18. Dezember 2019

Neue Landesinitiative für junge Flüchtlinge

Durchstarten statt abwarten

"Durchstarten in Ausbildung und Arbeit" heißt eine neue Initiative der NRW-Landesregierung, für die zum heutigen "Tag der Migranten" die Richtlinien veröffentlicht wurden. Damit kann das Programm, das rund 23.000 junge Geflüchtete in qualifizierte Jobs bringen will, beginnen. 50 Millionen Euro stellt die Landesregierung dafür bis 2022 zur Verfügung. Diakonie RWL-Integrationsexpertin Susanna Thiel erklärt, worum es geht.

  • Jugendlicher in Ausbildung beim Jugendwerk Köln

Inzwischen gibt es zahlreiche Projekte, die geflüchtete Menschen in Ausbildung und Arbeit bringen wollen. Was erhofft sich die Landesregierung von der neuen Initiative?

Von dieser Förderung sollen erstmals junge Flüchtlinge zwischen 18 und 27 Jahren profitieren, die in den Kommunen leben und eine Gestattung oder Duldung haben. Es handelt sich also um Geflüchtete, deren Asylverfahren noch nicht abgeschlossen ist oder die keinen internationalen Schutztitel bekommen haben, aber aus bestimmten Gründen nicht ausreisen können. Etwa, weil sie kurz vor dem Schulabschluss stehen, eine Ausbildung machen oder keine Papiere vorlegen konnten. Sie hatten bislang so gut wie keinen Zugang zu Fördermaßnahmen der Bundesagentur für Arbeit wie Bewerbungstrainings oder unterstützte Ausbildungen und konnten auch nicht an Integrationskursen teilnehmen. Da es oft Monate, wenn nicht Jahre dauert, bis über ihren Asylantrag oder ihr Bleiberecht entschieden ist, wird kostbare Zeit ihres Lebens und auch für ihre Integration verschenkt. Das soll mit der neuen Initiative anders werden.

Diakonie RWL-Referentin Susanna Thiel

Diakonie RWL-Referentin Susanna Thiel

Für die Umsetzung des Programms bis Juni 2022, gibt es sechs Förderbausteine. Sie reichen von Coachings über berufsbegleitende Qualifizierung und Sprachförderung bis zum nachträglichen Erwerb eines Schulabschlusses. Was ist daran anders als bei anderen Programmen?

Hier wird von den Geflüchteten her gedacht: Wie kann Teilhabe für genau diesen Menschen aussehen? Was braucht er oder sie auf dem Weg zu einem erfolgreichen schulischen und beruflichen Abschluss? Das kann ganz unterschiedlich sein. Dafür sind die verschiedenen Bausteine da, die je nach Bedarf gestaltet werden können. Dazu gehört übrigens auch ein Innovationsfonds, der Mittel in Höhe von fünf Millionen Euro für modellhafte Projektideen enthält. Wenn ein Kreis zum Beispiel feststellt, dass es für die Geflüchteten ein großes Problem ist, mit dem öffentlichen Nahverkehr zu Integrationskursen, Schulen oder Ausbildungsstätten zu kommen, könnten sie einen Pendelbus einrichten. Oder für geflüchtete Mütter, die bislang an Integrations- und Sprachkursen nicht teilgenommen haben, eine Kinderbetreuung organisieren.

In welchem Maße die Bausteine genutzt werden, entscheiden die Städte und Gemeinden selbst. Zahlreiche Kommunen haben dafür schon im Rahmen der Landesinitiative „Gemeinsam klappt’s“ Koordinationsgruppen gegründet. Wie hängen beide Initiativen zusammen?

Wenn wir die Integrationschancen von jungen Geflüchteten verbessern wollen, geht das nur mit einem guten und gemeinsamen Konzept vor Ort. So entstand die Initiative "Gemeinsam klappt’s", die zur Bildung von Koordinierungsgruppen in den Kommunen aufrief. Die Aufgabe der Gruppen vor Ort ist es, die Bedingungen für junge Geflüchtete zu überprüfen, bestehende Angebote zu analysieren und zu entscheiden, an welchen Stellen welche Bausteine aus dem Programm "Durchstarten" eingesetzt werden sollen. Dieses Programm steht nun allen Kommunen offen. Diejenigen, die sich mit "Gemeinsam klappt’s" schon auf den Weg gemacht haben, sind aber in der Umsetzung bedeutend weiter.

Besuch von NRW-Staatssekretärin Serpa Güler bei der Diakonie RWL

Die neue Initiative war auch Thema bei einem Besuch von NRW-Staatssekretärin Serpa Güler bei der Diakonie RWL.

An der Umsetzung der neuen Landesinitiative sind an vielen Stellen auch die Jugendmigrationsdienste der Diakonie RWL beteiligt. Was wird ihre Rolle sein?

Unsere Jugendmigrationsdienste beteiligen sich an insgesamt 13 von rund 50 Standorten im Rahmen der Kooperationsgruppen vor Ort. Sie bringen viel Erfahrung mit, wenn es darum geht, junge Menschen mit Fluchterfahrung oder Migrationshintergrund beim Ankommen in Deutschland und auch beim Übergang von Schule und Beruf zu begleiten. In den Kommunen, die bei "Gemeinsam klappt’s" mitmachen, werden sogenannte "Teilhabemanagement-Stellen" eingerichtet. Diese beraten junge Geflüchtete, die eine Duldung oder Gestattung haben, und begleiten sie auf ihrem Weg zu mehr Teilhabe mit dem Ziel einer abgeschlossenen Ausbildung oder festen Arbeit. Wir wünschen uns, dass diese Stellen bei den Trägern der Jugendmigrationsdienste angesiedelt werden. Darüber hinaus engagieren sich auch viele andere diakonische Träger bei "Durchstarten", etwa bei der Entwicklung von passenden Sprachkursen und ausbildungsbegleitenden Angeboten.

NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann hat das neue Programm als eine gute Investition bezeichnet – auch für Flüchtlinge, die wieder in ihr Herkunftsland zurückkehren. Wie passt das zur rigiden Rückkehrpolitik des Bundes, die möglichst nur für anerkannte Asylbewerber Integrationsangebote schaffen will?

Mit Initiativen wie "Durchstarten in Ausbildung und Arbeit" zeigt die Landesregierung, dass sie die Integration von Flüchtlingen ernst nimmt und sie als eine Bereicherung für unsere Gesellschaft und Wirtschaft sieht – auch, wenn sie nur eine begrenzte Zeit hier sind. Andererseits trägt die Landesregierung die harte Linie des Bundes beim Fokus auf Ausreise und Abschiebung mit. Dazu gehören die zentralen Landesunterkünfte. Geflüchtete im Status der Duldung und Gestattung, die hier untergebracht sind, profitieren nicht von der neuen Landesinitiative. Das halten wir für grundsätzlich falsch und auch widersprüchlich. Ihnen sollte genauso die Chance auf Teilhabe gegeben werden wie Geflüchteten in den Kommunen.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke. Teaserfoto: Jugendwerk Köln

Ihr/e Ansprechpartner/in
Susanna Thiel

Fachbegleitung der Ehrenamtskoordination im Bereich Flucht und Integration

Fachstelle für junge Asylsuchende im Jugendmigrationsdienst

 

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Seit 2015 sind mehr als 350.000 Menschen auf der Suche nach Schutz nach NRW gekommen. Fast 24.000 haben 2019 einen Asylantrag in NRW gestellt. Aktuell leben 58.000 Menschen im Duldungsstatus. Rund 23.000 von ihnen sind zwischen 18 und 27 Jahren und können deshalb von der neuen Landesinitiative profitieren – sofern sie nicht in einer zentralen Landesunterkunft für Flüchtlinge, sondern in einer Kommune leben.