10. Dezember 2019

Flüchtlingshilfe Lesbos

Verdienstkreuz für Diakonie-RWL-Referentin

Ein deutsch-griechischer Kindergarten, eine Akademie für werteorientierte Bildung und engagierte Flüchtlingsarbeit – Diakonie-RWL-Referentin Ioanna Zacharaki hat Ideen und engagiert sich. Für ihre ehrenamtliche Arbeit wird sie heute in Solingen mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Im Interview berichtet sie von ihrem Einsatz und der aktuellen Lage im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos.

  •  Ioanna Zacharaki im Kunstmuseum in Solingen während ihrer Dankesrede zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes . (Foto: Eleftheriadi-Zacharaki)
  • Der Solinger Oberbürgermeister Tim Kurzbach verleiht das Bundesverdienstkreuz an Ioanna Zacharaki. (Foto: Eleftheriadi-Zacharaki)
  • Portrait

Das Bundesverdienstkreuz, das Sie heute verliehen bekommen, ist die höchste Auszeichnung für besondere Verdienste um das Gemeinwohl. Wie fühlt sich das an?

Ich bin aufgeregt und etwas nervös. Es hilft, zu wissen, dass der Orden nicht nur mein Verdienst ist. Ohne die vielen Menschen, die sich mit mir engagieren, würde ich diese Auszeichnung nicht bekommen. Für die Verleihung habe ich deshalb über 100 Leute mit ihren Partnern ins Kunstmuseum in Solingen, wo die Verleihung stattfindet, eingeladen. Normalerweise sind 20 Gäste vorgesehen, aber die Stadt Solingen hat auf meine Bitte hin eine Ausnahme gemacht. Mir ist es wichtig, zu zeigen: Das habe ich nicht alleine geschafft, es ist ein gemeinsamer Erfolg meiner Netzwerke.

Selfie mit dem Bundespräsidenten: Ionna Zacharaki mit Frank-Walter Steinmeier beim Bürgerfest in Berlin.

Selfie mit dem Bundespräsidenten: Ioanna Zacharaki mit Frank-Walter Steinmeier bei einem Bürgerfest in Berlin.

Ein deutsch-griechischer Kindergarten, Ihre "Akademie der Werte", die sich für eine humanitäre Bildungsarbeit einsetzt, Ihre Mitgliedschaft im "Netzwerk gewählter griechischer Vertreter" und Ihr Engagement in der Flüchtlingshilfe auf der griechischen Insel Lesbos – die Liste Ihres ehrenamtlichen Engagements ist lang. Wie schaffen Sie das?

Natürlich investiere ich viel Freizeit. Je nachdem was anliegt, sind das pro Woche im Schnitt acht bis zehn Stunden. In vielen der Projekte habe ich etwas angestoßen, das dann fast wie von selbst weitergelaufen ist. Der deutsch-griechische Kindergarten zum Beispiel ist 1995 aus einer Elterninitiative heraus entstanden. Als meine Kinder noch klein waren, habe ich mich dort aktiv engagiert. Jetzt haben andere Eltern und die Kindergartenleitung übernommen.

Es ist ein tolles Gefühl, etwas auf den Weg zu bringen, etwas anzustoßen und dann zu sehen, das es weitergetragen wird und Erfolg hat. Ich erkenne darin etwas Göttliches. Manchmal bedarf es nur eines Impulses zur rechten Zeit. 

Kinder und Jugendliche unterstützen: Der Partnerverein "Syniparxi" auf Lesbos.

Kinder und Jugendliche unterstützen: Der Partnerverein "Syniparxi" auf Lesbos. 

So wie Ihr Projekt "Flüchtlingshilfe Lesbos", das 2015 ins Leben gerufen wurde.

Genau. Das Projekt begann durch eine E-Mail an Kollegen und Bekannte mit der Bitte, um Unterstützung angesichts der vielen Menschen, die nach Europa kommen und in katastrophalen Verhältnissen auf den griechischen Inseln in Camps warten. Schnell kamen Spenden zusammen. Über die Jahre haben mein Ehemann, die anderen Ehrenamtlichen und ich rund 220.000 Euro gesammelt. Aus ganz Deutschland haben Einzelne, aber auch Organisationen und Fachhochschulen Geld gegeben, um unseren Partnerverein "Syniparxi" vor Ort zu unterstützen.

Bei "Syniparxi" kümmern sich rund 40 Griechinnen und Griechen ehrenamtlich um geflüchtete Kinder und allein reisende Jugendliche im Camp Moria auf Lesbos. Sie laden sie zu Ausflügen ein und geben ihnen Englisch-und Griechischunterricht und bieten weitere Bildungs- und Freizeitmaßnahmen an. Die Jugendlichen sollen zumindest für einige Stunden aus dem tristen Alltag des völlig überfüllten Camps herausgeholt werden.

Weggesperrt: So sah das Flüchtlingslager auf Lesbos 2008 aus.

Weggesperrt: So sah das Flüchtlingslager auf Lesbos 2008 aus. Foto: Martin Horzella

Seit Juli regiert die konservative Partei Nea Dimokratia. Die Regierung unter Premier Kyriakos Mitsotakis hat die Asylgesetze verschärft und angekündigt, die Flüchtlingslager aus den Inseln Lesbos, Chios und Samos zu schließen. Wie ist die Stimmung vor Ort?

Viele unserer Partner sind müde und erschöpft. Sie sagen, es ist schlimmer als 2015. Denn damals wurden die Geflüchteten von anderen europäischen Ländern aufgenommen. Jetzt herrscht Stillstand und die Menschen harren im Lager aus. In Moria sind derzeit 13.000 Menschen untergebracht – gedacht ist das Camp eigentlich für 3.000 Personen. Die Zustände sind katastrophal. Es kommt zu Gewalt. Bei einem Feuer sind im September eine Frau und ihr Kind gestorben. Jetzt steht der Winter bevor, viele der Zelte sind nicht wasserfest. Da noch rechtzeitig neue Unterkünfte aufzustellen, wird schwierig.

Die Regierung plant, bis Februar 20.000 Menschen von den Inseln aufs Festland zu bringen. Die Lager auf Lesbos, Chios und Samos werden geschlossen. Auf Lesbos soll es stattdessen ein "Identifikations- und Abreisezentrum" geben, in dem 5.000 Menschen bis zu 18 Monate lang untergebracht werden können. Das geschlossene Zentrum soll, weit ab vom Schuss, in den Bergen eröffnet werden. Das erinnert uns stark an die geschlossenen Häuser, die es noch 2008 auf Lesbos gegeben hat. Die Menschen lebten in überbelegten Containern wie im Hühnerstall, weggesperrt und unter katastrophalen hygienischen Bedingungen. Vor Ort sprechen viele von einer Rückwärtsbewegung. Das, was wir bislang erreicht haben, wird wieder zunichtegemacht. 

Im Herzen Athens: Menschen auf dem Syntagma-Platz vor dem griechischen Parlament.

Im Herzen Athens: Menschen auf dem Syntagma-Platz vor dem griechischen Parlament. 

Das muss auch für Sie sehr frustrierend sein.

Absolut. Es gibt ein ständiges Hin und Her in der Flüchtlingsarbeit. Und Griechenland steht alleine da, ohne die Unterstützung Europas. Das Land wurde alleine gelassen in einer Zeit, in der es selbst Hilfe gebraucht hätte – während der Finanzkrise. In gewisser Weise haben die Flüchtlinge den Griechen geholfen. Die Bürger haben gesehen: Denen geht es noch schlechter als uns, dann schaffen wir das auch.

Für mich haben die Griechinnen und Griechen in der Krise ganz große Menschlichkeit bewiesen. Die allermeisten haben eben nicht auf sich geschaut und sich selbst bemitleidet, sondern haben anderen geholfen, die es noch schlimmer getroffen hat. Jetzt wünsche ich mir, dass die anderen europäischen Länder dasselbe machen; Menschlichkeit zeigen und die Geflüchteten aufnehmen. Denn alleine kann Griechenland das nicht bewältigen.

Das Gespräch führte Ann-Kristin Herbst, Fotos: Chrysa Eleftheriadi-Zacharaki/ Ioanna Zacharaki/ Ann-Kristin Herbst.

Spendenkonto:

Diakonisches Werk des Ev. Kirchenkreises Solingen
Stichwort "Lesvos"
Stadtsparkasse Solingen
IBAN: DE 45 3425 0000 0000 028803

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ioanna Zacharaki

Migration und Flucht

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