26. September 2018

Kulturzentrum Agora

Mit Begegnung gegen Ängste

Unter dem Motto "Vielfalt verbindet" laden derzeit Vereine, Städte und Kirchengemeinden zur Interkulturellen Woche ein. Im Kultur- und Bildungszentrum Agora in Castrop-Rauxel gibt es sie jeden Tag – und das seit 30 Jahren. Griechische Gastarbeiter gründeten damals das Zentrum. Was als Treffpunkt für Griechen begann, ist heute ein vielfach ausgezeichnetes Vorzeigeprojekt für Integration.

Thorsten Schnelle leitet das Kultur- und Bildungszentrum Agora.

Täglich kommen 400 Menschen in das Zentrum, das auf einem ehemaligen Zechengelände steht. Von 7 bis 22 Uhr ist hier immer etwas los. „Wir machen hier alles“, sagt Thorsten Schnelle, Leiter des Kultur- und Bildungszentrums Agora und der Integrationsagentur NRW in Castrop-Rauxel, selbstbewusst. Neben dem Kulturcafé gibt es Schulungs- und Konferenzräume und draußen ein Amphitheater sowie einen Spielplatz.

Einen Schwerpunkt bildet der Deutschunterricht für Flüchtlinge und die anschließenden beruflichen Qualifizierungsmaßnahmen. Es stehen aber auch Yoga, Tanzunterricht, Kurse für Gebärdensprache, Theatergruppen oder Handykurse für Senioren auf dem Programm. "Sogar Kaninchen- und Taubenzüchter treffen sich bei uns." Das Gebäude ist immer offen. Begegnung sei das Einzige, das helfen könne, Menschen ihre Angst vor dem Fremden zu nehmen, ist Thorsten Schnelle überzeugt. "Nur über Begegnung können Vorurteile abgebaut werden."

Michael Chasanis ist ehrenamtlicher Geschäftsführer des griechischen Vereins. Castrop-Rauxel ist sein Zuhause.

Mit 13 Jahren nach Deutschland

Michael Chasanis ist ehrenamtlicher Geschäftsführer des griechischen Vereins und hat das Kulturzentrum vor 30 Jahren mit einigen anderen griechischen Gastarbeitern mitgegründet. Er weiß, was es heißt, fremd zu sein und die Sprache nicht zu kennen. Mit 13 Jahren holten ihn seine Eltern, die als Gastarbeiter in Castrop-Rauxel lebten, aus Griechenland nach.

Völlig unvorbereitet kam er in die siebte Klasse – und verstand kein Wort. "Manchmal hat mir die Lehrerin zehn Minuten etwas erklärt oder ein Buch mitgebracht", erzählt er. Mehr Unterstützung gab es nicht. Auch nicht von den Eltern, denn die sprachen selbst nur gebrochen Deutsch. "Zum Glück war ich gut in Mathe".

Alle Bildung hat er sich erkämpft. Auch seine Ausbildung zum Betriebsschlosser. "Damals meinten viele, ich könne doch auch ohne Ausbildung unter Tage arbeiten", erzählt er und schüttelt den Kopf.

Im Amphitheater des Zentrums in Castrop-Rauxel finden viele Kulturveranstaltungen statt.

Vielfach ausgezeichnet

Damals in den 80er Jahren gründete Chasanis gemeinsam mit anderen Griechen einen Verein, damit ihre Kultur in der Fremde nicht verloren geht. Gleichzeitig wollte man Sprachrohr für die Griechen vor Ort sein. "Heute bin ich stolz, dass wir mit unserem Zentrum nicht nur Griechen Hilfe bei der Integration und beim Deutschlernen anbieten", betont der Geschäftsführer.

Eine Hilfe, die er selbst damals dringend gebraucht hätte. Mittlerweile sind sogar 30 Prozent der Mitglieder im griechischen Verein Deutsche. Wie erfolgreich und anerkannt die Arbeit des Zentrums ist, zeigen die vielen Urkunden und Auszeichnungen, die an der Wand hängen.

Ohne die Unterstützung der Diakonie RWL und des Kirchenkreises Herne/Castrop-Rauxel hätten sie es nicht geschafft, glaubt Chasanis. Als das gemietete Gebäude vor 24 Jahren zum Kauf angeboten wurde, haben sie mutig zugegriffen und wurden dabei mit einem Darlehen der evangelischen Kirche unterstützt. Auch die Stadt Castrop-Rauxel hat mitgeholfen. Beim Bau des großen Amphitheaters, in der Mitte der Anlage, haben alle ehrenamtlich angepackt.

Die Abbruchquoten in den Deutschkursen sind gering.

Leuchtturmprojekt der Integration

Heute arbeiten in den vielen Projekten und Programmen insgesamt 26 Angestellte und 24 Honorarkräfte. "Das Kulturzentrum Agora ist ein bundesweites Leuchtturmprojekt der Integration", betont Diakonie RWL-Referentin Ioanna Zacharaki, die selbst Griechin ist. Seit dessen Gründung begleitet die Diakonie das Zentrum mit fachlicher und finanzieller Unterstützung, indem sie Fördermittel des Landes weiterleitet. "Es ist beispielhaft, wie sich aus einer Migrantenorganisation ein Zentrum entwickelt hat, das für Menschen aller Nationen und Kulturen offen ist." 

Die Griechische  Gemeinde ist anerkannter Träger der Kinder- und Jugendhilfe. Auch in der Flüchtlingshilfe engagiert sich das Kulturzentrum. Rund 120 Flüchtlinge lernen hier jeden Tag Deutsch in verschiedenen Kursen, die von der Gemeinde als Regionalstelle des Evangelischen Erwachsenenbildungswerks und von den Kolpingbildungszentren Ruhr gem. GmbH angeboten werden – Integrationskurse, DeuFöV-Kurse, Alphabetisierungskurse, "Einstieg Deutsch" oder "Grundbildung mit Erwerbswelterfahrung".

Die Abbruchquoten sind gering, 90 Prozent der Teilnehmer bestanden die B1-Prüfung im letzten Integrationskurs. Thorsten Schnelle führt das auf seinen engagierten Lehrer, den ehemaligen Bürgermeister der Stadt Castrop-Rauxel, Johannes Beisenherz, und klare Regeln zurück. "Wir fördern und fordern." Dazu gehört für ihn auch, dass Unterschiede angesprochen und Werte wie Gleichberechtigung, Toleranz und Meinungsfreiheit diskutiert und gelebt werden. Diese Offenheit ist für ihn Grundlage des fried- und respektvollen Miteinanders in den Kursen.

Nur über Begegnung können Vorurteile abgebaut werden.

Tägliche Diskriminierungen

Im Alltag fehlt Migranten häufig diese Wertschätzung. Michael Chasanis nennt die vielen kleinen Ungerechtigkeiten, mit denen sie in Deutschland zu kämpfen haben: Eine Griechin bekommt kein Prepaid-Handy, weil der Ausweis hier nicht anerkannt wird, obwohl Griechenland in der EU ist. Zugewanderte können kein Bankkonto eröffnen, weil der Pass angeblich nicht ausreicht. Mitarbeiter des Job-Centers weigern sich, mit Flüchtlingen Englisch zu sprechen, obwohl sie es könnten.

Diese täglichen Diskriminierungen sind für Chasanis Hemmnisse bei der Integration. "Ich möchte, dass es heute besser klappt als in den 70er Jahren." Der Geschäftsführer ist in Castrop-Rauxel gut vernetzt und hat schon vielen Migranten geholfen, bürokratische Hürden zu nehmen. Fremd fühlt er sich in Deutschland schon lange nicht mehr. Deshalb gefällt ihm auch der Begriff "Heimaturlaub" nicht, wenn er Verwandte und Freunde in Griechenland besucht. "Dann sage ich immer: Das ist kein Heimaturlaub, denn mein Zuhause ist in Castrop-Rauxel."

Text: Sabine Portmann / Fotos: Kulturzentrum Agora, Sabine Portmann

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Ioanna Zacharaki
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