15. September 2017

10 Jahre Integrationsagenturen

Netzwerker der Kulturen

In keinem anderen Bundesland leben so viele Zuwanderer wie in Nordrhein-Westfalen. Damit das friedliche Zusammenleben vor Ort gelingt, hat die Landesregierung vor zehn Jahren Integrationsagenturen eingerichtet. Ihr Job: Brücken bauen zwischen Zuwanderern und Einheimischen. Sandro Di Maggio macht das für die Diakonie Mark-Ruhr im ländlichen Ennepe-Ruhr-Kreis. 

Portrait

Ein Mann für alles: Sandro Di Maggio ist "die Integrationsagentur"

Integrationsagentur – das klingt nach großem Team und professioneller Beratung in Sachen Migration. Doch wer hinter das imposante Türschild blickt, findet dort nur einen Mann: Sandro Di Maggio. Er ist "die Integrationsagentur" im südlichen Ennepe-Ruhr-Kreis, der Region zwischen Wuppertal, Hagen und Bochum mit rund 320.000 Einwohnern.

Von der Kreisstadt Schwelm aus soll er Vereine, Behörden, Kirchen, Schulen, Kitas und Initiativen vernetzen, die die Integration vor Ort gestalten. "Ich bin ein Vermittler zwischen der Einwanderungs- und Aufnahmegesellschaft", erklärt der 37-jährige Sozialwissenschaftler, der weiß, wovon er spricht. Sandro Di Maggios Vater war italienischer Gastarbeiter, die Mutter ist Deutsche. Seit vier Jahren arbeitet er für die Diakonie Mark-Ruhr in Schwelm.

Ein "Café International" und ein jährliches Folklorefest hat er initiiert. Das Projekt "Horizonte" lädt Jugendliche unterschiedlicher Kulturen in Erzählcafés und Kunstworkshops ein. Seine jüngste Idee steht noch auf dem Flipchart im Büro: Sportvereine für Flüchtlinge öffnen. 

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Telefonieren, organisieren, unterwegs sein - Sandro Di Maggio ist selten in seinem Büro

Experte für Interkulturelle Trainings

Unter dem Dach der Diakonie RWL gibt es in NRW 31 Integrationsagenturen, insgesamt sind es 171. Alle werden von Wohlfahrtsverbänden getragen – und fast alle bestehen aus einer Person. Da sind Eigeninitiative, Kreativität und Organisationstalent gefragt. Aber auch der gute Draht zu anderen Migrationsexperten.

"Ohne den Austausch mit unserem Migrationsdienst in Hagen und anderen Integrationsagenturen der Diakonie wäre es schwierig für mich", gibt Sandro Di Maggio zu. Sie unterstützen sich bei der Sozialraumanalyse, die jede Integrationsagentur jährlich verfassen muss, um festzustellen, welche Projekte gerade vor Ort dran sind. Sie reden über ihre Erfahrungen und beteiligen sich an Projekten der Kolleginnen und Kollegen.

Wenn es um interkulturelle Trainings geht, ist Sandro Di Maggio ein beliebter Ansprechpartner. Dazu bietet er häufig Workshops in Kirchen, Schulen oder bei Behörden an. Auch in der Ausbildung ehrenamtlicher Sprach- und Kulturmittler der Diakonie Mark-Ruhr engagiert er sich. Denn die Dolmetscher mit Migrationshintergrund werden überall in der Integrationsarbeit gebraucht. Und sind – genau wie Sandro Di Maggio – ein Brückenbauer zwischen den Kulturen.

Gruppenfoto

Stolz auf ihren Job: Madlena Sovaryan und Seker Talehe (von links)

Kulturelle Orientierung von Anfang an

"Beim Übersetzen geht es nicht nur um die Sprache, sondern auch um kulturelle Hintergründe, die ich erklären muss", sagt Seker Talehe. Die 39-jährige Erzieherin spricht Kurdisch und Türkisch und begleitet derzeit viele kurdische Syrer. Ob beim Arzt, in der Ausländerbehörde, Jobcenter oder in der Kita – immer wieder erklärt sie, dass man in Deutschland einen Termin braucht, Formulare wichtig sind und für viele Medikamente ein Rezept nötig ist. Madlena Sovaryan aus Armenien geht es ähnlich. Sie spricht Armenisch, Russisch und Englisch und sieht in ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit auch eine Chance, ihre eigenen Deutschkenntnisse zu verbessern.

"Ich möchte anderen bei der Integration helfen, denn ich weiß, wie schwer es ist, die deutsche Sprache und Kultur zu verstehen", sagt sie. Die 39-jährige Englischlehrerin ist alleinerziehend und erst vor vier Jahren mit ihren drei Kindern aus Armenien nach Deutschland gekommen. "Zuwanderer brauchen nicht nur Sprachkurse, sondern auch eine kulturelle Orientierung von Anfang an. Das würde helfen, viele Missverständnisse und Vorurteile zu vermeiden." 

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Ioanna Zacharaki, bei der Diakonie RWL für die Integrationsagenturen zuständig, freut sich über die Theaterreihe, die in Kooperation mit der Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit entstand und mit Mitteln der Bezirksregierung gefördert wird.
 

Integrationsagenturen als Streitschlichter

Auch damit setzen sich die Integrationsagenturen auseinander. Ihre jährliche Sozialraumanalyse soll dabei helfen, Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen oder dort, wo es sie bereits gibt, einzugreifen.

"Viele Fachkräfte haben eine Ausbildung in interkultureller Mediation", sagt Ioanna Zacharaki, die bei der Diakonie RWL für die Integrationsagenturen zuständig ist. Sie kümmert sich um die Finanzierung aus Landesmitteln, bietet Weiterbildungen und fachliche Beratung an.

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Was ist überhaupt Kultur? Eine Frage, die Sandro Di Maggio gerne in seinen Trainings stellt

Jede Integrationsagentur hat eigene Schwerpunkte. Bei Sandro Di Maggio ist es die Interkulturelle Öffnung. Andere Integrationsagenturen, etwa bei der Diakonie Düsseldorf, sind sehr aktiv in der Antidiskriminierungsarbeit.

Sozialraumorientierte Arbeit spielt in Duisburg eine große Rolle, wo viele Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien leben. In Castrop-Rauxel dagegen unterstützt die Integrationsagentur des Kulturzentrums AGORA vor allem das bürgerschaftliche Engagement der Migrantenselbstorganisationen.

Gruppenfoto

Ioanna Zacharaki mit Mitarbeitenden der Integrationsagenturen

"Seit ihrer Gründung vor zehn Jahren haben die Integrationsagenturen viele Projekte angestoßen und Menschen unterschiedlicher Kulturen zusammengebracht", freut sich Ioanna Zacharaki. Es gibt also Grund zu feiern. Alle Integrationsagenturen kommen daher am Freitag zu einem Rück- und Ausblick zusammen.

Sandro Di Maggio ist dabei. Er wünscht sich für die Zukunft vor allem eines: dass unter dem Schild der Integrationsagentur künftig nicht nur sein Name steht.

Text und Fotos: Sabine Damaschke

Jubiläumsfilm: 10 Jahre Integragionsagenturen

Jubiläumsfilm: 10 Jahre Integrationsagenturen

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Ioanna Zacharaki
Migration und Flucht
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