9. Oktober 2018

EU-Zuwanderung

Kinder stark machen fürs Leben

Es gibt sie auch in Deutschland: Kinder, die Hunger haben, kein Spielzeug besitzen und nur auf der Straße spielen. Meist kommen sie aus Familien, die aus armen EU-Staaten zugewandert sind, keinen Job finden und bei Verwandten wohnen. Viele leben in der Dortmunder Nordstadt. Mitarbeiterinnen der Diakonie betreuen die Familien und haben dabei besonders die Kinder im Blick.

Kind vor einer Tafel

Ein großes Herz für "Casa Copiilor" - Gesica mag alle in der Nachmittagsbetreuung.

Ein großes Herz hat Gesica auf die Tafel gemalt. Ein Herz für die anderen Kinder und fünf Mitarbeiterinnen, mit denen die Achtjährige in der Nachmittagsbetreuung "Casa Copiilor" (Haus der Kinder) so gerne spielt und lernt.

Hier gibt es Malsachen, Puppen, Brettspiele und nachmittags sogar Brötchen, Obst und Schokolade. Ein Paradies für das rumänische Mädchen, das mit seinen drei Geschwistern, Eltern, Großeltern und weiteren Erwachsenen in einer kleinen Wohnung in der Dortmunder Nordstadt lebt.

Gruppenfoto

Eva Jekel liest den Mädchen etwas vor. So lernen sie besser Deutsch.

Betreuung statt Straße

Bis zu 30 Kinder zwischen drei und zwölf Jahren aus rumänischen und bulgarischen Zuwandererfamilien besuchen das "Casa Copiilor" täglich. Auch für viele Mütter ist es ein Treffpunkt.

"Hier lernen sie die deutsche Sprache und Kultur besser kennen", erklärt Sozialarbeiterin Eva Jekel, die das 2016 entstandene Gemeinschaftsprojekt von Diakonie und Jugendamt koordiniert. "Die Kinder müssen nicht mehr auf der Straße spielen, bekommen Hilfe bei ihren Hausaufgaben und die Mütter unterstützen wir bei ihren Alltagsproblemen."

Romafamilien im Park

In der Dortmunder Nordstadt treffen sich viele Familien im Park. Oft haben sie keine eigene Wohnung, sondern leben bei Verwandten.

Keinerlei Unterstützung

Denn davon gibt es jede Menge. Rund 8.000 Menschen aus Rumänien und Bulgarien leben in Dortmund, darunter viele Roma. Arm, ausgegrenzt und diskriminiert kamen sie in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Deutschland. Viele sind nur wenige Jahre zur Schule gegangen. Job und Wohnung zu finden ist schwierig.

Also leben die Familien beengt bei Verwandten, verdienen kaum etwas mit kleinen Helferjobs und machen Schulden. Anspruch auf staatliche Unterstützung haben sie nicht. Es sei denn, ein Familienmitglied hatte eine sozialversicherungspflichtige Arbeit oder zumindest einen Minijob. Dann gibt es aufstockende Leistungen und Kindergeld.

Mietwucher für "Schrottimmobilien" soll es in Dortmund nicht mehr geben. Dieses "Problemhaus" wird gerade renoviert.

Bittere Armut im Wohlstand

"Ich erlebe hier Kinder, die an manchen Tagen fast nichts zu essen haben", erzählt Eva Jekel. "Die ganze Familie hungert, weil das wenige Geld, das der Vater verdient, für die Miete draufgeht." Spielzeug, Bücher und Schulmaterialien können sich die Familien nicht leisten. Schokolade, Kino- oder gar Museumsbesuche kennen viele Kinder nicht.

Ohne staatliche Unterstützung gibt es keinen Anspruch auf den Besuch eines Tafelladens, auf Gelder aus dem Bildungs- und Teilhabepaket, auf ermäßigte Fahrkarten oder den günstigen Schwimmbadbesuch.

Gemüseladen

Günstig an Lebensmittel zu kommen, ist für die Familien schwierig.

Kein Anspruch auf Ermäßigung

"Wer nichts hat, muss den vollen Preis zahlen", so fasst Elena Dombi es zusammen. Die Rumänin arbeitet als Familienbegleiterin in der Dortmunder Nordstadt. Mit ihren vier Kolleginnen und einem Kollegen unterstützt sie zugewanderte rumänische und bulgarische Familien.

Alleine in diesem Jahr haben rund 300 Familien mit 700 Kindern die Hilfe in Anspruch genommen. Das Angebot der Diakonie wird ebenfalls vom Jugendamt der Stadt Dortmund finanziert und begleitet. Es gibt eine enge Zusammenarbeit mit "Casa Copiilor".

Gruppenbild

Elena Dombi (r.) unterstützt Angelica Tanase (l.) und ihre vier Kinder.

Nicht verheiratet, nicht versichert

So kümmert sich Elena Dombi um die Mutter der achtjährigen Gesica. Sie kam vor vier Jahren mit ihrem Mann und drei Kindern aus Frankreich nach Deutschland. Bis heute wohnt Angelica Tanase, die inzwischen noch ein 15 Monate altes Baby zu versorgen hat, bei der Schwiegermutter. Mal hat ihr Mann einen Job, mal nicht.

Standesamtlich verheiratet ist die 24-jährige Mutter nicht. Mit Hilfe von Elena Dombi hat sie über das Jugendamt eine Vaterschaftsanerkennung erhalten, damit ihre Kinder versichert sind. Sie selbst ist es erst, seit sie bei einer Reinigungsfirma arbeitet. "Ohne Elena hätte ich das alles nicht geschafft", sagt sie. Jetzt sucht sie mit ihrer Hilfe eine Wohnung. Doch bislang ohne Erfolg.

Portrait

Galina Mitkova hat über die Familienbegleiterinnen auch einen Tornister für ihren Sohn bekommen.

Das schwierige deutsche Schulsystem

Galina Mitkova hatte mehr Glück. Die 23-jährige Bulgarin zog 2016 mit Mann und zwei Kindern nach Deutschland. Alle leben inzwischen in einer eigenen Wohnung. Zu Familienbegleiterin Desislava Draganova kam Galina Mitkova, weil sie nicht wusste, dass sie ihren Sohn schon im November für die Einschulung in diesem Sommer anmelden musste.

Zahlreiche Klassen waren schon voll. Doch sie bekam für ihren sechsjährigen Sohn sogar in der Nähe einen Grundschulplatz. Ein Glücksfall, denn die Kinder der EU-Zuwanderer werden auf Schulen im gesamten Stadtgebiet verteilt.  

Portrait

Angelica Tanase ist den halben Tag damit beschäftigt, ihre Kinder zur Schule zu bringen und wieder abzuholen.

Lange Schulwege ohne Fahrkarte

"Ich stehe jeden Morgen um sechs Uhr auf, um meine drei Kinder zu drei verschiedenen Schulen zu bringen", erzählt Angelica Tanase. Anspruch auf ein Schokoticket haben sie nicht.

"Also müssen wir laufen." Um 11.30 Uhr holt sie alle Kinder wieder ab, macht Mittagessen und geht nachmittags und am Wochenende putzen.

Sie ist froh, dass ihre Kinder nicht auf der Straße spielen müssen, sondern in das Kinderhaus "Casa Copiilor" gehen können.

Portrait

Voichita Seydel-Frunza ist viel in der Dortmunder Nordstadt unterwegs, um die Familien zu besuchen.

Kampf gegen die Klischees

"Das Leben für diese Familien ist unglaublich hart", betont Voichita Seydel-Frunza, die im Rahmen eines dualen Studiums bei der Diakonie Dortmund als Familienbegleiterin arbeitet. "Alle hoffen darauf, dass es ihre Kinder einmal besser haben als sie." Die Voraussetzungen dafür seien gegeben, meint die Studentin. "Die Kinder lernen die deutsche Sprache schnell und gehen gerne zur Schule."

Die gängigen Vorurteile gegenüber EU-Armutszuwanderern können weder sie noch ihre Kolleginnen bestätigen. "Die Kinder wachsen keineswegs im Müll auf", betont Voichita Seydel-Frunza. "Bei unseren Hausbesuchen sehen wir sehr ärmlich eingerichtete, aber saubere Wohnungen und höfliche Kinder."

Gruppenfoto

Noch gefällt es ihnen in Deutschland: Maria, Gesica, Sara und Geneza (v.r.)

Viele Hürden der Integration

Schwierig aber ist es, wenn die Familien nicht aus dem Teufelskreis der Armut herausfinden und die Kinder mit zunehmendem Alter begreifen, dass sie in Deutschland nicht willkommen sind. Ob die achtjährige Gesica in fünf Jahren auch noch ein Herz auf die Tafel malen wird, bleibt also abzuwarten.

Doch Voichita Seydel-Frunza ist optimistisch. "Ich habe ihre Mutter und Gesica erlebt, als sie zum ersten Mal in unsere Beratung kamen", erzählt die Studentin. "Beide sprechen jetzt besser Deutsch und sind viel selbstbewusster."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

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Sabine Damaschke
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