7. April 2017

Weltgesundheitstag 2017

Diagnose: Depression

"Depression - let's talk" lautet das Motto des heutigen Weltgesundheitstages. Doch über Depressionen zu reden, ist gar nicht so einfach. Dabei trifft die psychische Erkrankung Menschen jeden Alters, in allen Bevölkerungsgruppen und allen Ländern. In Deutschland sind jedes Jahr rund 5,3 Millionen Menschen von einer Depression betroffen. Immer mehr suchen professionelle Hilfe, aber auf die müssen sie häufig viel zu lange warten. 

Frau hält ihren Kopf in den Händen

Volkskrankheit Depression (Foto: Günter Havlena/pixelio.de)

Die Arbeit in einem Behindertenwohnheim war ihr Traumjob. Doch vor zwei Jahren ging bei Beate Schneider (Name geändert) auf einmal nichts mehr. Nach einem Nervenzusammenbruch schickte sie ihr Arzt in die Klinik. "Ich hatte Depressionen und massive Eheprobleme", erzählt die fünffache Mutter. "Aber das hätte ich vor meinen Kollegen nicht zugegeben. Ich habe lieber von einem Burnout gesprochen." Kein Wunder, gilt Burnout in der leistungsorientierten deutschen Gesellschaft doch als eine Krankheit der Starken, die sich im Beruf überfordert haben, während mit einer Depression eher Schwäche verbunden wird.

Ohnehin reden viele Menschen in Deutschland nicht gerne über psychische Erkrankungen. Dabei ist nach Einschätzung von Experten jeder Dritte im Laufe seines Lebens davon betroffen. Den Hauptanteil machen Angsterkrankungen, Depressionen und Abhängigkeitserkrankungen wie Alkoholsucht aus. Laut dem NRW-Gesundheitssurvey 2015 leiden 19 Prozent der Menschen in NRW im Laufe ihres Lebens unter einer Depression oder depressiven Verstimmung, wobei Frauen mit 23 Prozent häufiger eine entsprechende Diagnose erhielten als Männer (15 Prozent).

Mogelpackung Psychotherapie-Reform

Trotz ihres hohen Leidendrucks lassen sich aber fast zwei Drittel aller psychisch erkrankten Menschen nicht professionell helfen. "Die Behandlungsquote liegt nur bei rund vierzig Prozent", beobachtet Elke Grothe-Kühn, Leiterin des Geschäftsfeldes Krankenhaus und Gesundheit bei der Diakonie RWL. Der Grund dafür ist aber nicht nur bei den Betroffenen zu suchen, die sich scheuen, beim "Seelendoktor" um einen Termin zu bitten. Seit Jahren fehlen Therapieplätze. 

Portrait

Christian Berning leitet die Tagesklinik für Psychotherapie und Psychiatrie in Schwerte (Foto: privat)

Um hier gegenzusteuern, wurde am 1. April eine neue Psychotherapie-Richtlinie in Kraft gesetzt. Zeitungen sprechen von der größten Reform der Psychotherapie "seit Beginn des Jahrhunderts" (FAZ). Innerhalb von vier Wochen solle es nun einen Termin beim Psychotherapeuten geben. Doch dieser dient lediglich der ersten Beratung. Auf eine Therapie werden Betroffene weiter lange warten müssen, da eine Ausweitung der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung nicht damit verbunden ist.

Nicht viel günstiger ist die Situation bei der Versorgung in teilstationären Angeboten. Christian Berning, seit über 20 Jahren Arzt in der Psychiatrie, leitet in Schwerte eine sogenannte "Tagesklinik". Die Menschen kommen am Morgen und gehen am Abend und bleiben so in ihrem gewohnten Umfeld. Von der Überweisung bis zur Aufnahme müssen die Patientinnen und Patienten manchmal bis zu vier Monate warten. Im Moment sind es "nur" sechs bis acht Wochen. "Die langen Wartezeiten frustrieren, einige Patienten verlieren während des Wartens den Mut für den gewählten Schritt", erzählt Berning.  

Schild Wartezimmer

Wer in Deutschland eine Therapie machen will, muss viel Geduld haben (Foto: Rainer Sturm/pixelio.de)

Wartezeiten gefährden therapeutische Erfolge

In seiner Klinik, die zu den ersten selbstständigen Fachkliniken in Deutschland gehörte, die nicht an ein Krankenhaus angebunden sind, werden Menschen mit Depressionen und Angststörungen, Essstörungen, Persönlichkeitsstörungen, Psychosen und weiteren Erkrankungen behandelt. Es gibt insgesamt 40 Plätze. 80 bis 90 Prozent der Patientinnen und Patienten kommen mit der Diagnose "Depression". In der Tagesklinik finden sie tagesstrukturierende und therapeutische Angebote, Kontakt und Gemeinschaft.

 "Je früher solche Angebote greifen, desto höher ist die Chance auf eine schnelle Stabilisierung und Verbesserung der Lebenssituation", betont Berning. Ist eine Anschlussbehandlung erforderlich, müssen die meisten Patienten wieder lange auf eine ambulante Therapie oder medikamentöse Weiterbehandlung warten. Das gefährdet laut Berning die erzielten therapeutischen Erfolge. Neue Patienten warten mitunter ein Jahr auf einen Termin bei einem niedergelassenen Psychiater, der als Facharzt für die Weiterbehandlung mit Medikamenten zuständig wäre.

Portrait

Elke Grothe-Kühn

Landespsychiatrieplan will bessere Vernetzung

In Nordrhein-Westfalen arbeitet die Regierung gerade an einem neuen Landespsychiatrieplan, der eine bessere Verzahnung von stationärer und ambulanter Hilfe vorsieht, aber auch ein umfassendes therapeutisches Angebot in den Krankenhäusern anstrebt. "Damit soll der Stigmatisierung psychischer Erkrankungen entgegengewirkt werden", erklärt Elke Grothe-Kühn. "Für Patienten ist es leichter, in eine normale Klinik zu gehen, in der es auch Stationen für Psychosomatik, Psychotherapie und Psychiatrie gibt, als eine Fachklinik aufzusuchen."

Während ihres sechswöchigen Aufenthaltes in einer psychosomatischen Klinik hat Beate Schneider viel über Depressionen gelernt – und auch, dass sie sich dafür nicht schämen muss. Als sie ihren Kollegen davon erzählte, war sie über deren Verständnis erstaunt. "Sie haben mit großer Anteilnahme reagiert", erzählt sie. Eine Einzel- und Paartherapie half ihr, Job, Ehe und Familie wieder in Einklang zu bringen. "Es war gar kein Problem, wenn ich die Dienstpläne für meine Therapie ändern musste."

Text: Christian Carls/Sabine Damaschke

Ihr/e Ansprechpartner/in
Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (20 Stimmen)