10. Oktober 2017

Tag der seelischen Gesundheit

Plädoyer für eine gesunde digitale Arbeitswelt

Immer schneller, immer mehr und immer mehr gleichzeitig – so erleben viele Mitarbeitende die Digitalisierung der Arbeitswelt. Der ständige Stress kann krank machen. Darauf weist die Weltgesundheitsorganisation am heutigen Internationalen Tag der seelischen Gesundheit hin. Was aber braucht es, damit der "Arbeitsplatz 4.0" nicht zur Krankheitsfalle wird? Frank Großheimann von der BKK Diakonie plädiert für klare Regelungen.

Portrait

Gefragter Redner und Workshopleiter: Frank Großheimann von der BKK Diakonie

Immer mehr Studien belegen, dass die zunehmende Digitalisierung der Arbeitswelt eine Gefahr für die seelische Gesundheit der Mitarbeitenden ist. Doch nicht jeder wird krank. Was also hält mich gesund im stressigen Arbeitsleben?

Als Krankenkassenbetriebswirt und systemischer Coach beschäftige ich mich schon lange mit der Frage, was Gesundheit eigentlich bedeutet. Ich komme dabei immer mehr zu dem Ergebnis, dass es eine Frage der Haltung ist. Wer sich trotz mancher Beeinträchtigungen – auch körperlicher Art – die Lebensfreude erhält, steht weniger in der Gefahr, seelisch krank zu werden. Dafür ist wichtig, dass er sich in seinem sozialen Umfeld gut aufgehoben und gestärkt fühlt, aber auch das Gefühl hat, über sein Leben bestimmen zu können. Das stärkt die Widerstandskraft – auch gegenüber den digitalen Stressfaktoren am Arbeitsplatz. Schwierig wird es immer, wenn Menschen sich hilflos ausgeliefert fühlen.

Das scheint aber vielen Arbeitnehmern so zu gehen, denn die Digitalisierung lässt sich nicht zurücknehmen. Laut einer Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes fühlen sich 61 Prozent der Beschäftigten oft gestresst durch die ständige Erreichbarkeit und ein höheres Arbeitstempo, das von Ihnen verlangt wird.   

In der Tat befördert die Digitalisierung eine höheren Taktung im Arbeitsleben und die ständige Steigerung der Arbeitseffektivität, die wir seit einigen Jahrzehnten erleben. Bei der BKK Diakonie haben wir oft mit psychischen Erkrankungen zu tun – mehr als bei anderen Krankenkassen. Mitarbeitende sozialer Berufe müssen ohnehin viele psychisch belastende Situationen erleben, wenn sie arme, missbrauchte, kranke oder sterbende Menschen begleiten. Jetzt kommen noch digitale Herausforderungen wie komplizierte Patientenmanagementsysteme und die ständige Erreichbarkeit über Diensthandys hinzu. Die Gefahr, in eine Erschöpfungsfalle zu geraten, ist groß, gerade bei Mitarbeitenden, die dicht an Patienten und Klienten arbeiten. Bei fast jeder zweiten Frühverrentung spielen psychische Erkrankungen eine zentrale Rolle. Arbeitgeber müssen sich mehr Gedanken darüber machen, wie sie hier gegensteuern können.

Wie erleben sie das in der Diakonie? Setzen sich die Werke und Einrichtungen mit der Digitalisierung auseinander und entwickeln Konzepte für einen gesunden Umgang damit?

Das ist sehr unterschiedlich. An manchen Stellen beobachte ich Aktionismus, der dann aber auch schnell wieder abklingt und wenig Nachhaltiges entstehen lässt. Insgesamt spielt das Thema noch eine untergeordnete Rolle. Die Arbeitszeiten sind geregelt, aber was das für die Diensthandys und die Mailprogramme heißt, ist teilweise nicht geklärt. 

Aufgeklappter Laptop mit Ampel und Aufschrift "Stop! Feierabend"

Feierabend gilt auch in der digitalen Welt, meint Frank Großheimann (Foto: Wolfgang Dirscherl/pixelio.de)

Mancherorts gehört es sogar zum guten Ton, abends oder am Wochenende, wenn der Mitarbeitende frei hat, dienstliche Anfragen zu beantworten. Dem müsste meines Erachtens ein Riegel vorgeschoben werden. Feierabend gilt auch in der digitalisierten Arbeitswelt. Es braucht klare Regeln. Wie die aussehen können, sollte vor Ort in den Werken und Einrichtungen stärker diskutiert und festgelegt werden.

Viele jüngere Mitarbeitende haben damit oft kein Problem. Laut einer Umfrage der Techniker Krankenkassen empfindet nur jeder Dritte der Angestellten unter 30 Jahren die Digitalisierung am Arbeitsplatz als Belastung. Was bedeutet das für die Zusammenarbeit mit den älteren Mitarbeitenden?

Ich sehe darin weniger ein Problem als eine Chance. Wenn Mitarbeitende entsprechend ihrer Fähigkeiten eingesetzt werden, entlastet das ein ganzes Team. Wir brauchen Menschen, die gerne und gut mit der Digitalisierung umgehen und hier Aufgaben übernehmen. Sie können zum Beispiel Entlastung schaffen, indem sie digitale Managementsysteme so nutzerfreundlich gestalten, dass ältere Mitarbeitende damit besser zurechtkommen. Statt Konkurrenzen zwischen jungen und alten Mitarbeitenden aufzubauen, sollten Arbeitgeber dafür sorgen, dass sich die frische Ideen der jüngeren und die Erfahrungen der älteren Mitarbeiter in gemischten Teams ergänzen. Die gute und kluge Arbeitsorganisation spielt in allen Branchen eine zentrale Rolle für die Gesundheit der Arbeitnehmer.

In der Politik und bei Gewerkschaften wird viel darüber diskutiert, wie die negativen Auswüchse der digitalen Arbeitswelt in den Griff zu bekommen sind. Da ist von einer "Anti-Stress-Verordnung" und einem Mitbestimmungsrecht bei der Arbeitsmenge die Rede. Kann das helfen, den digitalen Stress zu reduzieren?

Ich halte es für eine Illusion, die Arbeitsmenge über eine Verordnung bestimmen zu können. Wie will man die messen? Das geht in den meisten Branchen nicht. Nach meiner Einschätzung geht das in vielen Branchen nicht. Überhaupt macht es wenig Sinn, wenn von oben Anti-Stress-Programme angeordnet werden. Mitarbeitende wollen nicht bevormundet, aber in ihren Bedürfnissen und Sorgen ernst genommen und konkret unterstützt werden. Das sollten die Führungskräfte im Blick haben. Ich finde, es wird Zeit für verpflichtende Fortbildungen zum Thema "gesundes Führen".

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

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Sabine Damaschke
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