25. Mai 2016

Flüchtlingshilfe - Gute Beispiele

Flucht auf Krücken - Netzwerk für Asylbewerber mit Behinderung

Auf Krücken, Prothesen oder in Rollstühlen haben sie Tausende von Kilometern zurückgelegt, um Krieg und Gewalt in ihren Herkunftsländern zu entkommen. Deutschland ist bisher jedoch nur unzureichend auf die besonderen Hilfebedarfe von Flüchtlingen mit Behinderung eingestellt. Ein Projekt der Diakonie Michaelshoven in Köln will dazu beitragen, dass sie die nötige Unterstützung bekommen.

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Fast 4.000 Kilometer legte Mohamed Albakkar auf seiner Flucht aus Syrien zurück

Erste Schweißperlen zeigen sich auf Mohamed Albakkars Stirn. Mit viel Durchhaltevermögen versucht der 22-jährige Syrer, mit beiden Händen den Sportrollstuhl durch gleichmäßiges Antreiben der Räder zu steuern, gleichzeitig seine Mitspieler im Auge zu behalten und jederzeit auf einen möglichen Pass gefasst zu sein. Das erfordert Geschick und vor allem viel Übung. Für Mohamed Albakkar ist es erst das zweite Training des Rollstuhl-Basketball- Vereins "Köln99ers", an dem er teilnimmt.

In einem Sportrollstuhl zu sitzen, ist dem jungen Syrer noch fremd. Durch eine Krebserkrankung hat er mit elf Jahren sein rechtes Bein verloren und sich seitdem auf Krücken fortbewegt. "Ich habe früher nie wirklich Sport gemacht, umso fantastischer ist es nun, gemeinsam mit den anderen neuen Teamkameraden auf dem Basketballfeld zu spielen", sagt er glücklich. Seit sechs Monaten lebt Mohamed Albakkar in Köln. Seine Teilnahme am Training hat ein Projekt der Diakonie Michaelshoven möglich gemacht, das "Netzwerk für Flüchtlinge mit Behinderung in Köln".

Erstes Modellprojekt in NRW

"Wir waren auf der Suche nach einer Möglichkeit für Herrn Albakkar, trotz seiner Behinderung Sport zu treiben, Kölner kennenzulernen und der Langeweile in der Flüchtlingsunterkunft zu entkommen", erläutert Projektleiter Wolfram Buttschardt. Der Verein bot dem Syrer sofort an, zum Training zu kommen und organisierte ihm einen Sportrollstuhl. Freizeitgestaltung ist jedoch nur eines der vielen Angebote, mit denen das Kölner Netzwerk Flüchtlinge mit Behinderung unterstützt.

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Projektleiter Wolfram Buttschardt

Es organisiert, wie Wolfram Buttschardt betont, "eine angemessene soziale und medizinische Betreuung", versorgt die Flüchtlinge mit notwendigen Hilfsmitteln und kümmert sich, soweit möglich, um barrierefreien Wohnraum. Außerdem werden modellhaft Wege der Betreuung und Beratung für Flüchtlinge mit Behinderung erprobt und evaluiert. Gegründet wurde das Projekt im November 2015. Es ist erst einmal auf drei Jahre angelegt und wird von der Stiftung Wohlfahrtspflege finanziell gefördert. Das Modellprojekt ist das erste Angebot dieser Art in Nordrhein-Westfalen und wird von der Technischen Hochschule Köln wissenschaftlich ausgewertet.

Rund zehn Prozent Flüchtlinge mit Behinderung

Schätzungen gehen davon aus, dass rund zehn Prozent der Flüchtlinge eine Behinderung haben. Nach den EU-Richtlinien gelten sie als besonders schutzbedürftig und bedürfen daher eigentlich einer intensiven Unterstützung. In der Praxis sei dies bisher aber nur ungenügend umgesetzt, kritisiert Wolfram Buttschardt. Um auf die individuellen Bedürfnisse der Flüchtlinge mit Behinderung eingehen zu können, müsste die Anzahl der Geflohenen mit Behinderung zunächst einmal systematisch erfasst werden, meint er. Doch das ist bislang nicht passiert. Buttschardt schätzt, dass in Köln ungefähr 1.200 Flüchtlinge mit kognitiver oder körperlicher Behinderung leben.

Gemeinsam mit zwei Kollegen bietet der Mitarbeiter der Diakonie Michaelshoven feste Sprechstunden in der Flüchtlingsunterkunft in der Ringstraße in Köln-Rodenkirchen an. "Bisher beraten wir ungefähr 20 bis 30 Personen und haben Kontakt zu etwa 50 weiteren Flüchtlingen, die sich bei Bedarf bei den Mitarbeitern melden können", so der Projektleiter. Das Alter der Flüchtlinge reicht von fünf bis rund 50 Jahren. Dazu zählen Menschen mit einer Körperbehinderung, aber auch Zuwanderer mit geistigen und psychischen Behinderungen.

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Freude nach dem gewonnenen Basketballspiel

Vor Krieg und Islamischem Staat geflohen

Rund die Hälfte der Menschen, die das Netzwerk unterstützt, haben ihre Behinderung durch eine Kriegsverletzung erhalten. Auch Mohamed Albakkar wurde vor zwei Jahren bei einem Bombardement auf seine syrische Heimatstadt Rakka verletzt. Ein großes Stück Metall habe sich durch seinen linken Fuß gebohrt, erzählt er. Er habe Angst gehabt, auch noch sein gesundes Bein zu verlieren.

Seine Heimat zu verlassen, fiel dem jungen Syrer schwer. Doch er fürchtete um sein Leben, zumal ihn die Terrororganisation "Islamischer Staat", die in Rakka herrscht, insgesamt zehn Mal verhaftet hatte. "Sie warfen mir vor, ein Journalist zu sein", berichtet Mohamed Albakkar. "Das ist so ziemlich die gefährlichste Anschuldigung, die einem passieren kann." Fast 4.000 Kilometer legte der junge Syrer auf seinen Krücken zurück, bis er Deutschland im vergangenen Jahr erreichte. An vielen Tagen hätten seine Achseln angefangen zu bluten und er sei oft bis zum Umfallen erschöpft gewesen, erinnert er sich.

Deutschland und die Sprache seien ihm noch fremd, gibt Mohamed Albakkar zu. Doch beim Rollstuhl-Basketball fühlt er sich als Teil des Teams. Sein letzter Versuch, den Ball kurz vor Ende des Spiels in den Korb zu werfen, gelingt. Die Mannschaft des Syrers gewinnt! Und für freudige High Fives bedarf es nicht der gleichen Muttersprache, wie seine Teamkameraden ihm freudig beweisen.

Text und Fotos: Stefanie Kornhoff

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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