18. Juli 2017

Diakonisch im Ausland: Bernd Baumgarten

Perspektiven schaffen im Armenhaus Europas

Was erwartet Flüchtlinge aus dem Kosovo, wenn sie zurückkehren müssen? Diese Frage hat Bernd Baumgarten 2006 in das ärmste Land Europas geführt. Heute lebt der ehemalige Geschäftsführer des Diakoniewerkes Trier in Mitrovica – und hilft in der Diakonie Kosova nicht nur Rückkehrern, aus der Armut herauszufinden. In unserer neuen Sommerreihe gibt er Einblick in seine tägliche Arbeit.

Portrait

Bernd Baumgarten hat das Kosovo zu seiner Heimat gemacht 

Sie leben in einem Land, das gerne als "Armenhaus Europas" bezeichnet wird und aus dem die Menschen eher weg- als hinziehen. Wie fühlen Sie sich dort?

Ich wohne gerne in Mitrovica. Die Stadt hat rund 100.000 Einwohner und befindet sich auf einer landschaftlich schönen Hochfläche im Norden des Kosovo. Gastfreundschaft wird groß geschrieben. Das hat es mir leicht gemacht, mich hier heimisch zu fühlen. Aber ich bin täglich mit absoluter Armut konfrontiert, was schwer auszuhalten ist. Etwa ein Drittel der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Neulich war eine Frau bei mir, deren Mann vor der Haustür erschossen wurde und die jetzt mit ihren drei Kindern von monatlich 75 Euro lebt. Andere bitten um Unterstützung, weil ihre Kinder krank sind, sie die Medikamente aber nicht zahlen können. Auf staatliche Hilfen kann hier niemand hoffen. Anders als in Deutschland. Da hatte ich als Geschäftsführer des Diakonischen Werkes Trier viel mehr Möglichkeiten, in sozialen Notfällen zu helfen. 

Landschaft

Schöne Landschaft, viel Armut (Foto: Stanet Kulle Planeti/wikimedia commons)

Was hat sie damals als Geschäftsführer des Diakonischen Werkes Trier bewogen, sich mit dem Kosovo zu beschäftigen?

Wir hatten in Trier viele Flüchtlinge aus dem Kosovo, die wieder dorthin abgeschoben wurden. Eine Mitarbeiterin aus unserer Flüchtlingsberatung wollte wissen, was die Rückkehrer in ihrer Heimat erwartet und hat mich gefragt, ob ich sie auf eine Reise ins Kosovo begleiten wolle. Auf die bittere Armut, die ich gesehen habe, war ich vorbereitet. Aber nicht darauf, so viele vom Bürgerkrieg traumatisierte Menschen zu treffen. Gut ein Fünftel der Bevölkerung litt unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung, aber es gab keine Versorgungsstrukturen. In Trier hatten wir viel Erfahrung mit Trauma-Arbeit und wussten, wie wir den Menschen helfen können. Genau damit haben wir dann begonnen und inzwischen eine ganze Generation von Psychiatern, Ärzten und Sozialarbeitern ausgebildet.

Jugendliche zeigen Bild einer Brücke

Eine Brücke malen, eine Brücke sein - Das Jugendzentrum bringt Jugendliche ehemals verfeinderter Familien zusammen

Zur Diakonie Kosova gehört ein Traumatherapiezentrum und ein Jugendzentrum, das Begegnungen zwischen Serben, Bosniern und Kosovo-Albanern anbietet. Sie haben mal gesagt, "Trauma-Arbeit ist Friedensarbeit". Verstehen Sie Ihre sozialen Angebote im Kosovo als einen Beitrag zum Frieden?

Ja, das sehe ich so. Die Menschen haben im jugoslawischen Bürgerkrieg so viel Zerstörung, Gewalt und Tod erlebt. Viele hat das traumatisiert und dieses Trauma haben sie an ihre Kinder und Enkel weitergegeben. Das Land ist innerlich zerrissen. Serben und Kosovo-Albaner stehen sich feindlich gegenüber. Wir erleben das hier hautnah. Unser Jugendzentrum liegt direkt am Fluss Iber unterhalb der Brücke, die den serbischen Teil Nord-Mitrovica und den kosovarischen Teil Süd-Mitrovica verbindet. Doch diese Brücke haben nur wenige genutzt. Das hat sich mit unserem Jugendzentrum geändert. Hier ermöglichen wir Begegnung. Und wir geben den Menschen Hoffnung, indem wir sie in unserem Trainingszentrum gut ausbilden.

Friseurin föhnt einer Kundin die Haare

Friseurausbildung bei der Diakonie Kosova

Die Hälfte der Kosovaren ist unter 25 Jahre alt. Fast 60 Prozent haben keine Arbeit. Was bringt ihnen eine gute Ausbildung?

Sie sorgt dafür, dass sie in der Region Arbeit finden und nicht ins europäische Ausland flüchten, wo sie ohnehin keine Chance auf Asyl haben. Bereits seit 17 Jahren bilden wir hier jährlich rund 600 Jugendliche für den lokalen Arbeitsmarkt aus. Viele finden danach einen Job als Tischler, Fliesenleger, Elektriker und Heizungsbauer oder sie machen sich erfolgreich selbstständig. In den letzten Jahren sind mit Unterstützung der Kindernothilfe noch weitere Ausbildungen dazugekommen. Man kann bei uns nun auch Friseurin, Webdesignerin oder Diskjockey lernen. Hier gibt es eine riesige Heiratsindustrie, die im Juli und August ihren Höhepunkt hat. Friseure und Discjockeys sind in dieser Zeit ausgebucht.

Jugendliche mit Ausbilder vor Wand mit Elektrokabeln

Mit einer guten Elektrikerausbildung haben Jugendliche auch im Ausland bessere Jobchancen 

Sie versuchen bei der Diakonie Kosova auch Rückkehrern eine Perspektive in der Heimat zu geben. Doch was tun Sie, wenn Menschen nicht bleiben wollen?

Ein Teil unserer Arbeit besteht in der Aufklärung über die Möglichkeiten der legalen Migration. Und die gibt es fast nur mit einem Arbeitsvisum. Dafür sind eine gute Ausbildung und gute Fremdsprachenkenntnisse nötig. Wer fest dazu entschlossen ist, in Deutschland Arbeit zu finden, dem helfen wir dabei. Wir haben wir zum Beispiel zwei Jugendliche ausgebildet, die jetzt im Saarland Arbeit gefunden haben. Unser Hauptaugenmerk liegt aber darauf, all jene zu unterstützen, die im Kosovo bleiben. Unser Ziel ist es, Fluchtursachen abzubauen.

Farm auf dem Gelände der Diakonie Kosova 

Sie sind inzwischen 66 Jahre alt. Denken Sie noch an einen Ruhestand in Deutschland?

Nein. Ich werde hier bleiben, denn hier ist meine Familie. Ich bin mit einer Kosovarin verheiratet und habe eine Tochter. Ich stehe noch mitten im Leben und denke nicht ans Aufhören. Wir entwickeln bei der Diakonie Kosova immer wieder neue Projekte, für die wir Spenden und Geldgeber brauchen. Und ich bin der erste Fundraiser unserer Organisation. Es gibt so viel zu tun und die Arbeit macht mir unglaublich viel Freude.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke. Fotos: Diakonie Kosova

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Sabine Damaschke
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