25. August 2017

Aktiv gegen Rechtspopulismus

Ali und die besorgten Anrufer

Ali Can kam mit seiner Familie aus dem Südosten der Türkei nach Deutschland. Heute ist der 23-jährige Deutschstudent ein Beispiel für gelungene Integration – und hat eine Mission: Er will "besorgten Bürgern" die Ängste vor Flüchtlingen in Telefongesprächen nehmen. Die Erfahrungen mit seiner Hotline hat er schon in Workshops der Diakonie vorgestellt. Ab heute sind sie auch in einem Buch nachzulesen.

Portrait

Zweimal pro Woche schaltet Ali Can seine "Hotline für besorgte Bürger" (Foto: Manfred Esser)

Eigentlich könnte Ali Can wie seine Kommilitonen am Schreibtisch sitzen und lernen oder bei einem Bier ausspannen. Doch vier Stunden pro Woche hat er für Telefongespräche mit fremden Menschen reserviert. Dann sitzt er in seinem Zimmer, das Handy in der Hand und Süßigkeiten auf dem Tisch. "Das brauche ich, um mich zu beruhigen, wenn das Gespräch anstrengend wird."

Was regelmäßig vorkommt, denn der 23-jährige Student redet seit einem Jahr mit all denen, die sich von der "Lügenpresse" verleumdet und in die "Nazi-Ecke" gedrängt fühlen, weil sie ihre Sorgen vor einer "Islamisierung Deutschlands" äußern. Er redet mit Pegida-Demonstranten, AfD-Anhängern und Integrationsskeptikern. Eben mit all jenen, die sich als "besorgte Bürger" bezeichnen. Für sie hat er vor einem Jahr eine Hotline eingerichtet. Seine Erfahrungen damit kann man jetzt in einem Buch nachlesen, das im Bastei-Lübbe-Verlag erscheint.

Miteinander reden statt übereinander

"In der Flüchtlingsfrage sind die Fronten in Deutschland völlig verhärtet. Doch statt miteinander zu sprechen, reden wir übereinander", kritisiert Ali Can. "Genau das will ich mit meiner Hotline aufbrechen." Mehrere hundert Menschen haben bislang die Diskussion mit Can gesucht, der sich "Asylbewerber Ihres Vertrauens" zum Gespräch anbietet. Als alevitischer Kurde geboren, hat er selbst mit seiner Familie in Deutschland Asyl gesucht. Er spricht die Sprache fließend, kennt sich mit beiden Kulturen aus. 

Buchcover

Ab heute im Handel erhältlich: Ali Cans Erfahrungen mit seiner Hotline als Buch (Foto: Bastei Lübbe-Verlag)

Dass er als einziger aus der Familie studiert, verdankt er vor allem Freunden, Nachbarn und Lehrern. Seine Eltern, die im Münsterland einen Imbiss betreiben, sind nie zur Schule gegangen. "Wir haben viel Unterstützung erhalten, davon möchte ich etwas zurückgeben", betont Can. Das motiviert ihn, all jenen zuzuhören und mit Wertschätzung zu begegnen, die sich mit Flüchtlingen und Migranten schwer tun. Dabei hält es der Gießener Deutsch- und Ethikstudent mit Albert Schweitzer und dessen Überzeugung "Jeder Mensch geht uns als Mensch etwas an".

Zuhören und Ängste ernst nehmen

Wie sich diese Haltung in kontroversen Diskussionen ausdrücken kann, zeigt Ali Can anhand von Gesprächsprotokollen in seinem Buch. Da gibt es das zynische AfD-Mitglied, das ein Einreiseverbot für Muslime will, den Pegida-Demonstrant, der die christlich-abendländische Kultur durch die Flüchtlinge in Gefahr sieht. Es gibt aber auch den Studenten, der die Integration nur für möglich hält, wenn sich Migranten an die deutsche Kultur anpassen, und die besorgte Flüchtlingshelferin, die sich an kulturellen Hürden abarbeitet.

Die Ängste seiner Gesprächspartner nimmt Ali Can stets ernst. Er hört gut zu, fragt nach, sucht gemeinsame Interessen, die er etwa in seiner Liebe zu Literatur und Theater findet. Und er bringt Humor ins Gespräch. "Das nimmt der Diskussion die Schwere und oft auch den Dampf aus dem Kessel", beobachtet er. Denn unter Druck stehen viele seiner Anrufer. Die meisten sind übrigens Männer.

Ali Can in der Tagesschau: Sein Projekt findet große Medienresonanz 

Pauschalierungen aufdecken

Ali Can gibt zu, dass er auf manche Fragen keine Antworten hat. Denn einfache Lösungen gibt es beim Thema Flucht und Integration nicht. Er wirbt deshalb dafür, genauer hinzusehen und Pauschalierungen über "die Muslime" und "die Christen" zu vermeiden. Häufig spielt das Thema Religion eine Rolle. "Doch die eigenen Werte wurzeln selten in den Heiligen Schriften der Religion, an die man glaubt", so Can, "sondern in der ethisch-moralischen Tradition, in der man erzogen wurde."

Von Integrationsskeptikern zu Integrationsbefürwortern macht Ali Can seine Gesprächspartner selten. Aber er will Denkanstöße geben, was ihm, wie er meint, selbst in aufreibenden Gesprächen mit AfD-Anhängern gelungen ist. Andererseits nimmt er auch deren Kritik ernst. In seinem Buch gibt er dafür ein Beispiel. Dort protokolliert er den harten Schlagabtausch mit einem überzeugten AfD-Mitglied, das ihn als "quotenschwarzen Vorzeigemigrant" beleidigt und sein Ideal einer gerechteren Welt spöttisch hinterfragt. "Stärker als bisher reflektiere ich jetzt meinen eigenen Lebensstil und den Luxus, den wir in Deutschland genießen", lautet Cans selbstkritische Bilanz. 

Portrait

Ali Can gibt viele Workshops zum Thema "interkulturelle Kompetenz" (Foto: Frank Gerhold)

Das Feld nicht den Radikalen überlassen

Wäre es nicht besser gewesen, den Schlagabtausch zu beenden? "Nein", meint Can. "Wir dürfen das Feld nicht den Radikalen überlassen. Es ist wichtig, Haltung zu zeigen." Dazu will er Mut machen. Auch dafür nutzt er seine Hotline. "Bei mir rufen aufgeschlossene, tolerante Menschen an, die wissen wollen, wie sie in Diskussionen geduldig bleiben können", erzählt er. Sein Tipp: Sich bewusst machen, dass eine klare Haltung Stärke gibt, tief atmen, beten, Kleinigkeiten essen – das beruhigt.

All das gibt der Student auch in seinen Workshops weiter, mit denen er häufiger in diakonischen Einrichtungen zu Gast ist. So auf dem Studientag bei der Diakonie RWL am 22. November 2017. "Was ich mache, können andere auch", betont er. "Jeder, der eine klare Haltung hat, ist in der Lage, Position für eine menschenwürdige und friedfertige Gesellschaft zu beziehen."

Text: Sabine Damaschke

Buchtipp:

Ali Can: Hotline für besorge Bürger, Antworten vom Asylbewerber Ihres Vertrauens, Bastei-Lübbe-Verlag, 271 Seiten, 16 Euro

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