3. April 2017

Flüchtlingshilfe – Gute Beispiele

Zwischen Babies, Tränen und Ausländerrecht – Beratung für schwangere Flüchtlingsfrauen

In die Beratungsstelle für Familien- und Lebensfragen der Diakonie Ruhr-Hellweg in Hamm kommen viele schwangere Frauen, die aus ihren Heimatländern geflohen sind, dort und auf der Flucht Traumatisches erlebt haben – und ohne Sprachkenntnisse in komplizierten Asylverfahren stecken. Wie Aissa Diallo aus Guinea. 

Frau sitzt am Tisch und füttert ihr Baby

Aissa Diallo mit Baby Ibrahim - ihr Gesicht möchte die geflüchtete Frau nicht zeigen

Mit 14 Jahren war sie verheiratet, mit 22 Jahren verwitwet und Mutter von zwei kleinen Kindern. Ihre Familie wollte sie mit dem Bruder des verstorbenen Ehemannes verheiraten - als vierte Frau eines "sehr alten und schlechten Mannes", sagt Aissa Diallo.

Sie spricht flüssiges Englisch, ein bisschen Deutsch und kann auch lächeln, wenn sie traurige Dinge sagt - heute, drei Jahre später im Gruppenraum der Beratungsstelle für Familien- und Lebensfragen der Diakonie Ruhr-Hellweg. Im Zentrum der 180.000 Einwohnerstadt Hamm bieten die Sozialarbeiterinnen auch Schwangerenberatung an.

In der Babyschale neben Aissa Diallo schläft der zwei Monate alte Ibrahim – Sohn eines Mannes, den sie hier in Deutschland kennengelernt hat. Freiwillig. Damals, vor der Flucht, sprach sie nur Fullah, die Sprache der größten guineischen Bevölkerungsgruppe. Aissa Diallo kommt vom Dorf. Sie hat nie eine Schule besucht, nie über ihr Leben entscheiden können. Wenn sie an den alten Mann denkt, den sie heiraten sollte, an den Vater, der ihr kochendes Wasser auf die Beine goss, um sie dazu zu zwingen, treten ihr Tränen in die Augen.

Schwanger und in einer schweren Krise

"Ich weine nicht mehr um mich", betont sie. "Ich bin sicher, aber meine Kinder sind es erst, wenn sie hier bei mir sind." Aissa kam 2014 mit dem Flugzeug nach Deutschland - wie genau, bleibt ihr Geheimnis. "Ich hatte Hilfe", sagt sie nur. Aber die gab es nur für sie allein. Ihre Kinder, heute 5 und 8, leben seit drei Jahren bei ihrer Freundin in Guineas Hauptstadt Conakry. Hochschwanger kam sie vor drei Jahren zu Ursula Höltje in die Beratung. Schwanger mit Ibrahims älterem Bruder und in einer schweren psychischen Krise. 

Gruppenfoto

Baby Ibrahim fühlt sich in der Beratungsstelle bei Barbara Zwick und Ursula Höltje (v.l.) fast zuhause

"Sie steckte getrennt von ihren beiden erstgeborenen Kindern im Asylverfahren fest", sagt die Sozialarbeiterin. "Ihr Antrag lag lange auf Eis, erst Ende 2016 hatte sie ihre Anhörung." Und erst vor einigen Wochen kam "der Bescheid" - Amtsdeutsch, das für Ursula Höltje und ihre Kollegin Barbara Zwick mittlerweile zur Routine geworden ist.

Aissa Diallo wurde als verfolgt und schutzbedürftig anerkannt und darf ihre Kinder aus Guinea nachholen. Nach vielen Briefen, Beschwerden und Beratungen mit Anwälten.

Angst vor der Beschneidung der Tochter

"Zwischendurch war Frau Diallo so depressiv, dass sie mehrmals in einer Klink behandelt werden musste. Sie konnte nicht aufstehen und hat nur noch geweint", erzählt Ursula Höltje. Über das Hammer Forum - einer Organisation, die Kindern in Krisengebieten hilft - konnte die Sozialarbeiterin Kontakt mit der Freundin in Conakry aufnehmen. Aissas Tochter wurde damals drei, "ab dem Alter werden Mädchen in Guinea beschnitten". In Guinea sind laut der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes 80 Prozent der Frauen und Mädchen an den Genitalien verstümmelt. Weit entfernt in Hamm geriet Aissa wegen der drohenden Beschneidung immer mehr in Panik. "Durch den Kontakt nach Conakry wissen wir jetzt zumindest, dass die Tochter gesund ist und lebt", sagt Höltje.

Frau sitzt am Schreibtisch

Barbara Zwick hat 2016 mit ihrem Team Frauen aus 28 Nationen beraten

So wie mit Aissa Diallo arbeiten die Hammer Sozialarbeiterinnen immer häufiger: Mehr als die Hälfte ihrer Fälle in der Schwangerschaftsberatung waren im vergangenen Jahr ausländische Frauen, darunter auch viele Asylbewerberinnen. 28 verschiedene Nationalitäten zählten sie. "Die geflüchteten Frauen tragen eigentlich immer psychisch schwere Lasten mit sich und bekommen in dieser Situation ein Kind mit allen Herausforderungen, die das immer mit sich bringt", so Zwick.

Psycho-soziale Beratung mit vielen Hürden

"Sie haben Tod gesehen und Gewalt erlebt, kommen schwanger und mit eigenen Problemen belastet in ein fremdes Land, dessen Sprache und Bürokratie sie nicht verstehen." Auch Höltje und Zwick kämpfen oft mit ausländerrechtlichen Fragen, die über das Schicksal ihrer Klientinnen entscheiden, haben Fortbildungen besucht, um Verfahren und Verfahrenspost zu verstehen - und vor allem, um zu wissen, wo sie sich fachlichen Rat holen können. Oft arbeiten sie mit Sprachmittlerinnen, weil die Frauen weder Deutsch noch Englisch verstehen.

"Auch das ist ganz anderes Arbeiten, weil es schwierig ist, die Zwischentöne der Frau auch in der Übersetzung zu verstehen", berichtet Zwick. Die Gespräche dauern damit mindestens doppelt so lange. "Wir beraten schwangere Frauen und Frauen mit Kleinkindern unabhängig davon, in welcher Situation sie stecken." Deshalb kommen die Geflüchteten in die "ganz normale Beratung und nicht in ein gesondertes Angebot."

Warten, warten, warten: Aissa Diallo vermisst ihre beiden Kinder, die noch in Guinea leben

Erstausstattungsantrag als "Türöffner"

Viele suchen die Beratungsstelle zunächst auf, weil sie finanzielle Hilfen zur Erstausstattung für Neugeborene erhalten möchten, die allen Frauen mit wenig Einkommen zustehen. Für Frauen in Not sei das der Türöffner für weitergehende Hilfe, so Zwick. "Ich habe hier viele Tränen geweint und viele liebe Worte gehört", sagt Aissa Diallo.

"Und jetzt haben wir alle Hoffnung auf ein gutes Ende", ergänzt Ursula Höltje. Mit Aissas Anwältin hat sie den Antrag auf die Ausreise der Kinder schon auf den Weg gebracht. Jetzt fehlt allerdings noch das Geld für die Flugtickets. "Hast du eine Idee dazu?" fragt Aissa, als sie den Kinderwagen mit Ibrahim in den Fahrstuhl schiebt. Ursula Höltje hat noch keine. "Ich mache mir Gedanken", verspricht sie. "Wir sind sehr kreativ im Lösungen finden."

Text und Fotos: Miriam Bunjes

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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