20. November 2020

Klinikseelsorge

Gedenken in Zeiten von Corona

Rund um den Ewigkeitssonntag finden in evangelischen Kliniken und Kirchen Gottesdienste und Gedenkfeiern statt. In der Pandemie suchen besonders viele Angehörige Trost und Ermutigung. Ulrich Lüders, Klinikseelsorger in der Kaiserswerther Diakonie, wundert das nicht. Die strengen Hygiene- und Besuchsregeln in den Kliniken haben allen eine Menge abverlangt.

  • Gedenkkerzen im Gottesdienst der Klinikseelsorge der Kaiserswerther Diakonie (Foto Ulrich Lüders)
  • Altarraum der Mutterhauskirche der Kaiserswerther Diakonie (Foto Ulrich Lüders)
  • Mutterhauskirche der Kaiserwerther Diakonie (Foto: Kaiserwerther Diakonie/Frank Elschner)

Leuchtende Kerzen für die Verstorbenen, eng zusammengestellt in einem runden Gefäß vor dem Altar – ein schlichtes Bild für Trauer, Trost und Hoffnung. Aber eines, das die Teilnehmenden des Gedenkgottesdienstes für die Verstorbenen des Florence-Nightingale-Krankenhauses der Kaiserswerther Diakonie in diesem Jahr besonders bewegt hat. "Es hat vielen gezeigt, dass sie in ihrer Trauer nicht alleine sind", sagt Klinikseelsorger Ulrich Lüders. "Das war in dieser Pandemie mit all ihren Einschränkungen eine wichtige und heilsame Erfahrung."

Jedes Vierteljahr lädt der evangelische Theologe die Angehörigen verstorbener Patienten mit seinem ökumenischen Team zu einer Gedenkfeier ein. Die Gottesdienste sind meist gut besucht. Aber es passiert selten, dass fast alle kommen und selbst diejenigen auf die Einladung reagieren, die nicht dabei sind. "Die Tochter einer Verstorbenen bat mich, stellvertretend für die Mutter eine Kerze anzuzünden", berichtet Lüders. "Eine andere Angehörige teilte mit, dass sie auf die Teilnahme verzichtet, weil ihre Mutter aus der Kirche ausgetreten ist, aber eine Spende überweist."

Klinikseelsorger Pfarrer Dr. Ulrich Lüders (Foto: Kaiserswerther Diakonie/Frank Elschner)

Seit insgesamt 20 Jahren arbeitet Pfarrer Dr. Ulrich Lüders in der Krankenhausseelsorge. (Foto: Kaiserswerther Diakonie/Frank Elschner)

Gut aufgestellt in der Seelsorge

Seit neun Jahren arbeitet der 60-jährige Klinikseelsorger im Florence-Nightingale-Krankenhaus, das rund 600 Betten hat. Etwa 450 Menschen sterben dort pro Jahr. Viele begleitet er mit seinem Team, zu dem noch zwei katholische Kollegen, eine ehrenamtliche Seelsorgerin und ein evangelischer Pfarrer gehören. "Wir sind gut aufgestellt. Das hat uns in dieser Pandemie geholfen."

Mit Intensivstationen voller Covid 19-Patienten wurde Lüders bislang nicht konfrontiert. Drei Patienten sind in seinem Krankenhaus an dem Virus gestorben. "Wir haben versucht, allen Angehörigen einen würdevollen Abschied zu ermöglichen, aber die Aussegnung konnte nicht – wie sonst üblich am Sterbebett stattfinden." Die Begleitung sterbender Menschen, so betont der Klinikseelsorger, sei in der Pandemie nicht viel anders gewesen als sonst. Die strengen Besuchsregeln galten für Angehörige sterbender Patienten nicht. "Aber Tod und Trauer in der Pandemie mit den strengen Hygiene- und Abstandsregeln zu erleben hat alle belastet."

Mann mit Atemschutzmaske und Haube vor Zeichnung des Corona-Virus (Foto: pixabay.de)

Vermummt am Krankenbett sitzen das ist für den Klinikseelsorger wie auch für Angehörige von Patienten nicht leicht. (Foto: pixabay.de)

Die Verletzlichkeit des Lebens

Mit Mund-Nasen-Schutz, Schutzkleidung und Abstand bei todkranken Patienten zu sitzen, sei für die Angehörigen wie für ihn selbst eine große Herausforderung gewesen, so Lüders. "Doch man lernt auch, viel mit den Augen und der Stimme auszudrücken." 

Im Angesicht des Todes seien Gespräche oft intensiv, aber in der Corona-Pandemie habe er bei fast allen Patienten und ihren Angehörigen ein noch stärkeres Bedürfnis nach Trost und Ermutigung gespürt. "Dieses unsichtbare Virus, das sich jeder überall einfangen kann und das in seinen gesundheitlichen Auswirkungen unberechenbar ist, macht Angst", beobachtet Lüders. "Wir können wenig dagegen tun und es kann jeden unerwartet treffen. Das macht vielen neu bewusst, wie verletzlich unser Leben ist."

Ulrich Lüders mit einer Patienten der Palliativstation, die er vor der Corona-Pandemie begleitet hat. (Foto: Kaiserswerther Diakonie/Frank Elschner)

Ulrich Lüders mit einer Palliativpatientin, die er vor der Corona-Pandemie begleitet hat. (Foto: Kaiserswerther Diakonie/Frank Elschner)

Ruhe und Orientierung geben

Wenn Ulrich Lüders in den vergangenen Monaten über die Stationen gegangen ist, um sich vorzustellen und ein Gespräch anzubieten, haben sich mehr Patienten als sonst darauf eingelassen. Auch für Angehörige ist er ein wichtiger Ansprechpartner, denn er steht immer wieder stellvertretend für sie am Krankenbett, weil Besuchszeiten eingeschränkt werden mussten. Der Klinikseelsorger verkörpert Ruhe und Orientierung in einer Zeit der Ungewissheit und Sorge.

Verstärkt wenden sich nun auch Klinikmitarbeitende an ihn. "Dieses Jahr hat alle unglaublich angestrengt und ausgelaugt – beruflich wie privat", sagt Lüders. "Und mit den hohen Infektionszahlen steigt die Angst vor einer weiteren Überlastung." Aktuell sind 75 Prozent der bundesweit rund 28.000 Intensivbetten belegt, darunter befinden sich etwa 3.500 Covid 19-Patienten. Steigt ihr Anteil weiter, könnte bald jede dritte geplante Operation verschoben werden. "Alle arbeiten hier unter großer Anspannung und suchen nach Kraftquellen, um das durchzustehen."

Ein alter Mensch hat das Bild eines Verstorbenen in den Händen. (Foto: pixabay.de)

Schwere Zeiten für  Angehörige verstorbener Patienten: Viele Möglichkeiten des Austauschs und gemeinsamen Trauerns sind derzeit nicht möglich. (Foto: pixabay.de)

Trauernde nicht alleine lassen

Für Angehörige, die Menschen in dieser Pandemie verloren haben, gilt das besonders. Viele sind jetzt mit ihrer Trauer allein. Trauergruppen, die trösten und ermutigen, können nicht stattfinden, Veranstaltungen, die Ablenkung bringen, fallen aus. Freunde sind zurückhaltend mit Besuchen, auf Umarmungen muss ohnehin verzichtet werden.

Daher sind die Klinikseelsorger jetzt mehr als sonst für trauernde Angehörige da. Sie hören zu, antworten auf Briefe und vermitteln den Kontakt zu einer Kirchengemeinde vor Ort. Immer wieder auch an diejenigen, die den Kontakt dorthin verloren oder abgebrochen haben. "Durch uns Seelsorger erleben sie oft eine Kirche, die nah bei den Menschen ist und sie in Grenzsituationen nicht alleine lässt", sagt Ulrich Lüders. "Dafür stehen auch unsere Gedenkgottesdienste."

Text: Sabine Damaschke, Fotos: Kaiserswerther Diakonie/Frank Elschner

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Im Teil-Lockdown verzichten Evangelische Kliniken, Kirchengemeinden und diakonische Altenheime zum Teil auf die Gedenkgottesdienste. Aber es gibt noch andere Formen des Gedenkens an Verstorbene. Die evangelische Internetplattform www.trauernetz.de bietet am Ewigkeitssonntag um 18 Uhr eine Chatandacht an. Angehörige können auf dem Portal die Namen ihrer Verstorbenen in ein digitales Trauerbuch eintragen. Sie werden während der Andacht eingeblendet. Die Diakonie Ruhr-Hellweg hat in ihren Einrichtungen Fürbittenstelen aufgestellt, auf denen der Menschen gedacht wird, die an oder mit Corona gestorben sind.