31. Oktober 2018

Interkulturelles Frühstückscafé

Mit "MamaMia" singen, spielen, lernen

Mütter, die schlecht Deutsch sprechen oder keine Berufsausbildung haben, sitzen oft mit ihren Kindern alleine zuhause. Vor allem Migrantinnen wissen das hiesige Bildungs- und Gesundheitssystem häufig nicht zu nutzen. Um eine Anlaufstelle für diese Frauen einzurichten, startete das Diakonische Werk Bonn und Region vor zehn Jahren die interkulturellen Frühstückscafés MamaMia.

Drei Frauen am Frühstückstisch

Namia Elby (Mitte) und Rania (rechts) machen der Irakerin Ashtar Mut, ihren Schulabschluss in Deutschland nachzuholen. (Foto: Claudia Rometsch)

Ashtar ärgert sich: "Ich habe immer die Schule geschwänzt und bin dann irgendwann gar nicht mehr hingegangen", bekennt sie, während sie in ein Croissant beißt.  "Jetzt denke ich, es ist schade, dass ich keinen Schulabschluss habe", sagt die junge Irakerin, die seit knapp zehn Jahren in Deutschland lebt.

Die anderen Frauen schauen Ashtar überrascht an. Das wussten sie bislang nicht, obwohl Ashtar regelmäßig zum MamaMia-Frühstückscafé im Bonner Ortsteil Pennenfeld kommt. "Aber du sprichst doch so gut deutsch", wundern sie sich. Ashtar berichtet, dass ihr einfach alles zu viel geworden sei, als sie mit 16 Jahren aus dem Irak zu ihrem Mann zog, dessen Familie schon länger in Deutschland lebte. Und dann sei sie ja auch mit 17 schon schwanger gewesen. "Vielleicht kannst du deinen Schulabschluss ja nachholen", kommt es aus der Gruppe.

Gruppenfoto

Sechs MamaMia-Gruppen sind mittlerweile in Bonn und Umgebung entstanden. 

Unterstützung in allen Lebenslagen

Die sechs Frauen, die sich an diesem Morgen mit ihren kleinen Kindern unter der Leitung von Sozialpädagogin Heike Jakob-Bartels und Ergänzungskraft Naima Elbay zum Frühstück treffen, berichten reihum, was sie gerade beschäftigt, und geben sich gegenseitig Tipps. Da empfehlen zwei Frauen aus dem Kosovo einer Syrerin Kohlwickel gegen ihren Milchstau beim Abstillen.

Eine junge Mutter, die von ihrem Mann geschlagen wurde, wird darin bestätigt, sich nicht wieder auf ihn einzulassen. "Die Frauen kommen, weil sie hier Stärkung bekommen“, sagt Naima Elbay, die vor neun Jahren selbst als Teilnehmerin ins MamaMia-Café kam. "Das ist wie eine kleine Familie."

Die Gruppe im Pennenfeld ist eines von insgesamt sechs MamaMia-Frühstückscafés in Bonn und Umgebung, die jährlich insgesamt etwa 125 Frauen erreichen. Jede Gruppe wird von einer Sozialpädagogin und einer Ergänzungskraft geleitet. 70 Prozent der Teilnehmerinnen sind Migrantinnen. 

Portrait

Ulrich Hamacher, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes Bonn und Region, bemängelt, dass es zu wenig spezielle Angebote für überforderte junge Mütter gibt.

MamaMia als einziger Kontakt zur Außenwelt

Die Cafés seien entstanden, weil die Mitarbeiterinnen in der Schwangerenberatung zunehmend orientierungslose, völlig überforderte junge Eltern erlebten, sagt Ulrich Hamacher, Geschäftsführer des Diakonischen Werks Bonn und Region. "Es gibt zu wenig spezielle Angebote für Mütter, die mit der Erziehungsarbeit überfordert sind und ihre Kinder. Und auch zu wenig Plätze in Kindertageseinrichtungen." 

Genau hier springen die MamaMia-Cafés ein. "Für viele Frauen ist das MamaMia-Café der einzige Kontakt nach außen", weiß Projekt-Koordinatorin Renate Hauber. So etwa für eine junge Mutter, die gelegentlich an den Gruppentreffen im Pennenfeld teilnimmt. "Sie war wohnungslos, bevor sie ihr Kind bekam und versucht nun, ihr Leben in den Griff zu bekommen", berichtet Naima Elbay. 

Eine Frau mit Kind auf dem Schoß notiert etwas

Wo bekomme ich Hilfe? Kurz notieren, dann weiterspielen. MamaMia ist auch Alltagsberatung.

Deutsch lernen,  Beratungsangebote nutzen

Manche Frauen sprächen auch kaum Deutsch, sagt Hauber. Hier können die Gruppenleiterinnen unterstützen. Sie vermitteln den Frauen zum Beispiel Deutschkurse oder andere Unterstützungsangebote, beraten und begleiten in sozialrechtlichen Fragen.

Ziel sei es auch, dass sich die Frauen untereinander vernetzten und so aus ihrer Isolation geholt werden, meint Hauber. Die Mütter nutzten die Möglichkeit gerne, um Kontakte zu knüpfen, ergänzt Heike Jakob-Bartels. "Einige der Frauen treffen sich auch nachmittags mit den Kindern." Ashtar und Yasemin zum Beispiel besuchen seit einiger Zeit zusammen einen Sportkurs für Frauen der Stadt Bonn. "Wir motivieren uns gegenseitig", erzählt Yasemin.

Gruppenfoto

Mit den Kindern spielen und singen - Im Alltag der Mütter kommt das meist zu kurz.

Gemeinsam spielen und singen

"Es geht bei den Frühstückstreffen aber nicht nur darum, dass die Mütter sich unterhalten und die Kinder betreut sind", betont Hauber. Entscheidend sei, dass Mütter und Kinder sich auch gemeinsam beschäftigten. Dadurch würden Mütter unterstützt, die mit der Erziehung überfordert seien.

"Uns ist aufgefallen, dass die Kleinkinder oft im Alltag nebenher mitlaufen und sich die Mütter nicht mit ihnen beschäftigen." In der Gruppe wird deshalb auch gemeinsam mit den Kindern gespielt oder gebastelt. So singen alle vor dem Frühstück ein Begrüßungs-Lied. "Das Singen ist etwas, das viele Frauen gar nicht kennen, was aber auch kleine Kinder schon sehr positiv wahrnehmen und was verbindet", sagt Hauber.

Mädchen mit Tüten im Herbstlaub

Stolz zeigen Kinder ihre MamaMia-Tüten. Die Gruppen bereiten Kinder gut auf die Kita vor.

Gute Vorbereitung auf die Kita

Durch Spiele wird mit den Kindern auch eingeübt, sich in einer Gruppe an Regeln zu halten. "Das kennen viele Kinder von zuhause nicht und sind dann oft total überfordert, wenn sie in den Kindergarten kommen." Somit leisten die Frühstücks-Cafés auch ein Stück Präventionsarbeit.

Dennoch werden sie nur teilweise von den Jugendämtern bezuschusst. Neben Zuwendungen aus Stiftungen ist das Projekt auch immer auf Spenden angewiesen, die unter anderem aus den Kirchengemeinden kommen.

Text: Claudia Rometsch, Fotos: DW Bonn und Region

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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