2. März 2021

Impfungen in Kliniken

Ein organisatorischer Kraftakt

#Ärmelhoch in den evangelischen Kliniken. Nach einem holprigen Start sind nun viele Ärzte und Pflegekräfte auf Intensivstationen und Notaufnahmen geimpft. Doch bis das gesamte Klinikpersonal an der Reihe war, wird es noch länger dauern. Zumal es immer wieder zu Verzögerungen bei der Lieferung des Impfstoffes kommt, wie Elke Grothe-Kühn, Leiterin des Klinik-Geschäftsfeldes der Diakonie RWL, berichtet. 

  • Diakonie RWL-Mitarbeiterin Elke Grothe-Kühn mit Statement zur Impfkampagne (Foto Ann-Kristin Herbst/Diakonie RWL)
  • Dr. Benjamin Breuer, Arzt im Florence-Nightingale-Krankenhaus der Kaiserswerther Diakonie, mit einem Statement zur Impfkampagne (Foto: Kaiserswerther Diakonie/Frank Elschner)
  • Katrin Boesel vom Florence-Nightingale-Krankenhaus der Kaiserswerther Diakonie, mit einem Statement zur Impfkampagne (Foto: Kaiserwerther Diakonie/Frank Elschner)
  • Susanne Klein, Pflegekraft im Florence-Nightingale-Krankenhaus der Kaiserswerther Diakonie, mit einem Statement zur Impfkampagne (Foto: Kaiserwerther Diakonie/Frank Elschner)

Der Impfstart in den NRW-Kliniken war sehr schwierig. Aufgrund von Lieferschwierigkeiten beim Impfstoff konnte erst später als geplant gestartet werden. Läuft jetzt alles rund?

In vielen Kliniken ist das Personal geimpft, das auf Stationen arbeitet, in denen Patienten mit Covid-19 oder andere besonders vulnerable Gruppen versorgt werden. Das betrifft in Nordrhein-Westfalen etwa 100.000 von insgesamt 350.000 Beschäftigten. Bis alle zweimal geimpft sind, ist es aber noch ein längerer Weg. Leider kommt es bisher immer wieder zu Lieferengpässen, so dass Termine verschoben werden müssen. Für die Krankenhäuser ist das ein großer organisatorischer Kraftakt.

Nehmen Sie nur das Florence-Nightingale-Krankenhaus der Kaiserswerther Diakonie. Dort arbeiten etwa 1.500 Menschen. Pro Tag werden 80 bis 100 Menschen geimpft, die dafür Termine vereinbart haben. Wenn sich eine Lieferung verzögert oder sogar für den Tag abgesagt werden muss, kommt alles durcheinander. Insofern können wir nicht behaupten, dass es wirklich rund läuft mit den Impfungen.

Anders etwa als Rheinland-Pfalz hat die Landesregierung Ende Januar einen kompletten Impfstopp für die Kliniken verhängt, als es zu Lieferschwierigkeiten kam und weiterer Impfstoff erst nachproduziert werden musste. Viele Klinken waren empört und besorgt. Konnten Sie das nachvollziehen?

Ich fand diese Entscheidung der Landesregierung nachvollziehbar. Auf diese Weise wollte sie genug Impfstoff für die zweite Impfung zurückhalten. Dafür hatten auch viele unserer evangelischen Kliniken Verständnis. Empört waren sie darüber, dass der Impfstopp quasi über Nacht kommuniziert wurde. Die Krankenhäuser hatten Stationen für Impfstraßen freigeräumt, Ärzte fürs Impfen freigestellt, schon Wochen vorher Termine unter den Mitarbeitenden vergeben. Alles war organisiert und dann musste dem Personal über Nacht abgesagt werden.

Das war ein schlechtes Signal – insbesondere gegenüber allen, die den Impfungen skeptisch gegenüberstanden. Es gab die Befürchtung, dass die Impfbereitschaft nach dieser Erfahrung deutlich abnehmen würde. Doch zum Glück war das nicht der Fall, wie wir aus den meisten unserer Krankenhäuser hören. Die Impfbereitschaft ist mit rund 80 bis 90 Prozent sehr hoch. Das Evangelische Krankenhaus Bergisch-Gladbach etwa hat es geschafft, an einem Tag 500 Mitarbeitende zu impfen. Das ist wirklich bemerkenswert.

Statt mit einer Impfmüdigkeit haben Kliniken in den letzten Wochen eher Schlagzeilen mit "Impfdränglern" aus dem Management gemacht. Das Argument war immer ähnlich: Man wollte übrig gebliebene Impfdosen nicht verfallen lassen.

Tatsächlich kommen nicht immer alle Menschen, die zu einer Impfung eingeladen wurden. Was nicht verwundert, weil viele Impftermine sich verschoben haben. Doch genau für solche Fälle sollten die Kliniken eine Reserveliste von Personen haben, die schnell erreichbar sind und in die vom Bund vorgegebene Prioritätenliste passen. In die Kategorie 1 gehört neben Ärztinnen und Ärzten sowie dem Pflegepersonal auch das Reinigungs- und Servicepersonal auf Covid-19-Stationen. Gerade in größeren Häusern müsste es also möglich sein, auch kurzfristig impfberechtigte Mitarbeitende zu finden. Krankenhausmanager stehen meiner Ansicht nach in besonderer Verantwortung, ihrer Belegschaft eine sensible Anwendung der Impfverordnung vorzuleben.

Viele Kliniken stehen wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand. Was bedeuten die Impfungen in finanzieller Hinsicht für die Krankenhäuser?

Der Impfstoff wird zwar gestellt, aber der organisatorische Aufwand ist hoch. Ärztinnen und Ärzte werden fürs Impfen freigestellt, das Personal, das sich impfen lässt, fehlt in der Zeit auf den Stationen. Mit Wegen und Wartezeiten können Sie pro Impfung etwa eine halbe Stunde einkalkulieren. Wenn Sie alle Stunden zusammenrechnen, können Sie dafür vermutlich ein Jahr lang einen Arzt oder zwei Pflegekräfte finanzieren. Das hört sich nicht dramatisch an, aber es ist eine zusätzliche finanzielle Belastung für die von der Pandemie wirtschaftlich hart getroffenen Kliniken. Die Krankenhäuser müssen Belegungsrückgänge von durchschnittlich über 20 Prozent verkraften. Daher fordert die Krankenhausgesellschaft NRW auch für das Jahr 2021 einen Rettungsschirm. Dem können wir uns mit unseren 52 evangelischen Kliniken nur anschließen.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

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Die Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen schlagen Alarm. Viele sehen sich in ihrer Existenz bedroht, wie die Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen (KGNW) jetzt in einer Pressemitteilung warnte. Anhaltend hohe Erlöseinbußen, die durch erhöhten Personalaufwand, Quarantänen auch von Beschäftigten und durch erhöhte Hygieneauflagen für die Belegung der Krankenzimmer und Isolierstationen entstehen, seien von den Häusern nicht mehr aufzufangen, hieß es. Allein im Januar dieses Jahres verzeichneten die Kliniken ein Einnahmedefizit von mehr als 370 Millionen Euro. Statt kurzfristiger Ausgleichszahlungen müsse die Politik nachhaltig den Kliniken über die Pandemie hinweg helfen und sie als Teil der Daseinsvorsorge erhalten, forderte die KGNW.