13. Juni 2018

Integrationskurse

Integration als Schlüssel zur Sprache

Nur knapp die Hälfte der Flüchtlinge, die an Integrationskursen teilnimmt, schließt diese erfolgreich ab. Bei vielen evangelischen Kursträgern sieht es besser aus, wie jetzt auf einem Fachtag deutlich wurde. Der Schlüssel zum Spracherfolg liegt auch in einer guten sozialpädagogischen Begleitung der Teilnehmenden. Doch die ist unterfinanziert.

Jugendliche Ausländer lernen an einem Tisch

Deutsche Sprache, schwere Sprache - Über die Hälfte der Schüler in Integrationskursen fallen durch die Prüfung. (Foto: Diakonie Deutschland)

Der Schock saß tief, als das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im vergangenen Jahr erstmals eine Statistik zum Erfolg der Integrationskurse veröffentlichte. Diese bestehen aus einem 600-stündigen Deutschkurs und einem freiwilligen 100-stündigen Orientierungskurs zur deutschen Rechts- und Gesellschaftsordnung. Die Sprachprüfung auf dem Niveau B 1 bestand 2017 mit 48,7 Prozent noch nicht einmal jeder Zweite. Seitdem stehen die Kurse öffentlich in der Kritik.

"Die schlechten Quoten treffen auf die meisten evangelischen Träger nicht zu", betonte Jörg Neuhaus, stellvertretender Geschäftsführer des Evangelischen Erwachsenenbildungswerkes Westfalen und Lippe auf einem Fachtag, zu dem die Diakonie RWL gemeinsam mit dem Evangelischen Trägerverbund Integration NRW/RWL eingeladen hatte. "In der Regel bestehen zwischen 60 und 80 Prozent unserer Teilnehmer die Sprachprüfung, in Düren sind es sogar 95 Prozent." 

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Jörg Neuhaus vom Ev. Erwachsenenbildungswerk Westfalen-Lippe hinterfragt die BAMF-Statistik.  

Kritik an der Statistik

Kritik übte Neuhaus auch an der Statistik, in der jeder Teilnehmer, der den Kurs wechselt oder für kurze Zeit wegen Krankheit, Schwangerschaft oder eines Umzugs unterbricht, als "Abbrecher" geführt wird.

Unter den bundesweit rund 8.000 Anbietern von Integrationskursen gehören die Kursträger der Freien Wohlfahrtspflege und der kirchlichen Bildungswerke eher zu den kleinen Anbietern. Mit dabei sind die evangelischen Träger, die sich in der Diakonie RWL zu einem Verbund zusammengeschlossen haben.

Sie verantworten rund 180 Kurse, die vom BAMF bezahlt und konzipiert wurden. Im Gegensatz zu vielen großen, privatwirtschaftlichen Kursanbietern sind sie meistens gut im Sozialraum vernetzt. Das ermöglicht es ihnen, Flüchtlinge in vielen drängenden Alltagsfragen, die ihnen das Lernen schwer machen, zu helfen.

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Heike Keßler-Wirtz von der Aachener "Werkstatt der Kulturen" im Gespräch mit Sabine Damaschke

Sprache lebt von Begegnung

"Sie brauchen Unterstützung bei der Familienzusammenführung, der Anerkennung ihrer Berufe, der Integration ihrer Kinder in Kitas und Schulen", erklärte Heike Keßler-Wirtz, Leiterin der "Werkstatt der Kulturen" des Diakonischen Werkes im Kirchenkreis Aachen.

Um die Sprache zu lernen, ist es nach Ansicht von Heike Keßler-Wirtz zudem wichtig, dass Flüchtlinge schnell Kontakt in ein soziales deutschsprachiges Umfeld bekommen. In Aachen gelingt das unter anderem mit einem "Tandemprogramm", in dem Ehrenamtliche den Flüchtlingen bei der Sprache und in Alltagsfragen zur Seiten stehen.

Die "Werkstatt der Kulturen" hat sich auf Eltern-, Frauen und Alphabetisierungskurse spezialisiert. Sie laufen in der Regel länger und umfassen 900 Stunden. Zudem besteht die Möglichkeit, den Kurs um weitere 300 Stunden zu verlängern. Für die sechs Kurse sind vier festangestellte Lehrkräfte und fünf Honorarkräfte als Dozentinnen zuständig. Sie halten engen Kontakt zu den zehn Mitarbeitern der Werkstatt, die den Flüchtlingen als Migrationsberater zur Seite stehen.

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Diakonie RWL-Migrationsexperte Manfred Hoffmann wünscht sich mehr Geld für die sozialpädagogische Begleitung der Migrationsdienste.

Soziale Begleitung mitdenken

 "Die sozialpädagogische Begleitung der Integrationskurse durch die ebenfalls bundesgeförderte Migrationsberatung und die Jugendmigrationsdienste kann eine entscheidende Rolle für den sprachlichen Erfolg und die Integration spielen", betonte Manfred Hoffmann, Leiter des Geschäftsfeldes Flucht, Migration und Integration der Diakonie RWL.

"Doch sie wird beim BAMF nicht in adäquater Weise mitgedacht. Sie ist weder konzeptionell ausreichend verzahnt noch finanziell gut ausgestattet." Rund 610 Millionen Euro erhielten die Integrationskurse im vergangenen Jahr. 2018 sind es sogar 765 Millionen Euro.

Für die sozialpädagogische Begleitung durch die Migrationsdienste, die noch viele weitere Aufgaben haben, stehen mit rund 100 Millionen dagegen keine ausreichenden Mittel zur Verfügung. Mit dem Ergebnis, dass die Teilnehmer all ihre Fragen mit den Dozenten der Kurse zu klären versuchen – und diese damit überfordert sind.

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Eine Stelle für soziale Begleitung - Jessica Nadolny vom Ev. Bildungswerk Duisburg ist das zu wenig.

Pilotprojekt statt Finanzspritze

Das Problem ist dem BAMF durchaus bekannt. Seit Anfang 2018 stellt es daher – zunächst für ein Jahr - zehn Millionen Euro im Rahmen eines Pilotprojekts für die soziale Begleitung durch die Kursträger vor Ort bereit. Konzeptionell ist dieses Angebot allerdings nicht mit der sozialpädagogischen Begleitung der Migrationsdienste verbunden.

Das Evangelische Bildungswerk im Kirchenkreis Duisburg finanziert aus dem Politprojekt nun eine Stelle für vier seiner insgesamt 25 Integrationskurse. "Das entlastet unsere 35 Dozenten und zwei Verwaltungsangestellte, bei denen unsere Kursteilnehmer regelmäßig um Unterstützung im Alltag nachfragten", berichtete Jessica Nadolny. "Doch jeder unserer Kurse hätte die sozialpädagogische Begleitung dringend nötig."

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Der Berliner Migrationsforscher Rainer Ohliger hält 1.000 Kursstunden für erforderlich.

Mehr Kursstunden, besserer Spracherfolg

Rainer Ohliger vom "Netzwerk Migration in Europa" plädierte auf dem Fachtag dafür, die Integrationskurse gründlich zu überarbeiten. Nicht Sprache sei der Schlüssel zur Integration, sondern die Integration der Schlüssel zur Sprache.

"Für ein alltagstaugliches Deutsch sind rund 1.000 Stunden Unterricht erforderlich", ist Ohliger überzeugt. "Wir brauchen mehr zielgruppenspezifische Kursangebote, mehr Flexibilität in den Curricula und mehr lebensweltliche Bezüge zu dem Ort, in dem die Teilnehmer leben." Vor allem aber müsse stärker auf die Qualität der Kurse geachtet werden.

Leute sitzen am Tisch und diskutieren

Es braucht eine Reform der Integrationskurse. Darin waren sich die Teilnehmenden des Fachtags einig.

"Schwarze Schafe" aussortieren

"Es gibt private Sprachschulen, die sehen diese Kurse als Lizenz zum Gelddrucken", kritisiert Ohliger. Sie bezahlten ihre Dozenten schlecht, böten den Teilnehmern keinerlei Hilfe bei Alltagsfragen und fielen durch Gefälligkeitszertifikate auf.

Heike Keßler-Wirtz wünscht sich, dass das BAMF diesen "schwarzen Schafen" den Auftrag entzieht – und die seriösen Träger bei einer Reform der Integrationskurse einbezieht. "Wir wissen genau, was in den Integrationskursen erfolgreich ist und was nicht. Unsere Erfahrung sollte Eingang finden in die bundesweiten Kurskonzepte."

Text: Sabine Damaschke, Fotos: Christian Carls

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