4. März 2020

Flüchtlingshilfe Lesbos

Eine Insel vor dem Kollaps

Schlauchboote voller Flüchtlinge, Polizisten mit Wasserwerfern und aufgebrachte Bürger – die Türkei hat ihre Grenzen zur Europäischen Union geöffnet. Tausende Flüchtlinge versuchen nun, die griechische Insel Lesbos zu erreichen. Für Ionna Zacharaki handelt es sich um eine Eskalation mit Ansage. Seit 2015 engagiert sich die Diakonie RWL-Referentin ehrenamtlich für die Flüchtlingshilfe auf Lesbos. Für die Migrationsexpertin zeigt sich das Versagen der EU dort wie unter einem Brennglas.

  • Diakonie RWL-Referentin Ioanna Zacharaki telefoniert mit ihrem Flüchtlingsprojekt auf Lesbos

Die Bilder, die wir derzeit aus Lesbos sehen, vermitteln den Eindruck, als würden die Inselbewohner die Flüchtlinge hassen. Sie stehen in ständigem Kontakt mit Flüchtlingshelfern vor Ort. Was hören Sie von ihnen?

Alle sind bestürzt und bitter enttäuscht. Christina Chatzidaki von unserem Partnerverein "Syniparxi" hat mir gerade berichtet, dass sie und ihr Sohn gestern gemeinsam geweint haben. Jahrelang haben sich viele Inselbewohner engagiert um die Flüchtlinge gekümmert, Zeit und Geld investiert, obwohl es ihnen finanziell oft selbst nicht gut geht. Und jetzt entsteht der Eindruck, als wenn die ganze Insel fremdenfeindlich und gewaltbereit ist, weil rechtsradikale Gruppen die Situation für sich instrumentalisieren und frustrierte Inselbewohner aufhetzen. Das haben die Menschen dort nicht verdient.

Seit 2015 engagiere ich mich ehrenamtlich mit unserem Projekt "Flüchtlingshilfe Lesbos" auf der Insel. Die Griechen haben eine Menschlichkeit bewiesen, die vorbildlich für ganz Europa ist. Und das, obwohl die Europäische Union sie im Stich gelassen hat.

Wie konnte es zu dieser Situation kommen?

Es war eine "soziale Explosion" mit Ansage. Davor hat schon der frühere Bürgermeister von Lesbos, Spyros Galinos, 2018 gewarnt. Er verglich die Lage auf Lesbos mit einem Ballon, der immer weiter aufgepumpt wird und irgendwann platzt. Das ist jetzt passiert.

Als 2015 mehr als eine Million Geflüchtete nach Europa kamen, gingen zunächst alle davon aus, dass es sich um eine befristete Herausforderung handeln würde und die EU das Flüchtlingsthema nicht auf Dauer einer Insel mit gut 86.000 Einwohnern aufladen würde. Stattdessen kam der EU-Türkei-Deal, und immer mehr Flüchtlinge mussten immer länger auf Lesbos ausharren. Die EU schickt zwar Geld, aber sie weigert sich, einen gerechten Verteilungsschlüssel aufzulegen, der Griechenland – und insbesondere die Inseln in der Ägäis – entlasten würde. Viele auf Lesbos glauben inzwischen, dass die katastrophalen Zustände in Moria politisch gewollt sind, um weitere Menschen von der Überfahrt aus der Türkei abzuschrecken.

Wie bewerten Sie das Verhalten der griechischen Regierung?

Ich bin schockiert, dass die Polizei mit Tränengas und Wasserwerfern auf neu ankommende Flüchtlinge reagiert. Nicht nur auf den griechischen Inseln, auch an der Festlandgrenze zur Türkei ist Gewalt keine Lösung. Die griechische Regierung eskaliert die Situation, in der rechte Gruppierungen Stimmung gegen Flüchtlinge, Flüchtlingshelfer und Journalisten machen. Sie ist heillos überfordert. Ich finde, sie hätte viel massiveren Druck auf die Europäische Union ausüben müssen, damit es endlich eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge gibt.

Wir brauchen einen internationalen humanitären Korridor, in dem Nichtregierungsorganisationen erste Hilfe leisten, und von dem aus die Flüchtlinge dann in die europäischen Länder verteilt werden.

Was kann Deutschland in dieser Situation tun?

Wir könnten ein humanitäres Zeichen setzen und Flüchtlinge aus den griechischen Lagern aufnehmen. Dazu wären verschiedene Kommunen durchaus bereit. Schon im vergangenen Dezember hat das Bündnis "Sichere Häfen", dem 29 NRW-Städte und Gemeinden angehören, dafür plädiert.

Die evangelische Kirche und die Seebrücke haben gerade erst in ihrer "Erklärung von Lesbos" vorgeschlagen, durch eine Änderung der Aufnahmeordnung den Bundesländern zu ermöglichen, in Eigenverantwortung Landesaufnahmeprogramme zu starten.

Die Freie Wohlfahrtspflege NRW spricht sich dafür aus, zumindest Kindern aus griechischen Flüchtlingslagern die sofortige Einreise zu erlauben. Neben diesen „Sofortmaßnahmen“ bleibt der Appell an die Bundesregierung, sich in der EU für sichere und legale Wege für Asylsuchende und Migranten einzusetzen.

Wie geht es jetzt mit Ihrem Projekt "Flüchtlingshilfe Lesbos" weiter?

So lange unsere Partnerorganisationen weitermachen, werden wir sie unterstützen. Die rund 40 ehrenamtlichen Griechinnen und Griechen, die sich bei "Syniparxi" um geflüchtete Kinder und allein reisende Jugendliche im Camp Moria kümmern, dürfen derzeit nicht ins Lager. Viele Bereiche sind abgesperrt. Aber unsere Flüchtlingshelfer geben nicht auf. Sie tun alles, damit sie die Kinder und Jugendlichen wieder unterstützen können.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

Spendenkonto:

Diakonisches Werk des Ev. Kirchenkreises Solingen
Stichwort "Lesbos"
Stadtsparkasse Solingen
IBAN: DE 45 3425 0000 0000 028803
Ihr/e Ansprechpartner/in
Ioanna Zacharaki

Migration und Flucht

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Nach Angaben der UN-Flüchtlingshilfe UNHCR leben über 115.000 Flüchtlinge und Asylsuchende in Griechenland. Davon sitzen 42.000 auf den griechischen Ägäisinseln vor der türkischen Küste fest, 34 Prozent von ihnen sind Kinder. Allein auf Lesbos, einer kleinen Insel mit 86.000 Einwohnern befinden sich derzeit 25.000 Flüchtlinge. 20.000 von ihnen sind im Flüchtlingscamp Moria untergebracht und warten teilweise seit Jahren auf ihren Asylbescheid.