11. Januar 2018

Argumentationshilfe gegen rechts

Gesprächstipps für die Hosentasche

"Das wird man ja wohl noch sagen dürfen" heißt es und dann legen Klienten, Nachbarn oder Kollegen plötzlich mit ausgrenzenden und rechtspopulistischen Sprüchen los. Viele Mitarbeitende der Diakonie kennen diese Situation und wünschen sich eine schnelle erste Argumentationshilfe gegen rechte Stammtischparolen. Die gibt es jetzt bei der Diakonie RWL als Leporello für die Hosentasche. 

Flyer in einer Hostentasche

Passt in jede Hosentasche: Leporello gegen rechte Parolen

Partydebatten über die kriminelle Energie von Flüchtlingen, spöttische Bemerkungen von Nachbarn über das "Gutmenschentum" der Diakonie und Mittagsgespräche mit Kollegen, die sich zum Schlagabtausch über die angebliche "Islamisierung Deutschlands" entpuppen – An Beispielen, wie Mitarbeitende der Diakonie plötzlich und unerwartet mit rechten Parolen konfrontiert sein können, mangelt es nicht. Auf Fachtagen und in Fortbildungen zum Umgang mit dem neu erstarkten Rechtspopulismus in Deutschland kann jeder Teilnehmende seine persönliche Geschichte dazu erzählen.

Nicht selten ist sie mit einem Gefühl der Hilflosigkeit und des Scheiterns verbunden. Manche haben verärgert geschwiegen. Andere sind in einen aufreibenden lautstarken Schlagabtausch hineingeraten, der sie an ihre Grenzen gebracht hat. Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Workshops und Argumentationstrainings, die hier weiterhelfen können. Das neue Leporello der Diakonie RWL "Nächstenliebe verlangt Klarheit" fasst die wichtigsten Anregungen aus diesen Seminaren kurz zusammen. Es gibt Tipps für ein Gespräch, in dem Pauschalierungen und Wut nicht die Oberhand gewinnen und zeigt auf, wo Fallstricke liegen und wie sich Grenzen ziehen lassen. 

Mut zum Widerspruch

Tipps zum Umgang mit rechten Parolen

"Wenn mein Gegenüber nur mit Parolen argumentiert und sich auf nichts anderes einlässt, dann ist es in Ordnung, eine Debatte abzubrechen", rät Birgit Binte-Wingen. Die Leiterin der Freiwilligen-Agentur An Sieg und Rhein bietet gemeinsam mit Andrea Eisele von der Evangelischen Erwachsenenbildung Argumentationstrainings gegen Stammtischparolen an. Dort ermutigt sie die Teilnehmenden, eine klare Haltung zu entwickeln und diese auch zu zeigen. Sie muss aber nicht immer mit Argumenten, Daten und Fakten belegt werden. 

"Wenn ich mich nicht auf eine aufreibende Debatte einlassen will, sollte ich das offen sagen", betont Andrea Eisele. "Aber dabei klarstellen, dass ich die Ansichten meines Gegenübers nicht vertrete. Damit habe ich Stellung bezogen. Das ist wichtig, denn sonst wird mein Schweigen als Zustimmung gewertet." Jeder, so betonen die beiden Trainerinnen, könne seinen Teil dazu beitragen, dass eine Minderheit, die glaubt, für eine schweigende Mehrheit der deutschen Gesellschaft zu sprechen, nicht zu viel Raum gewinnt.

Checkliste für ein Gespräch auf Augenhöhe

Ali Can: Fünf Tipps zum Umgang mit rechten Parolen

"Wir dürfen das Feld nicht den Radikalen überlassen", meint auch Ali Can. Der 23-jährige Student mit türkischen Wurzeln ist viel als interkultureller Trainer unterwegs – auch in der Diakonie. Mit seiner 2016 gegründeten "Hotline für besorgte Bürger" hat er bundesweit für Aufsehen gesorgt. Dort redet der Gießener Student mit Pegida-Demonstranten, AFD-Anhängern und Integrationsskeptikern. "Was ich mache, können andere auch", meint er und ermuntert Teilnehmende seiner Workshops, sich auf Diskussionen einzulassen. Für die "Gespräche auf Augenhöhe" hat er eine Checkliste erstellt.

Wichtig ist ihm dabei, seinem Gegenüber mit Respekt zu begegnen und ihm Raum für Skepsis und Kritik zu geben, diese aber auch zu hinterfragen. "Natürlich kann ich versuchen, mit Hintergrundwissen und Statistiken Vorurteile direkt zu widerlegen", sagt er. "Aber oft ist es besser zu fragen, wie mein Gegenüber zu seiner fremdenfeindlichen Einstellung kommt und meine persönlichen Erfahrungen und Überzeugungen dagegen zu setzen." In seinen Telefongesprächen bemüht sich Ali Can um eine ruhige und humorvolle Atmosphäre.

Ilja Gold und Frederik Schürhoff (v.l.) von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus zu Gast bei der Diakonie RWL 

Expertenrat in akuten Krisensituationen

Was aber, wenn ausreichend Gespräche geführt worden sind und Eltern in der Kita immer wieder gegen muslimische Kinder hetzen? Oder wenn plötzlich Hakenkreuze an die Wände der Schultoilette gemalt sind? Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus in NRW bietet neben Workshops und Schulungen auch Unterstützung bei akuten Vorfällen an.

Seit 2008 ist sie in den fünf Regierungsbezirken mit mittlerweile rund zwanzig Beratern aktiv. "In den letzten zwei Jahren werden wir deutlich häufiger für Fortbildungen zu Gesprächsstrategien im Umgang mit rechtspopulistischen Positionen, aber auch für individuelle Beratungen angefragt", sagt Ilja Gold, Berater aus Köln. Gerade in pädagogischen Kontexten bestehe der "Wunsch nach Handlungssicherheit". In der Diakonie RWL war die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus im vergangenen Dezember auf einer Tagung für Fachkräfte aus dem Bereich der Familienhilfe und Kindertagesstätten zu Gast.

Neben der vom Bundesfamilienministerium geförderten Organisation gibt es noch weitere Bildungsträger, die regelmäßig in kirchlichen und diakonischen Einrichtungen Schulungen anbieten. Einige Hinweise finden Sie im Info-Kasten oben links.

Das Leporello "Nächstenliebe verlangt Klarheit – Auseinandersetzung wagen und im Gespräch bleiben" kann kostenfrei bei der Diakonie RWL unter www.diakonie-rwl.de/bestellformular/auseinandersetzung-wagen bestellt werden.

Text und Fotos: Sabine Damaschke, Videos: Christian Carls

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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