25. September 2020

Interkulturelle Woche

5.000 Feste gegen Gleichgültigkeit

Trotz Corona beginnt in diesen Tagen die alljährliche "Interkulturelle Woche" (IWK). Mit 5.000 Veranstaltungen in mehr als 500 Städten setzt sich Deutschland mit seiner zugewanderten Gesellschaft auseinander. Die IWK stemmt sich gegen Hass und Diskriminierung, die zunehmen. Daniela von Bremen von der Integrationsagentur Bottrop bringt Menschen für ein gutes Miteinander zusammen.

Für ein gutes Miteinander in einer zugewanderten Gesellschaft

Daniela von Bremen, Leiterin der Integrationsagentur Bottrop, bringt zur IWK Menschen für ein gutes Miteinander in einer zugewanderten Gesellschaft zusammen. (Foto: privat)

Daniela von Bremen ist geschäftig. Die Leiterin und ihre Mitarbeiterinnen der Integrationsagentur Bottrop stecken mitten in den Vorbereitungen der Interkulturellen Woche in der Ruhrgebietsstadt. Acht Veranstaltungen hat von Bremen zusammen mit Anke-Maria Büker-Mamy, Pfarrerin der Ev. Kirchengemeinde Bottrop, und Lara Schlüter, Leitung des Mehrgenerationenhauses Bottrop, auf die Beine gestellt. 

Eine dieser Veranstaltungen heißt "Flagge zeigen": Von Bremen und ihre Mitstreiterinnen haben ein Riesen-Banner aus metergroßen Stoffstücken zusammengenäht. Gestaltet von OGS-Kindern aus  Bottroper Grundschulen, Einzelhändlern, Besucherinnen von Jugendeinrichtungen, von Integrationskursen der Volkshochschule, Schülerinnen und Auszubildenden und einer Welcome-Gruppe, in der Kinder von Geflüchteten betreut werden. Während der IKW hängen etwa 50 gestaltete textile Fragmente zum Motto der IKW 2020 "Zusammen Leben, zusammen Wachsen" im Stadtgebiet – etwa am Balkon des Bottroper Rathauses, der Martinskirche, am Mehrgenerationenhaus, am Haus der Vielfalt und in vielen Einzelhandelsgeschäften. 

Daniela von Bremen auf dem ersten "Fancy Woman Bike Ride" zwischen Bottrop und Gladbeck.

Daniela von Bremen auf dem ersten "Fancy Woman Bike Ride" zwischen Bottrop und Gladbeck.

"Du sollst nicht gleichgültig sein"

Die 60-Jährige von Bremen ist eine Netzwerkerin. Sie bringt Menschen zusammen, um die Benachteiligung von Menschen in unserer Gesellschaft aufzuzeigen, zu erinnern und nicht die Augen davor zu verschließen. "Seid nicht gleichgültig" benennt Marian Turski Roman Kent, Auschwitzüberlebender und Präsident des internationalen Ausschwitzkomitees, in seiner berührenden und viel zitierten Rede im Januar 2020 das "elfte Gebot nach Auschwitz". Das beschreibe ihr 35-jähriges Engagement am besten, sagt sie. Sei es in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen in der evangelischen Kirche, als ehemalige Leiterin des Mehrgenerationenhauses oder jetzt während der IKW in der Integrationsagentur Bottrop.

Erst am Wochenende war sie auf dem ersten "Fancy Woman Bike Ride" von Bottrop nach Gladbeck und zurück unterwegs. Ein Statement für die umweltfreundliche und selbstbestimmte Mobilität von Frauen weltweit. "Die IKW lebt von und mit den Menschen, die zusammenkommen, um sich auszutauschen, kennenzulernen – kurz mit andern zusammenzuleben und dadurch zu wachsen", beschreibt die Leiterin der Integrationsagentur Bottrop.  

Die Interkulturelle Woche - kurz erklärt

Freiland-Ausstellung statt Vernissage 

Die aktuell 30 Integrationsagenturen und Servicestellen für Antidiskriminierungsarbeit im Verbandsbereich der Diakonie RWL beteiligen sich traditionell mit vielen unterschiedlichen Aktionen an der Interkulturellen Woche. "In diesem Jahr mussten sie hier sehr erfinderisch sein und ihre Veranstaltungen pandemiegerecht konzipieren  und umsetzen", sagt Christiane Grabe, Integrations-Expertin der Diakonie RWL. Viele Aktionen wurden nach draußen verlegt: zum Beispiel Stadtteilspaziergänge statt Diskussionsveranstaltung, Freiland-Ausstellung statt Vernissage im Gemeindezentrum, Online- statt Vor-Ort-Kongress. Christiane Grabe wird bei der Eröffnung der Aktion "Flagge zeigen" am Mittwoch in Bottrop dabei sein und ein Grußwort der Diakonie RWL ausrichten.

"Was es angesichts zunehmender Polarisierung und Abgrenzung verstärkt braucht, sind Gesprächsangebote an den Orten und in den Nischen, wo sich Stammtischparolen und Hassbotschaften bislang vielfach unwidersprochen entwickeln und verbreiten können", beschreibt Grabe. "Streetworker" könnten in Kneipen, an Plätzen und Treffpunkten oder auf dem Wochenmarkt unter Beachtung ihrer eigenen Sicherheit zuhören, widersprechen und für ein Klima des Miteinanders werben.  

IKW vor Ort in Lünen

"Kannst du Sonnenbrand bekommen?" 

Bundesweit greift die IWK Alltagsrassismus durch eine Online-Lesung auf: "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten", hat die Autorin Alice Hasters ihrem Buch festgehalten. In der Online-Lesung schildert sie ihre persönlichen Erlebnisse mit Alltagsrassismus – beispielsweise, wenn sie gefragt wird: "Kannst du Sonnenbrand bekommen?" In ihrem Podcast "Feuer&Brot" mit der deutschen Schauspielerin Maxi Häcke spricht sie monatlich über Politik und Popkultur. 

Was es für ein gutes Miteinander in einer ganzen Stadt braucht, erklärt Aysun Aydemir, Integrationsbeauftragte der Stadt Lünen in Westfalen. In einem Erklärfilm zeigt sie, was wichtig ist, um Bürgerinnen und Bürger, Verwaltung und Schulen für die interkulturelle Freiheit zusammenzubringen.  

Mit dem "Tag des Flüchtlings", der zur IWK gehört, wird im besonderen Maße auf die Situation der Geflüchteten hingewiesen. Angesichts der Lage in Moria und der Flüchtlinge auf dem Mittelmeer sei dies auch dringend nötig, meinen die Veranstalter. 

Text: Christoph Bürgener, Fotos: Integrationsagentur Bottrop

Ihr/e Ansprechpartner/in
Christiane Grabe

Migration und Flucht

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Bei der Interkulturellen Woche (27.9.-2.10.) finden in ganz Deutschland Ende September bis Anfang Oktober Feste, Vorträge und Diskussionsrunden zu Migration, Integration und Teilhabe statt. Organisiert werden die 5.000 Veranstaltungen in 500 Städten von den Kirchen, Kommunen, Wohlfahrtsverbänden und Gewerkschaften sowie tausenden Ehrenamtlichen – seit ihrer Gründung 1975 von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Griechisch-Orthodoxen Metropolie. 

Gegen die alltägliche sprachliche Gewalt helfen Geschichten. In einer Mitmachaktion geht es um das Miteinander – offline wie online. Man kann der IWK eigene Geschichten von guten Gesprächen schicken, die auf Veranstaltungen vorgestellt werden sollen – für einen stärkeren Dialog in unserer Gesellschaft.