24. Oktober 2017

Flüchtlingshilfe auf Lesbos

Der Ausnahmezustand ist normal geworden

Noch immer sitzen über 14.000 Flüchtlinge auf den griechischen Inseln fest. Täglich kommen neue hinzu. Christina Chatzidaki fürchtet, dass sich die dramatische Situation des letzten Winters auf Lesbos wiederholt. Die Griechin engagiert sich im gemeinnützigen Verein "Syniparxi", der auch von der Diakonie RWL gefördert wird. Sie hofft nun auf die Unterstützung des griechischen Festlandes.

Stacheldraht und hohe Mauern: das Camp Moria sorgt immer wieder für den Protest von Flüchtlingsorganisationen

Wäre sie berufstätig, könnte Christina Chatzidaki jetzt in den Ruhestand gehen. Schon seit fast zwanzig Jahren engagiert sich die 65-jährige Griechin als Flüchtlings- und Migrationshelferin im Verein "Syniparxi" auf Lesbos. Doch seit drei Jahren ist die Not der Flüchtlinge auf der Urlaubsinsel so allgegenwärtig wie nie zuvor.

"Da kann ich doch nicht einfach aufhören", sagt Christina Chatzidaki. Zumal wieder täglich zwei bis drei Boote mit Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und afrikanischen Staaten wie Eritrea und dem Kongo auf der Insel landen.

Besonders sichtbar wird die Not im Lager Moria, in dem alle Geflüchteten registriert werden und ihren Asylantrag stellen müssen. Die Bearbeitung der Asylanträge geht nur sehr schleppend voran, so dass hier über 5.000 Geflüchtete eng gedrängt leben müssen. Für 2.300 Menschen sei dort Platz, berichtet Christina Chatzidaki, die das Camp regelmäßig besucht. Die anderen wohnen in Zelten und schlafen in Decken auf dem Boden. Die sanitären Anlagen reichen nicht aus. Es gibt nicht durchgängig fließendes Wasser. Auch das Essen ist knapp.

Portraitfoto

Christina Chatzidaki sorgt sich um die Flüchtlinge, die sie betreut (Foto: privat)

Sorge vor einem weiteren harten Winter

"Im vergangenen Jahr sind bereits Menschen wegen der katastrophalen Zustände ums Leben gekommen", sagt die Griechin. Einige hatten in ihren Zelten Feuer gemacht, um sich zu wärmen. Sie starben an Rauchvergiftung. Viele wurden schwer krank, denn sie mussten in Minusgraden in ihren Zelten ausharren. "Das darf in diesem Winter nicht wieder passieren", mahnt Christina Chatzidaki. Die Hoffnung, dass die Europäische Union dem Elend ein Ende bereitet, indem sie die Flüchtlinge endlich aufnimmt und in ihren Ländern gerecht verteilt, hat die Griechin vorerst aufgegeben.

"Der Ausnahmezustand ist zur Normalität geworden", sagt sie bitter. "Wir werden hier schon lange von Europa alleine gelassen. Das ärgert uns." Dennoch seien viele Griechen bereit zu helfen, obwohl sie selbst wenig haben. "Die Menschen können doch nichts dafür, dass die Lage in ihren Heimatländern so schrecklich ist, dass sie keinen anderen Ausweg sehen als zu fliehen." Nach dem harten Winter sei der Flüchtlingsstrom etwas abgerissen, erzählt die ehrenamtliche Helferin. Offenbar hatte sich herumgesprochen, dass Europa seine Grenzen dicht gemacht hat.

Psychische Erkrankungen nehmen zu

Seit dem Sommer aber kommen wieder täglich bis zu 200 Geflüchtete auf die Insel. Laut Christina Chatzidaki sind es überwiegend minderjährige junge Männer, alleinstehende Frauen und Familien mit vielen Kindern. "Viele sind verzweifelt und diese Verzweiflung macht sich in psychischen Erkrankungen immer stärker bemerkbar." Die Griechin kümmert sich mit ihrer Organisation "Syniparxi" vor allem um die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge im Camp Moria. Die Diakonie RWL fördert dieses Engagement mit privaten Spenden, Mitteln der Reinhold-Keppler-Stiftung und der UNO-Flüchtlingshilfe. "Ohne diese Spenden", betont Christina Chatzidaki, "könnten wir hier keine Hilfe leisten."

Ein paar Stunden Sorglosigkeit: Ausflüge ans Meer mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen

Regelmäßig machen die ehrenamtlichen Helfer mit den Kindern und Jugendlichen Ausflüge oder bieten ihnen Beschäftigungsmöglichkeiten an. Dafür wurden sie im vergangenen Herbst vom EU-Parlament mit dem Europäischen Bürgerrechtspreis ausgezeichnet. Knapp 200 minderjährige Flüchtlinge konnte die Organisation in diesem Frühjahr sogar in Wohnungen unterbringen. Doch mittlerweile befinden sich wieder über 200 Kinder und Jugendliche im Camp. "Sie haben mit Ängsten, Traumatisierungen und Depressionen zu kämpfen", erzählt Christina Chatzidaki. "Die Ausflüge muntern sie auf, aber wenn wir sie ins Camp zurückbringen, geht es ihnen wieder schlecht."

Von einer starken Zunahme psychischer Erkrankungen unter den Geflüchteten spricht auch die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen". Einem aktuellen Bericht zufolge haben psychotische Erkrankungen, Selbstverletzungen und Selbstmordversuche unter den Geflüchteten auf Lesbos und Samos seit dem Sommer um 50 Prozent zugenommen. "Das lokale Krankenhaus ist völlig überlastet mit der Versorgung der Flüchtlinge. Das betrifft vor allem die Psychiatrie und Gynäkologie", erzählt Christina Chatzidaki. 

Brot für die Flüchtlinge: "Syniparxi"-Aktion im letzten Winter 

Unterkünfte auf dem Festland schaffen

Wie viele andere Hilfsorganisationen auch haben sich "Syniparxi" und "Ärzte ohne Grenzen" bei der griechischen Regierung beschwert und vor ähnlich katastrophalen Zuständen wie im letzten Winter gewarnt. "Die Camps müssen winterfest gemacht und die medizinische Versorgung sichergestellt werden", sagt die Helferin. "Schon jetzt regnet es oft und die Nächte sind kalt." Sie hofft darauf, dass die griechischen Behörden bald mehr Flüchtlinge aufs Festland in feste Unterkünfte bringen.

"Es gibt Bemühungen, dort in Zusammenarbeit mit dem UNHCR eine menschenwürdige Unterbringung zu schaffen", erklärt Diakonie RWL-Referentin Ioanna Zacharaki. Sie leitet auf Lesbos mit ihrem Ehemann Konstantin Elefheriadis vom Diakonischen Werk Solingen das Hilfsprojekt, das mit Spendengeldern auch die ehrenamtliche Arbeit von "Syniparxi" unterstützt. Das Festland einzubeziehen sieht Ioanna Zacharaki als absolute Notwendigkeit. Doch sie wird nicht müde zu betonen, dass Griechenland europäische Unterstützung braucht – politisch und materiell.  "Bitte unterstützen Sie die wichtige Flüchtlingshilfe auf Lesbos", appelliert sie an alle Leser.

Text: Sabine Damaschke, Fotos: Verein "Syniparxi"

Spendenkonto:

Diakonisches Werk des Ev. Kirchenkreises Solingen
Stichwort "Lesvos"
Stadtsparkasse Solingen
IBAN: DE 45 3425 0000 0000 028803

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ioanna Zacharaki
Migration und Flucht
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