6. September 2019

Alphabetisierungstag

Wort für Wort die Welt erschließen

Mehr als sechs Millionen Menschen in Deutschland können kaum oder sogar gar nicht lesen und schreiben. Davon sind 47 Prozent Geflüchtete und Migranten. Sie müssen nicht nur in ihrer neuen Heimat ankommen, sondern auch in einer für sie neuen Sprache lesen und schreiben lernen. "Ohne viel Unterstützung und Betreuung klappt das nicht", sagt Heike Keßler-Wiertz von der Werkstatt der Kulturen der Diakonie Aachen anlässlich des Weltalphabetisierungstags.

  • In fünf Alphabetisierungskursen lernen die Teilnehmenden in der Werkstatt der Kulturen lesen und schreiben.

Wie bringt man jemandem lesen und schreiben bei, der kaum oder gar kein Deutsch spricht?
Mit lebensnahen Erfahrungen, Geduld und vielen unterschiedlichen Lehr- und Lernmethoden. Viele der Teilnehmenden haben noch nie einen Stift in der Hand gehalten. Häufig fehlt dieses sensomotorische Empfinden. Wir fangen damit an, Buchstaben aufzuzeichnen und mit einer Schere auszuschneiden.

Wir nutzen die Möglichkeiten von Exkursionen, in dem wir beispielsweise einkaufen gehen, Bus- und Zugpläne lesen lernen. Die unterschiedlichen Methoden sind wichtig, denn die Teilnehmenden haben oft Schwierigkeiten, sich vier Stunden durchgängig zu konzentrieren. Viele haben nie oder nur selten eine Schule besucht, sie sind das einfach nicht gewohnt. Da geht es dann auch darum, das Lernen zu lernen.

Wer besucht Ihre Alphabetisierungskurse?

Unsere Teilnehmenden sind zwischen 23 und 69 Jahre alt. Je nach politischer Entwicklung und auch den Veränderungen im deutschen Asylrecht kommen die Menschen aus der ganzen Welt. Aktuell stammen viele aus Syrien, der Türkei, Afghanistan und dem Irak. Aber wir haben auch Migranten aus Europa in unseren Kursen, zum Beispiel aus Bulgarien oder Rumänien. Als wir 2003 mit den Kursen gestartet sind, hatten wir deutlich mehr Frauen als Männer. Jetzt teilt sich das gleichmäßig auf.

Lesen und schreiben steigert das Selbstwertgefühl, sagt Heike Keßler-Wiertz von der Aachener Werkstatt der Kulturen.

Lesen und schreiben steigert das Selbstwertgefühl, sagt Heike Keßler-Wiertz von der Aachener Werkstatt der Kulturen.

Die Integrationskurse sind für Neuzuwanderer verpflichtend. Beeinflusst das die Motivation der Teilnehmenden?
Überhaupt nicht! Die meisten unserer Teilnehmer sind hochmotiviert und wollen unbedingt lernen. Nicht schreiben und lesen zu können – das empfinden sie als Mangel. Manche müssen wir manchmal sogar etwas bremsen, damit sie nicht zu schnell zu viel erwarten. 

Wir haben aktuell sechs Integrationskurse, fünf davon sind mit einem Alphabetisierungskurs verknüpft. Und in allen fünf Kursen merken wir: Das Lesen und Schreiben lernen macht ganz viel mit den Menschen. Sie werden deutlich selbstbewusster und ihr Selbstwert steigt. Vor allem bei den Frauen ist das ganz deutlich – auch äußerlich. Viele gehen am Ende des Kurses viel aufrechter, weil sie sich ihre Welt selbstständig erschließen können. Das macht uns natürlich auch ein wenig stolz.

Die Integrationskurse stehen in der Kritik, weil durchschnittlich nur die Hälfte der Teilnehmenden den Deutschtest am Ende des Kurses besteht. Wie sind die Zahlen bei Ihren Kursen?
Bei uns bestehen in der Regel 65 Prozent der Teilnehmenden in allgemeinen Integrationskursen den Test für das Sprachniveau B1, können sich also am Ende des Kurses  in Alltagssituation gut verständigen. Mit dieser Zahl liegen wir deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Das liegt an unserem Konzept, das auf intensive persönliche Betreuung setzt.  Zwei Lehrerinnen und Lehrer teilen sich einen Kurs. 

Außerdem haben wir ehrenamtliche Lernhelfer, die einzelne Teilnehmende nochmal gezielt unterstützen und mit ihnen lernen. Wenn es familiäre Probleme oder Lernschwierigkeiten gibt, können wir sofort reagieren und haben eine sozialpädagogische Betreuung. Aber nicht alle Anbieter können das so leisten, wie wir das tun. 

Der Kontakt zu unseren Kursteilnehmern ist sehr eng; immerhin begleiten wir sie im Schnitt über 1,5 bis zwei Jahre. So lange dauert der Kurs mit 900 bis 1300 Stunden. Auch innerhalb des Kurses entstehen häufig innige Freundschaften. Während der Zeit kommen Kinder zur Welt, es wird geheiratet oder die Geflüchteten finden eine eigene Wohnung. 

Sich mit den Menschen auseinandersetzen: Heike Keßler-Wiertz setzt auf eine enge Betreuung der Teilnehmenden.

Heike Keßler-Wiertz setzt in den Kursen der Werkstatt der Kulturen auf eine enge Betreuung der Teilnehmenden. 

Zwischen 2017 und 2018 hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) 24 Anbietern die Zulassung für Integrationskurse entzogen oder sie nicht verlängert. Bei einem der Anbieter mussten die Teilnehmenden auf Campingstühlen sitzen. Gibt es bei den Anbietern von Integrationskursen besonders viele schwarze Schafe?

Mich ärgert es, dass immer wieder die Ausnahmen herangezogen werden, um ein so striktes und kontrollierendes System zu rechtfertigen. Einige wenige schwarze Schafe gibt es natürlich, aber der Großteil der Anbieter versucht, aus einer mehr als schwierigen Lage das Beste zu machen. Wer Integrationskurse anbietet, investiert meist jede Menge Herzblut.

Die Anforderungen vom Bamf sind unheimlich hoch. Es gibt einen enorm hohen Verwaltungsaufwand, jede Veränderung muss mitgeteilt werden. Und wir haben keine Planungssicherheit. Das Bamf bezahlt 3,90 Euro für jeden, der in den Unterricht kommt. Bricht ein Teilnehmender ab – aus welchen Gründen auch immer – gibt es auch kein Geld. Das planerische Risiko für einen solchen Kurs liegt komplett bei uns. Wir könnten keine Exkursionen oder die engmaschige Betreuung bezahlen, wenn wir nicht querfinanziert würden. Eine feste Pauschale, die zweimal im Jahr ausbezahlt wird, wäre eine große Hilfe.

Das Gespräch führte Ann-Kristin Herbst, Fotos: Christian Carls und Werkstatt der Kulturen

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ann-Kristin Herbst

Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

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Analphabetismus
Weltweit können 750 Millionen Menschen kaum oder gar nicht lesen und schreiben. Zwei Drittel von ihnen sind Frauen. Etwa die Hälfte aller Analphabeten lebt in Südasien, 27 Prozent in Afrika südlich der Sahara. Bei Analphabetismus wird zwischen primärem und sekundärem Analphabetismus unterschieden. Primäre Analphabeten haben nie schreiben und lesen gelernt. Sekundäre Analphabeten hingegen haben das einmal Erlernte wieder vergessen. Viele Migranten haben ein anderes Schriftsystem als das lateinische erlernt. Sie werden als Zweitschriftlernende bezeichnet. Ihnen gelingt es häufig schneller, lesen und schreiben zu lernen.