21. März 2019

Internationaler Tag gegen Rassismus

Hinschauen und den Mund aufmachen

Was Diskriminierung bedeutet, beschäftigt Jessica Großer jeden Tag. Nicht nur am heutigen Welttag gegen Rassismus. Zu ihr kommen Menschen, die auf dem Amt, in der Straßenbahn oder bei der Wohnungssuche ausgegrenzt, beleidigt und benachteiligt werden. Die Sozialpädagogin hilft den Betroffenen, sich zu wehren. Sie arbeitet in einer der 13 Antidiskriminierungsstellen in NRW. In Herten wird sie von der Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen getragen.

Portrait

Jessica Großer gibt allen Rat und Hilfe, die sich im Alltag diskriminiert fühlen. (Foto: Sabine Portmann)

Seit Jessica Großer bei der Antidiskriminierungsstelle in Herten arbeitet, ist sie für ihre Familie, Freunde und Nachbarn anstrengender geworden. Wenn man so viel zu tun habe mit Menschen, die wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe oder fehlender Sprachkenntnisse ausgegrenzt oder beleidigt würden, dann sei man sehr sensibel, meint sie. "Ich habe beschlossen, da eindeutig Stellung zu beziehen." Damit gehe sie manchen auch auf die Nerven, gibt die Sozialpädagogin zu.

Manchmal sind es nur sprachliche Kleinigkeiten. Für Jessica Großer ist es diskriminierend, das Wort "schwarz fahren" zu benutzen oder von "etwas türken" zu sprechen. Sie ist bei ihrer eigenen Wortwahl sehr vorsichtig. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen in den 13 Antidiskriminierungsstellen in NRW helfen Betroffenen, sich gegen Diskriminierung und Benachteiligung zu wehren. Sie bilden ein Netzwerk und tauschen sich aus.

Mann im Fitnessstudio

Zutritt nur für Weiße? Gegen ein Fitnessstudio, das an einen dunkelhäutigen Mann kein Abo verkaufen wollte, hat eine Antidiskriminierungsstelle geklagt. Mit Erfolg.

Kein Abo im Fitnesstudio

In Aachen zum Beispiel hat ein Fitnessstudio einem Mann aufgrund seiner Herkunft ein Abo verwehrt. Er war nicht der Einzige, auch andere waren betroffen. Das Sportstudio wollte keine Migranten. Die Kollegin in Aachen von der Antidiskriminierungsstelle hat dem Betroffenen dabei geholfen, dagegen zu klagen. Und sie haben vor Gericht gewonnen. "Es hilft uns sehr, uns auf dieses Urteil berufen zu können", meint Jessica Großer.

Die Servicestelle in Herten ist in das "Haus der Kulturen" eingebunden. Träger dieses landesweit einmaligen Projektes sind neben der Diakonie auch die Caritas und die AWO. Hier gibt es noch viele weitere Beratungsangebote für Migrantinnen und Migranten sowie Geflüchtete. Wer sich im Alltag diskriminiert fühlt, kann sich bei Jessica Großer Hilfe und Rat holen. Sie hört zu, schreibt Beschwerdebriefe und vermittelt auch – wenn gewünscht – juristischen Beistand. Dass ein Fall wie in Aachen vor Gericht landet, passiert allerdings selten.

Zwei Frauen mit Kopftuch

Frauen mit Kopftuch erfahren oft Diskriminierung, wenn sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind.

Rigide Fahrkartenkontrolle

Immer wieder ist die Sozialpädagogin dagegen mit Diskriminierungsfällen in öffentlichen Verkehrsmitteln konfrontiert. So kam eine Kopftuch tragende Muslima zu ihr, die mit ihrer Tochter in einem überfüllten Bus gefahren war. Die beiden Tickets hatte die Tochter, die aber weit weg stand. Als der Fahrkartenkontrolleur die Tickets sehen wollte und die Mutter ihm keines zeigen konnte, musste sie aussteigen, wurde beschimpft und rüpelhaft behandelt. Da sie sich nur in gebrochenem Deutsch verständlich machen konnte, glaubte ihr niemand, dass sie mit der Tochter ein Ticket gezogen hatte, und es wurde sogar die Polizei gerufen.

"Diese Frau hatte solche Angst vor dem Kontrolleur, dass sie einen Kreislaufzusammenbruch bekam und ins Krankenhaus musste", berichtet Jessica Großer. "Wahrscheinlich auch, weil die Stresssituation sie an Fluchterfahrungen erinnerte." Die Sozialpädagogin suchte das Gespräch mit dem örtlichen Verkehrsunternehmen. Doch dieses blieb hart. Die Frau musste die 60 Euro wegen "Fahrens ohne Fahrschein" bezahlen. Jessica Großer hätte gerne noch einen Beschwerdebrief geschrieben. Aber die Frau hatte nicht mehr die Kraft, sich zur Wehr zu setzen. Die Sozialpädagogin akzeptiert und respektiert dies.

Junge mit Kreidetafel

Kindern mit Migrationshintergrund trauen Lehrer häufig weniger zu.

Angst, sich zu beschweren

"Vielen reicht es, wenn jemand zuhört, sie versteht und ihnen glaubt", beobachtet die Sozialpädagogin. Sie hat gelernt zu akzeptieren, dass viele sich nicht mit Behörden und Unternehmen anlegen möchten. Die Antidiskriminierungsstelle bietet gemeinsam mit der Kollegin der Integrationsagentur der Diakonie vor Ort interkulturelle Sensibilisierungstrainings in Recklinghausen an, um solchen Missverständnissen zumindest in Zukunft vorzubeugen.

Gerechtigkeit ist etwas, was Jessica Großer antreibt. "Gleiches muss gleich behandelt werden", fordert sie. Besonders in der Grundschule sei das häufiger nicht der Fall. Da werden zum Beispiel Eltern mit Migrationsgeschichte, die nicht perfektes Deutsch sprechen, einfach geduzt. Ihre Kinder erhalten manchmal keine Gymnasialempfehlung, obwohl sie gute Noten haben, weil die Lehrer glauben, dass die Eltern sie nicht genug unterstützen können.

Diakonie-Mitarbeiterinnen mit Postkarten

Vorurteile offen ansprechen - Mitarbeiterinnen der Diakonie haben dafür letztes Jahr eine Postkarten-Aktion gestartet. (Foto: Sabine Damaschke)

Mund auf machen

"Wer gegen Diskriminierung vorgeht, darf keine Angst haben und braucht ein dickes Fell", betont sie. Auch wenn sie bei der Abfassung von Beschwerdebriefen oder bei Klagen vor Gericht juristische Unterstützung vermittelt, sind es für sie letztlich die Begegnungen, die dazu beitragen, Vorurteile abzubauen.

Daher organisiert das Haus der Kulturen regelmäßig ein Frauencafé, aber auch Argumentationstrainings, Fachtagungen und Bildungsprojekte. Im letzten Jahr hat sie ein Bildungsprojekt mit zwölf Frauen aus sieben Ländern durchgeführt. Mit dieser Gruppe ist sie mit dem Zug nach Berlin gereist. Einige der teilnehmenden Frauen trugen ein Kopftuch, was einen alkoholisierten Fahrgast zu wüsten Beschimpfungen veranlasste. Doch andere Mitreisende kamen der Frauengruppe sofort zu Hilfe. "Es war für uns alle ein tolles Gefühl, nicht alleine zu sein", erzählt Jessica Großer.

"Diese Gesellschaft braucht mündige Bürger, die sich im Alltag gegen Diskriminierung und Rassismus positionieren." Auch in ihrem eigenen privaten Alltag denkt Jessica Großer immer wieder darüber nach, wie sie sich dafür einsetzten kann. Das Wort "schwarzfahren" hat sie jedenfalls aus ihrem Wortschatz gestrichen.

Text : Sabine Portmann, Fotos: pixabay

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ioanna Zacharaki

Migration und Flucht

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