Konflikten Raum, damit sie besprochen und gelöst werden können."

Vorstand Fachverband Migration und Flucht (v.l.n.r.): Jutta Vormberg, Carsten Stumpenhorst, Rafael Nikodemus, Hava Zaimi, Stefan Gebhardt, Daniela Bröhl, Dietrich Eckeberg, Heike Spielmann, Christiane Grabe, Manfred Hoffmann, Lena von Seggern, Jutta Vormberg. Nicht auf dem Bild: Herbert Hamann und Leyla Aslan.

Sie wollen also ein Schweigen oder ein Hinnehmen vermeiden.

Genau, wir müssen darüber sprechen. Nur ein offener Umgang mit Unsicherheiten und Anfeindungen kann vor einem weiteren Anwachsen von Unsicherheit und Druck schützen, und Mitarbeitende in ihrem anwaltschaftlichen Auftreten für ihre Klientinnen und Klienten stärken. Nach außen und nach innen soll eine klare Haltung gegen menschenfeindliche Aussagen und Diskriminierung signalisiert und ein würde- und respektvoller Umgang miteinander gepflegt werden. Wir zeigen Flagge – gerade jetzt!

Gibt es für Sie einen konkreten Anlass aus den Beratungsstellen, um für ein gutes Miteinander zu werben?

Ja, ich kann das ganz konkret machen: Eine Aufgabe der Integrationsagenturen ist Antidiskriminierungsarbeit. Wir machen seit über einem Jahr ein Theater gegen Stammtischparolen. Wir bieten Workshops für die Bürgerinnen und Bürger an, wo zwei Schauspieler gemeinsam erproben, wie man sich gegen Stammtischparolen wehren kann. Dabei bekommen wir zunehmend die Fragen gestellt: "Kann ich meinen Namen darunter schreiben, wenn ich Werbeplakate dafür an die Bäume hänge? Brauche ich Schutz dabei? Kann ich einfach in jede Schule reingehen, ohne dass da jemand auf uns aufpasst?" Das sind Fragen, vor denen wir in diesem Maße bislang nicht gestellt wurden. Vor zwei Jahren sah das noch anders aus.

Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann.

Auf der Mitgliederversammlung des Fachverbandes "Migration und Flucht" der Diakonie RWL werden die Leitlinien vorgestellt. Worum geht es bei dieser Mitgliederversammlung?

Es geht um die Neuausrichtung der kommunalen Integrationsstruktur, die aktuell von der Landesregierung mit sehr viel Engagement und Geld betrieben wird. Uns als Landesverband ist es wichtig, dass die guten Angebote der Wohlfahrtspflege  in der Integrationsarbeit angemessen berücksichtigt werden. Zusammen mit den Mitgliedern des Fachverbands Migration und Flucht – insgesamt 150 Fachdiensten und Beratungsstellen - wirken wir als Sprachrohr und Lobbyexperten für unsere Klienten und setzen uns auf NRW- und Bundesebene aktiv für die Menschenwürde und Gleichwertigkeit aller Menschen ein – in einer solidarischen Welt. Hierbei sollen uns auch die Leitlinien helfen.

Das Interview führte Christoph Bürgener. Fotos: Hanna Zängerling

Ihr/e Ansprechpartner/in
Christiane Grabe

Migration und Flucht

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Heike Spielmann (Mitverfasserin der Leitlinien, Stellv. Vorsitzende vom Fachverband Migration und Flucht der Diakonie RWL): "In den letzten Jahren sind viele neue Mitarbeitende in das Arbeitsfeld Migration und Integration eingestiegen. Der Fachverband Migration und Flucht will mit diesen Leitlinien zu ihrer Orientierung beitragen. Zudem stand und steht das Arbeitsfeld stark im Fokus der Öffentlichkeit und die Leitlinien dienen der Selbstvergewisserung und ethischen Ausrichtung."

Hava Zaimi (Mitverfasserin der Leitlinien, Zentrum für Sozial- und Migrationsberatung, Evangelische Gemeinde zu Düren): "Das Papier soll und kann allen Menschen helfen die das lesen. Es ist positiv und kraftspendend formuliert. Gewünscht ist, dass es in Beratungsstellen für Migration und Flucht an einem guten Platz an der Wand im Büro hängt. Und wenn man sich einmal leer und müde oder sich überlastet fühlt, so soll es einem Kraft und Zuversicht aber auch Halt spenden."