18. Dezember 2018

Internationaler Tag der Migranten

Der schwere Weg in die deutsche Gesellschaft

Mina aus Afghanistan kann sich nach 14 Jahren in Deutschland endlich als Ärztin bewerben. So lange hat es gedauert, bis ihr Medizinstudium hier anerkannt wurde. Sie ist eine von vielen, die die Migrationsdienste der Diakonie täglich begleiten. Antonia Annoussi von der Diakonie RWL erläutert am heutigen Welttag der Migranten, mit welchen Problemen sie zu kämpfen haben.

Medizinerin und aus Afghanistan - Trotz Fachkräftemangel dauert die berufliche Anerkennung in Deutschland sehr lange.

Mina (Name geändert) hat Afghanistan verlassen, um in Deutschland zu heiraten. Das ist jetzt 16 Jahre her. Die Ehe ist gescheitert und sie ist mittlerweile geschieden. Von Anfang an wollte sie arbeiten. Aber trotz eines abgeschlossenen Medizinstudiums war die Anerkennung ihres Diploms ein langer Weg.

"Das müsste schneller gehen, gerade jetzt, wo es überall Personalmangel gibt", sagt sie. Die Ärztin weiß von Bekannten, dass dies zum Beispiel in den Niederlanden deutlich schneller möglich ist. Immer wieder hat sie Anträge gestellt, Nachweise vorgelegt und sich nicht von den Behörden abweisen lassen. Erst in diesem Jahr hat die 40-jährige Afghanin ihre Zulassung erhalten. Jetzt bewirbt sie sich bei verschiedenen Krankenhäusern – und rechnet damit, dass sie bald eine Stelle findet. Gerne würde sie in Deutschland als Gynäkologin arbeiten.

Antonia Annoussi ist bei der Diakonie RWL für die Migrationsdienste zuständig. Sie hat selbst viele Jahre als Beraterin gearbeitet.

"Alle wollen arbeiten"

Fast jeder Vierte in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. "Letztlich sind alle auf der Suche nach Arbeit und viele kämpfen um die Anerkennung der Ausbildung im Heimatland", weiß Antonia Annoussi von der Diakonie RWL, die lange als Beraterin vor Ort gearbeitet hat. Das Fachkräftezuwanderungsgesetz soll die Anerkennung von Schul- und Berufsabschlüssen künftig schneller regeln. "Das brauchen wir dringend für die neu Zugewanderten, aber auch für bereits hier lebende Menschen", betont sie.

Schwerpunktmäßig kümmerte sich die Diakonie ab den 60er Jahren um die Griechen. Seit rund 15 Jahren haben sie mit allen Nationalitäten zu tun, mit Geflüchteten und anderen Drittstaatenangehörigen ebenso wie mit EU-Bürgerinnen und EU-Bürgern. Alle haben Fragen zum Aufenthaltsrecht, Deutschspracherwerb, Familiennachzug. Auch die Themen der Arbeits- und Wohnungssuche, des Kita- und Schulplatzes für die Kinder oder Diskriminierungserfahrungen spielen eine große Rolle in der Beratung.

An 28 Standorten bietet die Diakonie RWL Migrationsdienste für Erwachsene an und unterstützt zum Beispiel bei der Anerkennung von Papieren.

Es kommen Menschen, nicht Arbeiter

Die Beraterinnen und Berater begleiten den Prozess der Integration. Letztlich sei es wie damals, als die Gastarbeiter kamen und der Spruch von Max Frisch "Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen" geprägt wurde, meint Antonia Annoussi. "Heute werden Fachkräfte gerufen, die gleichzeitig Familie haben oder gründen werden und alle Herausforderungen, die sich aus dem Leben im neuen Land ergeben können, bewältigen müssen." Die deutsche Sprache, der deutsche Alltag und der Umgang mit Behörden sind vielen Migranten erstmal fremd.

Auch Mina lebt hier ein völlig anderes Leben als in Afghanistan. In Deutschland kann sie als Frau unabhängig und alleine wohnen. Das ist in ihrer Heimat undenkbar. Die Freiheiten, die sie als Frau in Deutschland hat, genießt Mina. Sie fühlt sich wohl und kommt im Alltag gut zurecht. Die deutsche Sprache spricht sie nahezu perfekt. Doch der Anfang hier sei schwer gewesen, gibt sie zu. Sie habe sich sehr alleine gefühlt. Auch wenn Mina heute Freundinnen hat, vermisst sie ihre Familie in Afghanistan. "Wir sind halt Familienmenschen", betont sie.

Viele Migrantinnen und Migranten arbeiten im Niedriglohnbereich. Doch es gibt unter ihnen zunehmend Fachkräfte, Hochqualifizierte und Selbstständige.

Qualifiziert, aber schlecht bezahlt

Viele Migranten haben schlecht bezahlte Arbeitsstellen im Niedriglohnbereich - egal, welche Schul-, Studien- und Berufsabschlüsse sie aus ihrem Herkunftsland mitbringen. Arbeitsausbeutung ist auch heute ein großes Thema. Dies reicht von fehlenden Arbeitsverträgen bis zu unwürdigen Arbeitsbedingungen. "Damit aber bei alldem kein schiefes Bild entsteht, es gibt natürlich auch Migrantinnen und Migranten, die nicht im Niedriglohnsektor arbeiten, sondern als Fachkräfte, Hochqualifizierte und Selbständige", sagt Antonia Annoussi. Laut Bundesärztekammer gibt es inzwischen 50.800 gemeldete ausländische Ärztinnen und Ärzte. Die größte Zahl kommt aus Rumänien, Syrien und Griechenland.

Der neue UN-Migrationspakt will die Arbeitsausbeutung von Migranten beenden und für bessere Arbeitsbedingungen sorgen. Dieses Abkommen, das vor einer Woche verabschiedet wurde, legt globale Richtlinien für die internationale Migrationspolitik fest. Antonia Annoussi sieht es als großen Fortschritt, aber nach den – auch in Deutschland emotional geführten Debatten über Zuwanderung - betont sie: "Der Diskurs über Migration muss versachlicht werden."

Plakataktion des Bundesinnenministeriums

Deutschland ist vielfältig

Die aktuelle Plakataktion des Bundesinnenministeriums mit dem Slogan "Returning from Germany", die Flüchtlinge dazu bringen will, freiwillig in ihre Heimat zurückzukehren, sieht die Diakonie RWL-Referentin daher kritisch. Sie ignoriere völlig, dass viele Menschen überhaupt nicht in ihre Heimat zurückgehen könnten. "Letztlich fühlen sich alle - egal ob vor Kurzem nach Deutschland geflohen oder vor Jahren zugewandert - mit dieser Kampagne zur Ausreise aufgefordert", betont sie. "Deutschland ist eine vielfältige Gesellschaft. Da gibt es kein Zurück."

Auch für die Ärztin Mina kommt der Weg zurück nach Afghanistan nicht in Frage. Die Lage dort ist viel zu unsicher. Und als geschiedene Frau kann sie in Afghanistan weder alleine leben noch arbeiten. Zum Glück hat sie mit der Anerkennung ihrer Papiere jetzt eine Perspektive in Deutschland und ist gespannt auf den Krankenhausalltag in Deutschland.

Text: Sabine Portmann

Ihr/e Ansprechpartner/in
Antonia Annoussi

Migration und Flucht

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