9. April 2020

Kliniken in der Corona-Krise

Die Ruhe vor dem Sturm

Die Zahl der Corona-Infizierten steigt. Noch ist die Pandemie in Deutschland nicht auf ihrem Höhepunkt angekommen. Das Evangelische Luisenhospital in Aachen nutzt die Zeit und bereitet sich auf einen rapiden Anstieg von Corona-Patienten vor. "In unserem Gesundheitswesen wurde zu lange an der Pflege gespart. Das zeigt sich jetzt so deutlich wie nie", sagt Pflegedirektorin Claudia Kuhnen. 

  • Die Belegschaft des Evangelischen Luisenhospitals.
  • Die Pflegedirektorin des Evangelischen Luisenhospitals Claudia Kuhnen.

Im Aachener Luisenhospital braut sich etwas zusammen. Da, wo sonst Hektik und Trubel herrschen, ist es auffällig still. Die Eingänge sind abgeriegelt, nur der Haupteingang und der Zugang zur kassenärztlichen Ambulanz sind noch geöffnet. An den Türen werden Mund-Nasen-Schutzmasken verteilt – ohne darf niemand das Gebäude betreten. Manche Stationen sind nicht mehr in Betrieb; stattdessen wurden Stationen zu Infektionsstation umgerüstet. Dort liegen nun Patienten, die am Corona-Virus erkrankt sind. Aktuell gibt es 21 bestätigte Fälle, davon acht auf der Intensivstation. 19 Patienten stehen unter Corona-Verdacht.

"Die Betten werden bald alle gefüllt sein. Das ist die Ruhe vor dem Sturm", sagt Pflegedirektorin Claudia Kuhnen. Der Sturm, auf den sich das Hospital seit Wochen vorbereitet, ist der erwartete rapide Anstieg von Covid-19-Infektionen. Jeden Tag könnte es so weit sein. Kuhnen und ihre Kollegen haben ihr Krankenhaus einmal komplett auf "links gedreht". Zwei Stationen wurden zu Corona-Stationen umgerüstet: 30 Zimmer, auf denen bis zu 40 Patienten aufgenommen werden können. 

Pflegekräfte des Luisenhospitals bei einer Besprechung.

Neue Kollegen: Das Luisenhospital hat viele Pflegekräfte auf andere Stationen umverteilt, um sich für die steigenden Zahlen an Corona-Patienten zu rüsten.

Normal gibt es nicht mehr

"Kaum ein Stammteam arbeitet mehr dort, wo es bislang eingesetzt war." Das Team von der Hals-Nasen-Ohren-Abteilung ist jetzt größtenteils auf der Infektionsstation tätig und behandelt Covid-19-Patienten. "Normal gibt es seit Ende Februar nicht mehr. Jeder Tag ist eine neue Ausnahme", erzählt die 52-Jährige. "Und jeden Tag hinterfragen wir unsere Entscheidungen: War das richtig, was wir gestern gemacht haben?"

Seit 30 Jahren arbeitet sie als Krankenschwester, seit vier Jahren ist die Gesundheitsmanagerin als Pflegedirektorin tätig. Schweinegrippe, die verheerende Grippewelle 2017/2018 und andere Viruserkrankungen hat sie als Intensivfachkraft durchgestanden. "Covid-19 lässt sich damit nicht vergleichen. Corona hat die Welt völlig auf den Kopf gestellt", betont Kuhnen. Das Virus hat sich innerhalb kürzester Zeit in der ganzen Welt ausgebreitet. Die Dauer der Beatmung ist bei schweren Verläufen viel länger als bei anderen Viruserkrankungen. Und auch die Sterberate ist höher. "Es gibt bisher wenige Möglichkeiten der Therapie", sagt die Pflegedirektorin.

Eine Atemschutzmaske des Typs FFP2.

Atemschutzmasken werden in vielen Krankenhäusern knapp. Auch bei Schutzkleidung und Desinfektionsmitteln ist es schwer, nachzubestellen.

Schutzkleidung ist Mangelware

"Ich bin eine Optimistin. Wenn die Leute jetzt konsequent zu Hause bleiben und wir mehr testen, dann können wir das schaffen." Deutschland hat eine im internationalen Vergleich hohe Versorgungsdichte an Intensivbetten. Und auch die Zahl an regulären Krankenhausbetten ist gut. Was allerdings fehlt, sind Atemschutzmasken und Schutzkleidung.

Besonders in Regionen, in denen es viele Corona-Infizierte gibt, seien Schutzmaterialien knapp, berichtet Elke Grothe-Kühn, Leiterin des Geschäftsfelds Krankenhaus und Gesundheit in der Diakonie RWL. "Von einigen unserer Kliniken haben wir die Rückmeldung bekommen, dass sie mehr als zehn neue Anbieter kontaktiert haben, um an Atemschutzmasken zu kommen." Auch die Preise seien in den vergangenen Wochen massiv angestiegen und die Lieferzeiten aus Ostasien haben sich verlängert. Für sogenannte FFP2-Masken würden aktuell Preise von bis zu neun Euro aufgerufen. Einzelne Supermärkte verkauften die Schutzmasken an Normalbürger für 13 Euro – vor der Corona-Krise waren die Atemschutzmasken noch unter 2,35 Euro zu haben. Die Masken gehörten eigentlich in die Hände des Gesundheitspersonals, betont Grothe-Kühn.

"Das ist meine größte Sorge, dass ich meine 700 Pflegekräfte nicht gut ausrüsten kann, um sie - so gut es geht - zu schützen", sagt Kuhnen. "Das ist, als ob man jemanden ohne Rüstung in den Kampf schickt." Das Luisenhospital hat eine Task-Force gegründet, die koordiniert und sich auch um die Beschaffung neuer Schutzkleidung kümmert. Es sei extrem schwierig, seriöse Quellen aufzutreiben.

Pflegekräfte des Luisenhospitals in einer Besprechung.

Welle der Hilfsbereitschaft: Das Luisenhospital bekommt zahlreiche Hilfsangebote von Anwohnern und ehemaligen Mitarbeitenden.

Welle der Hilfsbereitschaft

"Viele Leute melden sich bei uns und bieten Hilfe an", so die Gesundheitsmanagerin. Ein Mann hat mit seinem 3D-Drucker 35 Plastik-Visiere für das Krankenhauspersonal produziert. Sie sollen die Mitarbeitenden vor Ansteckung schützen. Eine Schule, die als Schutzmaßnahme vor einem möglichen Kernkraftunglück im angrenzenden Belgien hochwertige FFP3-Atemschutzmasken angeschafft hat, bietet dem Luisenhospital an, sich die Masken auszuleihen. "Das Telefon steht bei uns nicht still. Kolleginnen und Kollegen, die in Rente sind oder schon länger in anderen Bereichen arbeiten, melden sich bei uns und sagen: Ich kann morgen anfangen."

Bislang wolle das Krankenhaus niemanden aus dem Ruhestand zurückholen. Auch der eingereichte Urlaub der Mitarbeitenden werde nicht gestrichen. "Wir müssen das jetzt noch nicht annehmen. Noch haben wir ein wenig Zeit und die nutzen wir, um zu schulen, richtig gut zu schulen", betont die 52-Jährige. Bei allen Pflegenden und Ärzten werden  Themen der Intensivmedizin aufgefrischt. Sie lernen, welche Parameter beim Covid-19 relevant sind und werden in die entwickelte "Corona-Systematik" eingeführt. An den Zimmertüren hängen Listen mit den aktuellen Sauerstoffwerten des jeweiligen Patienten. 

Das Luisenhospital in Aachen

Das Luisenhospital liegt in der Aachener Innenstadt. Durch die Nähe zum Kreis Heinsberg wurden früh erste Corona-Patienten eingeliefert.

Nach der Krise ist vor der Krise

"Reserven haben wir im Pflegebereich nicht. Mein Team und ich verwalten quasi immer Personalmangel und prüfen, wie wir Lücken schließen können", berichtet Claudia Kuhnen. Es sei schön, wenn abends die Menschen auf ihren Balkonen klatschten und die Arbeit der Pflegenden würdigten. "Respekt und Anerkennung ist wichtig, die reichen alleine aber nicht aus." Die Pflegekräfte müssten vernünftig bezahlt werden. "Wenn eine Pflegefachkraft, die 60 bis 70 Mitarbeitende führt, im Schnitt weniger verdient als ein Filialleiter einer Supermarktkette, dann läuft da etwas gewaltig schief. Wir tragen die Verantwortung für Menschenleben. Entsprechend bezahlt werden wir aber nicht."

Sobald in Krankenhäusern eingespart werden müsse, treffe es die Pflege zuerst. Die Pflege habe zu wenig Lobby. Die von Gesundheitsminister Jens Spahn realisierten Reformen wie die Pflegepersonaluntergrenze seien erste wichtige Schritte. "Nun werden die jetzt natürlich erst einmal ausgesetzt in der Krise", so die Pflegedirektorin. Das sei richtig und wichtig, um die Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen. Danach müsse sich aber einiges verändern. 

Ihre Sorge: Die jetzige Krise könne viele Pflegekräfte, die zuvor schon am Limit gearbeitet haben, dazu veranlassen, diesen fordernden Beruf aufzugeben. "Wir müssen uns eindringlich bewusst machen: Nach der Krise ist vor der Krise", appelliert Kuhnen. Es gelte jetzt, die Corona-Pandemie zu stoppen, aber danach müssten Bund und Länder alles daransetzen, vernünftige Rahmenbedingungen für die Pflegenden zu schaffen. Genügend Zeit, um die Pflegebedürftigen professionell zu versorgen und eine angemessene Entlohnung seien erste wichtige Schritte. Sonst, so fürchtet sie, könnte in der nächsten Krise das System wirklich zusammenbrechen. 

Text: Ann-Kristin Herbst; Fotos: Luisenhospital Aachen 

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Corona-Aufnahme-Verordnung

Nicht nur in den Krankenhäusern macht sich der Mangel an Pflegekräften bemerkbar. Auch Pflegeheime und Einrichtungen der Eingliederungshilfe stehen in der Corona-Krise vor großen Herausforderungen. In einer neuen Corona-Aufnahme-Verordnung legt die NRW-Landesregierung neue Bestimmungen für die Neu- und Wiederaufnahme von Patienten und Bewohnern fest. Die Einrichtungen müssen räumlich getrennte Quarantänebereiche schaffen, in denen Menschen nach ihrer Entlassung aus einem Krankenhaus oder bei Neuaufnahme in der Einrichtung 14 Tage untergebracht werden können. Das ist für viele Einrichtungen wie Alten- und Pflegeheime wie für Einrichtungen der Behinderten- und Suchthilfe, der Hilfen für Menschen mit psychischen Erkrankungen oder der Wohnungslosenhilfe kaum zu realisieren. Die Diakonie RWL hat das NRW-Gesundheitsministerium daher in einer Pressemitteilung aufgefordert , die Verordnung dringend nachzubessern.