8. Mai 2018

Öko-fairer Einkauf von Textilien

Faire Löhne, bessere Qualität

Das Handeln diakonischer Unternehmen hat in Zeiten der Globalisierung Auswirkungen auf Mensch und Umwelt weltweit. Wer etwa Bettwäsche, Handtücher oder Arbeitskleidung aus Billiglohnländern einkauft, unterstützt damit katastrophale Arbeitsbedingungen. Pfarrer Dietrich Weinbrenner, Beauftragter der westfälischen Landeskirche für nachhaltige Textilien, wirbt daher für den öko-fairen Einkauf in der Diakonie.

Dietrich Weinbrenner setzt sich in Kirche und Diakonie für nachhaltige Textilien ein.

Viele diakonische Unternehmen haben ihr globales Gewissen schon länger entdeckt und kaufen nur noch fair gehandelten Kaffee oder Schokolade. Warum ist es Ihnen wichtig, dass sie auch bei den Textilien auf einen öko-fairen Einkauf achten?

Fast die gesamte deutsche Textilproduktion findet inzwischen in Billiglohnländern statt. Rund 60 Millionen Menschen sind in der Branche tätig. Die meisten von ihnen arbeiten unter katastrophalen Bedingungen. Vor einigen Wochen erzählte mir eine Textilarbeiterin, die in Sri Lanka für ein renommiertes deutsches Unternehmen arbeitet, dass in ihrer Fabrik 16-Stunden-Schichten an der Tagesordnung sind, oft im Stehen. Bei Termindruck könnten die Schichten schon einmal bis zu 24 Stunden dauern. Und all dies zu Hungerlöhnen.

Es gibt viele Heimarbeiterinnen, die für Zulieferer tätig sind. Sie haben meist keinen Vertrag und keine soziale Absicherung. Bei der Produktion von Baumwollsamen werden Kinder eingesetzt, zum Beispiel in Indien. Auf den Baumwollfeldern werden häufig Pestizide verwendet, ohne dass die Arbeiter vernünftig geschützt sind. In den verschiedenen Produktionsstufen kommen über 20.000 verschiedene Chemikalien zum Einsatz. Da das Abwasser oft nicht sachgemäß entsorgt wird, ist dies eine Gefahr für Mensch und Umwelt. 

Viele Heimarbeiterinnen, die für Zulieferer tätig sind, haben keinen Vertrag.

Wieso ist die Situation so dramatisch?

Das hat viel mit den Mechanismen in der globalisierten Wirtschaft zu tun. Die Textilunternehmen vergeben ihre Aufträge dorthin, wo es am billigsten ist. Die Folge sind dann die beschriebenen Arbeitsbedingungen. Dazu kommt, dass die Regierungen in den Produktionsländern oft nicht für die Einhaltung der Arbeitsgesetze sorgen. Und: Die Konsumentinnen und Konsumenten freuen sich über günstige Kleidung – wobei erwiesen ist, dass Kleidung von renommierten teuren Marken in denselben Fabriken gefertigt wurde, die auch für Billigmarken produzieren, also unter denselben Bedingungen.

Ein wichtiges Stichwort ist "Fast Fashion", schnelle Mode. Alle paar Wochen gibt es eine neue Kollektion. Dies führt zu Auftragsdruck mit exzessiven Überstunden für die Arbeiterinnen und Arbeiter. "Fast Fashion"  beschreibt aber auch ein bestimmtes Konsumverhalten: Wenn ein T-Shirt nur wenige Euro kostet, wird es nach kurzem Gebrauch weggeworfen und ein neues gekauft. In Deutschland kauft im Durchschnitt jede Person 60 neue Kleidungsstücke. Dadurch wird dieser zerstörerische Mechanismus angeheizt.

Eine Kombination von Siegeln ist sinnvoll.

Es gibt Hersteller und Händler, die sozialverträglich und umweltverträglich produzierte Textilien – öko-faire Produkte – in ihr Angebot aufnehmen. Was machen die besser?

Sie achten darauf, dass bei der Herstellung nachweislich Menschen- und Arbeitsrechte garantiert sind und dass die Umwelt geschützt wird. Dafür gibt es Siegel wie zum Beispiel das Fair Trade Siegel oder den GOTS – Standard. Wichtig ist auch, möglichst viel Bio-Baumwolle einzusetzen. Wenn ein Unternehmen Mitglied in der Fair Wear Foundation ist, werden die betreffenden Nähfabriken nach hohen Standards unabhängig und transparent überprüft. Es gibt noch kein Siegel, das alle Produktionsstufen abdeckt, deshalb ist zurzeit eine Kombination von Siegeln sinnvoll. Ich berate diakonische Einrichtungen bei der Vielfalt der Umwelt- und Sozialsiegel, recherchiere die Lieferanten und unterstütze sie bei den Verhandlungen, wenn sie öko-fair umstellen möchten. Ich empfehle immer, dass beides berücksichtigt wird, Ökologie und Soziales.

Beim Thema Textilien möchten Sie vor allem die evangelischen Krankenhäuser und die stationären Einrichtungen der Altenpflege ansprechen, die in großem Stil Bettwäsche, Handtücher und Berufskleidung benötigen. Stoßen Sie auf offene Ohren?

Für die meisten ist der Einkauf öko-fairer Textilien Neuland. Meine Gesprächspartner waren für das Thema immer offen. Gleichzeitig wird die Frage nach möglichen Mehrkosten gestellt, das ist auch klar bei dem Kostendruck, unter dem alle Einrichtungen stehen. Einige haben sich schon auf den Weg gemacht und sind engagiert dabei.

Es geht hier um große Mengen. In einem Krankenhaus mittlerer Größe werden zum Beispiel täglich über drei Tonnen Textilien verbraucht. Die meisten Einrichtungen kaufen ihre Bettwäsche, Handtücher und Berufskleidung nicht selbst, sondern mieten sie bei  sogenannten "Textilen Vollversorgern". Diese holen die dreckige Wäsche ab, waschen und bügeln sie und bringen die saubere Wäsche wieder zurück. Da diese Vollversorger die Textilien einkaufen, sind sie die Ansprechpartner im Blick auf eine öko-faire Einkaufspolitik.

Die Diakonie Mark-Ruhr stellt auf ökofaire Arbeitskleidung um.

Ist öko-fairer Einkauf bei der Diakonie überhaupt finanzierbar?

Es gibt erst sehr wenige  Beispiele, wo das gelungen ist. Sie zeigen, dass eine Umstellung möglich und finanzierbar ist. Aufgrund hoher Stückzahlen kann gut verhandelt werden. Außerdem sind die Kosten für die Beschaffung der Textilien nur ein geringer Teil des "Gesamtpaketes" der Textilen Vollversorger. Das Nürnberg-Stift, ein kommunaler Träger von stationären Einrichtungen, hat die Beschaffung der Arbeitskleidung von 540 Pflegekräften umgestellt. Dort konnte ein gleicher Kostenrahmen bei besserer Qualität erreicht werden. Das Kantonsspital in St. Gallen hat 2016 auf Fairtrade und GOTS-zertifizierte Bettwäsche umgestellt. Auf den Stückpreis machte dies weniger als ein Prozent Steigerung aus. Es geht also nicht um immense Kostensteigerungen. Hier in NRW haben sich das Diakonische Werk Recklinghausen, die Diakonie Stiftung Salem in Minden und die Diakonie Mark-Ruhr auf den Weg zur Umstellung gemacht.

Die gepa hat mit dem Fairen Handel Erfolgsgeschichte geschrieben. Ist das auch in diesem Bereich möglich?

Es ist deutlich, dass in unserer Gesellschaft das Bewusstsein für diese Problematik steigt. Kundinnen und Kunden wollen keine Kleidung auf der Haut tragen, in der Ausbeutung von Menschen steckt. Es wäre ein Traum, wenn auf den Internetseiten von diakonischen Unternehmen bald damit geworben würde, dass die verwendeten Textilien ökologisch und fair produziert wurden. Das kann bei unserem Selbstverständnis als Kirche und Diakonie ein Wettbewerbsvorteil sein. Textilien öko und fair einzukaufen ist eine Chance, das eigene diakonische Profil zu schärfen. Kirche und Diakonie können im Bereich der Textilien Vorreiter in großem Maßstab sein.

Gemeinsam mit der Diakonie Deutschland lade ich daher herzlich zu einem Fachtag  "Ökofaire Beschaffung von Textilien in der Diakonie" am 6. Juni 2018 in Dortmund ein. Der Fachtag wird auch vom Diakonischen Werk Rheinland-Westfalen-Lippe und dem Verband Evangelischer Krankenhäuser Rheinland/Westfalen/Lippe unterstützt.

Das Gespräch führte Sabine Portmann.

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