11. April 2022

Medizinische Hilfe für Geflüchtete

Evangelische Kliniken versorgen Kriegsopfer

Viele der ukrainischen Geflüchteten, die täglich in Deutschland eintreffen, brauchen medizinische Hilfe. Evangelische Krankenhäuser haben die ersten Patienten behandelt und bereiten sich darauf vor, weitere Kriegsverletzte aus der Ukraine aufzunehmen.  So wie den elfjährigen David, der von Granatsplittern verletzt wurde.

  • Chefarzt Frank Hartmann und Christoph von Buch, ärztlicher Direktor, mit dem elfjährigen David, der einen Tag nach seiner Operation noch im Rollstuhl sitzt.

Anfang des Jahres war der elfjährige David noch ein ganz normaler ukrainischer Schuljunge, der mit seiner Familie in Browary lebte. Am 10. März jedoch veränderte sich sein Leben von einem Moment auf den anderen. Bei einem russischen Angriff auf die Stadt, die zwölf Kilometer nordöstlich von Kiew liegt, wurde er im Gesicht und am Oberarm durch Granatsplitter verletzt. Die Familie floh nach Polen, wo David eine medizinische Erstversorgung bekam. Doch es war klar, dass die Verletzung weiter behandelt werden musste.

Frank Hartmann ist Chefarzt der Unfallchirurgie und Orthopädie im Diakonie Krankenhaus Bad Kreuznach.

Frank Hartmann, Chefarzt der Unfallchirurgie und Orthopädie im Diakonie Krankenhaus Bad Kreuznach.

Schwer verletzte Kinder aus Krisengebieten

Die notwendige Operation erhielt David wenige Tage später im Diakonie Krankenhaus Bad Kreuznach. Dort stabilisierte Frank Hartmann, Chefarzt der Unfallchirurgie und Orthopädie, Davids gebrochenen Oberarmknochen mit Titandrähten und entfernte eine übersehene Glasscherbe, die nur schwer zu erkennen war. "Die hätte sonst zu einem ewigen Infektionsherd werden können", berichtet der Ärztliche Direktor des Krankenhauses, Christoph von Buch. David kam eher zufällig ins Diakonie Krankenhaus, weil seine Familie in der Region bei Verwandten unterkommen konnte. Er hatte Glück und landete genau an der richtigen Stelle.

"Wir haben hier die Expertise für solche Fälle", sagt von Buch. Das Krankenhaus arbeitet mit dem Verein Interplast zusammen, der die medizinische Behandlung von Kindern aus Krisengebieten oder Entwicklungsländern mit schweren Verletzungen oder angeborenen Defekten organisiert. "Aufgrund unserer langjährigen Kooperation mit Interplast sind wir gut gerüstet, verletzte Kinder aus der Ukraine bei uns zu versorgen", sagt von Buch. "Wir rechnen damit, dass in den nächsten Wochen weitere Verletzte bei uns eintreffen."

Christoph von Buch ist Ärztlicher Direktor im Diakonie Krankenhaus Bad Kreuznach.

Christoph von Buch, Ärztlicher Direktor Diakonie Krankenhaus Bad Kreuznach.

Kostenfreie Behandlungsplätze

Die Zuweisung der Patienten soll nach dem Kleeblatt-System erfolgen, das während der Corona-Pandemie zur Verteilung von Erkrankten auf Bundesländer mit freien Klinik-Kapazitäten eingerichtet wurde. "Ich hoffe, dass sich die Kleeblatt-Strukturen nun schnell etablieren", sagt von Buch. "Es ist unsere zutiefst medizinische und pflegerische Verantwortung, diesen Menschen zu helfen."

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hatte Ende März das Eintreffen erster Kriegsverletzter aus der Ukraine bekannt gegeben, die über das Kleeblatt-System verteilt werden sollten, für das sich die Kliniken melden können. Zusätzlich hat der Deutsche Evangelische Krankenhausverband (DEKV) seine Mitglieder aufgerufen, kostenfreie Behandlungsplätze für Patienten aus der Ukraine bereitzustellen. "Wir verstehen die Spende unserer Mitglieder als Beitrag zu einer unkomplizierten humanitären Versorgung der vom Krieg schwer getroffenen Menschen aus der Ukraine", erklärt der DEKV-Vorsitzende Christoph Radbruch.

Das Bett auf der Intensivstation ist bereits für einen Patienten vorbereitet.

Der Deutsche Evangelische Krankenhausverband (DEKV) hat seine Mitglieder aufgerufen, kostenfreie Behandlungsplätze für Patienten aus der Ukraine bereitzustellen.

Krankenhäuser halten sich bereit

Eine der Kliniken, die sich an dieser sogenannten DEKV-Friedensdividende beteiligt, ist zum Beispiel das Florence-Nightingale-Krankenhaus in Düsseldorf. "Wir haben fünf Betten eingeplant, um Patienten vor allem chirurgisch, unfallchirurgisch und kinderchirurgisch zu behandeln", erklärt Holger Stiller, Vorstand der Kaiserswerther Diakonie und Krankenhausdirektor.

Auch andere Evangelische Kliniken sind dem Aufruf des DEKV gefolgt und haben Plätze für stationäre Behandlungen reserviert, darunter etwa das Luisenhospital Aachen, das Evangelische Krankenhaus Kalk in Köln, das Evangelische Krankenhaus Bergisch Gladbach, das Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus Speyer, das Krankenhaus Bethanien für die Grafschaft Moers oder das Evangelische Krankenhaus Mettmann.

Verschiedene medizinische Instrumente, Tabletten und ein Klemmbrett mit Checkliste.

Die Notaufnahmen sind darauf vorbereitet, bei Bedarf unbürokratisch Medikamente an ukrainische Patienten auszugeben. 

Geflüchtete in der Notaufnahme

Bereits jetzt schon versorgen Evangelische Krankenhäuser geflüchtete Ukrainer, die in Deutschland untergekommen sind. "Wir sind von der Stadt, von der unteren Gesundheitsbehörde, angesprochen worden, ob wir zur Verfügung stehen, wenn Flüchtlinge aus der Ukraine medizinischer Behandlung bedürfen", berichtet zum Beispiel Ali Avci, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Evangelischen Krankenhaus Oberhausen. Erste Patientinnen aus einer Flüchtlingsunterkunft in Oberhausen seien bereits im Krankenhaus behandelt worden, weil sich bei der Aufnahmeuntersuchung der Verdacht auf Tuberkulose ergeben habe. Zum Glück seien sie jedoch nicht schwer erkrankt. Auch in der Notaufnahme seien schon einige Geflüchtete versorgt worden, sagt Avci. Das Krankenhaus sei darauf vorbereitet, bei Bedarf unbürokratisch Medikamente an ukrainische Patienten auszugeben. Das könne etwa notwendig sein, wenn diese am Wochenende in die Notaufnahme kämen und zunächst unklar sei, wie die Arznei bezahlt werden könne.

Auch in der Notaufnahme des Florence-Nightingale-Krankenhauses in Düsseldorf wurden bereits Geflüchtete behandelt, berichtet Krankenhausdirektor Stiller. Außerdem habe das Krankenhaus medizinisches Material für die Gesundheitsversorgung der Menschen an der Messe Düsseldorf zur Verfügung gestellt, wo Geflüchtete derzeit in einer Halle untergebracht sind. 

Text: Claudia Rometsch, Fotos: Stiftung Kreuznacher Diakonie, Deutsche Katastrophenhilfe, Pixabay, EVK Düsseldorf.

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